Nicolas Betticher: «Es kamen Morddrohungen»

Im September erhielt Nicolas Betticher (61) Morddrohungen, weil er Priester und Bischöfe in Rom angezeigt hat. «Die Kantonspolizei sagte, sie sei in Sorge», berichtet der Berner Pfarrer gegenüber der «SonntagsZeitung». Zum nationalen Kirchenstrafgericht sagt Betticher: Der Bundesrat solle beim Papst intervenieren. «Nur dann kriegen wir meines Erachtens eine Chance auf ein unabhängiges Gericht».

Annalena Müller

Im September veröffentlichte der «SonntagsBlick» den Inhalt eines Briefs von Nicolas Betticher an den Vatikan. Darin erhebt Betticher Vertuschungsvorwürfe gegen drei Bischöfe und Missbrauchsvorwürfe gegen einen Territorialabt und drei Priester. Seither gilt Betticher als Whistleblower – und Nestbeschmutzer. Im Interview mit der «SonntagsZeitung» spricht der Berner Pfarrer über Morddrohungen, Beschimpfungen und seine Forderung nach dem Eingreifen der Politik in der Frage des nationalen Kirchenstrafgerichtes.

Morddrohung und Beschimpfungen

Erstmals äussert sich Nicolas Betticher zu den Reaktionen auf die Veröffentlichung seines Briefes. Er habe in den Wochen danach schlecht geschlafen. «Es kamen Morddrohungen, anonyme Briefe, in denen ich verflucht wurde.» In einem hiess es: «Du dreckige Ratte, du wirst verrecken!» In einem anderen Brief schrieb ihm jemand: «Ich dachte, Sie seien tot und begraben und brennen langsam in der Hölle.»

Die Kantonspolizei habe ihm gegenüber Sorge geäussert. Auch weil die Drohungen nicht nur per Post kamen. «Ich habe vor meiner Tür einen aus Karton gebastelten Sarg gefunden, voller schwarzer Kreuze.» Und an die Tür der Pfarrkirche Bruder Klaus in Bern habe jemand satanistische Zeichen gemalt.

Kritik der Medien «hat mich sehr verletzt»

Auf Anfrage von kath.ch sagt Betticher, dass er keinen Polizeischutz habe. «Ich habe keine Angst, denn ich spüre sehr viel Kraft und fühle mich vom lieben Gott getragen.» Schlimmer als die Drohungen einzelner Personen sei für ihn die Kritik der Medien gewesen.

Besonders Westschweizer Medien hatten Betticher im September kritisiert, dass er erst jetzt über Missbrauchsvorwürfe spreche. Den Brief habe Betticher geschrieben, nachdem ihn die Forschenden der Universität Zürich interviewt hatten. «Die Kritik der Medieen hat mich wirklich sehr verletzt». Frühere Fehler könne er heute nicht mehr ändern. Aber wenn die Medien einem den eigenen Lernprozess vorwerfen, dann sei das schwierig, sagt Betticher im Telefonat.

Rom kann nicht alles machen

Im Interview mit der «SonntagsZeitung» spricht Betticher auch über das geplante nationale Kirchenstrafgericht für die Schweiz. «Mit einem Partikularrecht könnte man zum Beispiel die Bischöfe in der Schweiz von der Gerichtsbarkeit in Sachen sexueller Missbrauch entlasten», sagt Betticher. «Ein kompetentes Gericht könnte agieren und Prozesse und Verfahren durchführen.»

Allein auf das Dikasterium für die Glaubenslehre zu bauen, sei unrealistisch. Dorthin müssen nach geltendem Kirchenrecht alle Fälle von Missbrauch an Minderjährigen gemeldet werden.

«Es ist schlicht unmöglich, dass eine kleine Gruppe von Männern im Vatikan alle Missbrauchsfälle der Welt managt, wenn wir allein in der Schweiz schon Tausende haben.» Allein wegen der grossen Zahl schaue sich das Dikasterium in der Praxis einen Fall nur an. Es entscheide, ob es ihn selbst behandele oder an den Ortsbischof zur Untersuchung zurückgebe. «So werden die Bischöfe überlastet, und sie müssen über ihre eigenen Priester urteilen. Das ist weder für die Opfer noch für die Täter, noch für die Kirche gut», sagt Betticher.

Französisches Vorbild untauglich

Es brauche nationale Lösungen. Von der Idee der Schweizer Bischofskonferenz, ein kirchliches Straf- und Disziplinargericht nach französischem Vorbild einzurichten, hält Betticher wenig. Denn das französische Straf- und Disziplinargericht könne weder über Missbrauchsfälle von minderjährigen Opfern noch über Bischöfe richten.

«Das wäre keine glaubwürdige Antwort auf die Missbrauchsfälle», sagt Betticher und verweist auf die Pilotstudie der Universität Zürich. Diese hatte gezeigt, dass 74% der Missbrauchsbetroffenen minderjährig waren. «Und auch Bischöfe sollten in der Schweiz zur Rechenschaft gezogen werden können, falls dies ansteht,» findet Betticher.


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.kath.ch/newsd/nicolas-betticher-es-kamen-morddrohungen/