Seit September können auf dem Friedhof Sihlfeld in Zürich sogenannte Grabstellen «Regenbogen» gemietet werden. Die Urnengräber sind für queere Menschen gedacht, aber auch für andere Personen, die sich dort ihre letzte Ruhestätte vorstellen können.
Sarah Stutte
In kräftigem Lila und Pink leuchten derzeit die Blumen auf diesem speziellen Urnengrab inmitten des Zürcher Friedhofs Sihlfeld. Damit setzen sie noch einen anderen Farbtupfer in den ansonsten rötlich-braunen Herbst.
Auf dieser Ruhestätte, die teilweise noch unter einem schützenden Baum liegt, sollen noch mehr Stauden und Pflanzen das ganze Jahr hindurch in orange, grün, rot, blau, pink und gelb erblühen – möglichst in allen Farben des Regenbogens. Denn dieser gibt der Grabstelle ihren Namen, die bisher ein Unikum in der Schweiz ist.
Zum einen, weil dort queere Menschen den letzten Ort für sich finden sollen, um sich zusammen mit anderen aus der LGBTIQ+-Gemeinschaft verbunden zu fühlen. Andererseits wurde hier aber auch ein Platz geschaffen für Sternenkinder, Naturliebhaberinnen und -liebhaber sowie Menschen, denen der Frieden am Herzen lag. Denn im Tod und unter dem Regenbogen sind alle Menschen gleich und schliesslich möchte man Inklusion statt Ausgrenzung schaffen.
Laut Bruno Bekowies vom Bestattungs- und Friedhofamt der Stadt Zürich kam die Arbeitsgruppe «Regenbogen-Ruhe» im Sommer 2022 mit dem Wunsch eines queeren Grabfelds auf sie zu. Die Arbeitsgruppe setzt sich aus Vertreterinnen und Vertretern verschiedener, vor allem queerer Organisationen zusammen.
Eine solche Umsetzung ging aber rechtlich nicht. Die kantonale Bestattungsverordnung sehe vor, dass für Interessengruppen kein eigenes Grabfeld geschaffen werden könne, so Bekowies.
Die Stadt kam dann auf die Idee, das Themengrab «Regenbogen» zu öffnen – «für alle, denen es hier gefällt», sagt er. Weiter führt Bekowies aus: «Damit konnten wir den Wunsch eines queeren Grabfelds realisieren, ohne dieses explizit als solches zu benennen».
Und dies in denkbar kurzer Zeit. Innerhalb eines halben Jahres konnte zusammen mit allen Beteiligten das Konzept verwirklicht und mit der Friedhofverwaltung im Frühling dieses Jahres der gärtnerische Teil umgesetzt werden. «Für die Gestaltung haben wir uns nach dem Namen ausgerichtet und hier 45 verschiedene Gewächssorten angepflanzt», erklärt Bekowies. Die einzelnen Urnengräber können jeweils individuell geschmückt werden.
Das zeigt sich bereits an einigen Stellen – denn drei Bestattungen haben schon stattgefunden. Dort flattern Windräder und liegen farbige Steine, kleine Figuren sowie andere persönliche Andenken an die Verstorbenen. Auf die Frage, wie die Beerdigungen gewesen sind, meint Bruno Bekowies: «Schön und stimmig. Mit Musik und Gedichten oder freien Rednerinnen und Rednern, die einige Worte gesprochen haben.»
Insgesamt werden mehrere Grabfelder, die Urnen für 130 Menschen beherbergen, geschaffen. Jedes Grab kann für 20 Jahre gemietet werden – mit der Option einer Verlängerung. Für Stadtzürcherinnen und Stadtzürcher kostet ein Urnengrab 2’000 Franken (für Auswärtige 2’450 Franken).
Darin ist die Grabpflege für die gesamte Mietdauer enthalten. Der jeweilige Platz ist definiert durch eine Steinplatte, die in den Boden eingelassen ist. Im Todesfall komme an diese Stelle eine Stele aus Akazienholz mit der Namensinschrift der verstorbenen Person, erklärt Bruno Bekowies.
Die Nachfrage nach diesen bisher einzigartigen Begräbnisstellen ist gross. Bereits die Hälfte der ersten 27 Gräber sei vermietet, da viele den Ort schön finden würden. Die häufigsten Anfragen kämen dabei aus der LGBTIQ-Community.
Der Wunsch von vielen queeren Partnerinnen und Partnern sei es, auch im Tod nebeneinander zu liegen. «Falls ein geliebter Mensch vor dem anderen stirbt, kann der Platz nebendran von der zurückbleibenden Person schon im Vorfeld gemietet werden», erklärt Bekowies.
Die jetzige Fläche, auf denen die Gräber als Labyrinth angelegt sind, ist dabei erweiterbar. Auch andernorts auf dem Friedhof Sihlfeld oder weiteren städtischen Friedhöfen könnten mehr solcher Themengräber realisiert werden. «Zudem wäre es schön, wenn die Idee nicht nur in unserer Stadt, sondern auch an anderen Orten umgesetzt würde», meint Bekowies.
Das wünscht sich auch die Arbeitsgruppe «Regenbogen-Ruhe», die sich erhofft, dass die Grabstelle <Regenbogen> für andere Städte und Gemeinden ein Vorbild ist.
Die vereinsübergreifende Arbeitsgruppe, bestehend aus HAZ – Queer Zürich, der Lesbenorganisation Schweiz (LOS), Pink Cross, «queerAltern» und der Christkatholischen Kirche Zürich realisierte das Projekt mit der Stadt Zürich zusammen und wurde dabei ideell von weiteren LGBTIQ-Organisationen getragen.
«Dass die Hälfte der Gräber schon nach so kurzer Zeit vermietet ist, zeigt auf, dass es offensichtlich viele Menschen gibt, die schon im Vorfeld wissen wollen, in welchem Umfeld sie einmal begraben werden möchten», meint Barbara Bosshard, Präsidentin von «queerAltern» und Mitinitiantin des Projekts. Möglicherweise entspreche eine Grabstelle mit einer normierten Bepflanzung auch nicht unbedingt der Lebensbiografie dieser Menschen, die ebenfalls nicht normiert gewesen sei.
Bei der offiziellen Eröffnung des ersten Regenbogen-Grabfelds am 7. September hätte sie viele positive Rückmeldungen bekommen: «Nicht nur von Paaren, sondern auch von Menschen, die sagten, sie würden sich hier wohlfühlen und auch dort begraben werden wollen. Genau das sollte mit dem Projekt erreicht werden und macht mich glücklich», so Barbara Bosshard.
Neben dem inklusiven Gedanken und der Verständnisförderung sei die jetzige «Regenbogen»-Grabstelle aber auch noch aus anderen Gründen wichtig für die queere Gemeinschaft. Es gebe schliesslich immer noch umgeschriebene Biografien. Familien, die ein queeres Leben ihrer Angehörigen einfach ausblenden.
«Ich habe eine gute Freundin verloren, die in ihrer letzten Lebenshälfte lesbisch lebte. Ihre Familie wollte nicht, dass irgendjemand davon erfährt, weshalb ihr ganzer Freundeskreis von der Beerdigung ausgeschlossen wurde. Wir wussten nicht, wann diese stattfindet und wo», erzählt Barbara Bosshard. Häufig würden auch die zurückbleibenden, trauernden Partnerinnen und Partner gar nicht in den Todesanzeigen erwähnt.
Aus diesem Grund habe eine solche Regenbogen-Grabstelle auch noch ein anderes Gewicht und würde Leben über den Tod sichtbar machen, die ansonsten im Verborgenen blieben. «Auch für die Hinterbliebenen ist der Zugang einfacher – weil die Grabstelle für alle offen steht, aber trotzdem niemand in der Anonymität verschwindet. Nur diejenigen, die eine Beziehung zu dem jeweiligen Menschen hatten, wissen, ob dieser queer war oder nicht.»
Um die Friedhofskultur lebendig zu halten – so wie es sich auch die Stadt Zürich wünscht – sind künftig Friedhofsrundgänge zu queersymbolischen Orten angedacht, die jeweils am Regenbogengrab enden sollen. «Mit dem Tod müssen wir uns auseinandersetzen und darüber sprechen. Es ist für die Hinterbliebenen wichtig zu wissen, dass sie im Sinne der verstorbenen Person handeln. Wir wollen dazu einen kleinen Beitrag leisten, um dieses Vertrauen aufzubauen», sagt Barbara Bosshard.
Das nötige Vertrauen aufzubauen, ist für queere Menschen nicht nur wichtig, wenn es um das Thema Tod geht, sondern auch in Bezug auf die Kirche. «Ich bin zwar gläubig, habe aber als queerer Mensch keinen Platz in dieser Kirche gefunden und mich dort nie aufgehoben gefühlt. Deshalb bin ich schon früh ausgetreten», so Barbara Bosshard.
Sie habe sich aber über die Unterstützung des Projekts verschiedener Glaubensgemeinschaften gefreut, wie beispielsweise durch den muslimischen Verein Al-Rahman, die Christkatholische Kirche Zürich oder das LGBTIQ-Pfarramt der evangelisch-reformierten Kirche Zürich.
Von katholischer Seite hat sich die HIV-Aidsseelsorge der Katholischen Kirche des Kantons Zürich für die Grabstelle «Regenbogen» eingesetzt. Zudem sei sowohl der katholische Theologe Martin Stewen an der Eröffnungsfeier gewesen und die neue kantonale Religionsdelegierte Franziska Driessen-Reding habe das Projekt als Privatperson «sehr gefördert».
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/queeres-themengrab-in-zuerich-als-ort-der-inklusion/