Kirchenratspräsident Luc Humbel tritt zurück: «Die Menschenrechte müssen in der Kirche ankommen»

Nach 14 Jahren ist Schluss: Luc Humbel (56), Präsident der römisch-katholischen Landeskirche Aargau mit rund 200’000 Gläubigen, kündigt seinen Rücktritt per Ende 2024 an. Er tritt nicht aus kirchensystemischem oder persönlichem Groll zurück, wie er im Interview mit kath.ch versichert. Er stelle aber eine gewisse persönliche Ermüdung in seinem Exekutivamt fest.

Wolfgang Holz

Herr Humbel, sie treten nach 14 Jahren im Amt zurück. Geschieht dies aus Groll gegenüber der Kirche?

Luc Humbel: Nein. Mein Verständnis eines Exekutivamts sieht vor, dass sich dieses nach einer gewissen Zeit erneuert. Ein solcher Wechsel ist auch dann sinnvoll, wenn es keine Amtszeitbeschränkung gibt. In meinem Fall bin ich nun schon seit drei Legislaturen im Amt. Ich muss zugeben, dass ich nun eine gewisse Ermüdung verspüre.

«Spass erlebt man bei der Arbeit, wenn man etwas bewirken kann.»

Was hat Ihnen denn am meisten Spass gemacht in Ihrem Amt?

Humbel: Spass erlebt man bei der Arbeit, wenn man etwas bewirken kann. In meinem Fall bin ich glücklich, dass ich in der Katholischen Landeskirche Aargau mit meinem Team zusammen die Einrichtung der Notschlafstelle realisieren konnte.

Ausserdem haben wir zusammen mit Caritas Aargau inzwischen neun Stellen für den kirchlich-regionalen Sozialdienst eingerichtet – ein Dienst, der von Tausenden wahrgenommen worden ist. Und es ist ein kirchlicher Dienst, der für den Staat eingesprungen ist, der seine Aufgabe in diesem Bereich nicht mehr wahrnimmt. Es ist ein absolutes Erfolgsmodell, leider.

«Der Reformstau in der katholischen Kirche wirkt nach wie vor sehr lähmend.»

Was hat Ihnen in den letzten 14 Jahren nicht so viel Spass bereitet bei Ihrer Tätigkeit?

Humbel: Dass der Reformstau in der katholischen Kirche nach wie vor sehr lähmend wirkt. Und dass der nötige Kulturwandel stockt.

Wer ist der Hauptschuldige für dieses Phänomen? Ist der Vatikan der Oberbremser?

Humbel: Mit dem Vatikan habe ich persönlich nichts zu tun. Eine Schuld ist nicht eindeutig zuweisbar. Man muss sehen, dass ein Kulturwandel in der Kirche zum einen Zeit braucht, zum anderen bei manchen Personen in der Verantwortung noch nicht angekommen ist.

Sie sprechen damit auch die Bischöfe an?

Humbel: Die sind mitgemeint. Aber auch die andere Seite des dualen Systems ist davor nicht gefeit.

«Mir geht es auch um die Gleichberechtigung von Mann und Frau in der Kirche wie auch um die Gleichstellung von LGBTQ-Personen.»

Was ist aus Ihrer Sicht der zentrale Punkt betreffs Kulturwandel in der Kirche?

Humbel: Für mich ist das Wichtigste, dass die Menschenrechte in der Kirche endlich ankommen. Das betrifft nicht nur die Prävention in Sachen Missbrauch. Mir geht es auch um die Gleichberechtigung von Mann und Frau in der Kirche wie auch um die Gleichstellung von LGBTQ-Personen.

Apropos Rechte. Sie hatten während Ihrer Tätigkeit als Rechtsanwalt auch mit dem Kirchenrecht zu tun. Wie haben Sie dies empfunden?

Humbel: Ich beschäftige mich, ehrlich gesagt, lieber mit dem Zivilrecht als mit dem Kirchenrecht.

«Was den Missbrauch angeht, befinden wir uns mit den Medien auf Augenhöhe.»

Gibt es auch etwas, was Sie im Rückblick an rundum Gutem in der Kirche erkennen? Im Zuge der Missbrauchsstudie ist die Kirche ja in den letzten Wochen regelrecht abgewatscht worden.

Humbel: Ich sehe das nicht so. Was den Missbrauch angeht, befinden wir uns mit den Medien auf Augenhöhe.

Wir sind schliesslich keine Opfer, sondern stehen auf der Täterseite. Rundum positiv finde ich aber das tägliche Wirken der Kirche vor Ort, vor allem, wenn es um die Betreuung von Menschen geht, die sich am Rande der Gesellschaft befinden.

Letzte Frage: Was machen Sie in den nächsten 14 Jahren mit all der Zeit, die Sie nun nicht mehr in die Arbeit für die Kirche investieren?

Humbel: Es ist in den vielen Jahren vieles zu kurz gekommen. Mein Beruf, meine Familie, mein Freundeskreis. Und zuletzt ich selbst. Auf die neu verfügbare Zeit freue ich mich deshalb sehr.


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.kath.ch/newsd/kirchenratspraesident-luc-humbel-tritt-zurueck-die-menschenrechte-muessen-in-der-kirche-ankommen/