Hans Küngs Nahost-Vision: «Nur ein fairer Friede kann Israels Ängste nehmen»

Was hätte wohl Weltethos-Begründer Hans Küng zum brutalen Terror der Hamas in Israel und zum Aufflammen des Nahost-Konflikts gesagt? Wir wissen es nicht. Der international geschätzte Schweizer Theologe und Priester, der sich für den Dialog unter den Religionen einsetzte, verstarb vor zwei Jahren im Alter von 93 Jahren. Klar ist, dass Küng den «tragischen» Konflikt zwischen Palästinensern und Israel über lange Jahre hinweg miterlebt und analysiert hatte.

Wolfgang Holz

Hans Küng wäre zweifellos extrem geschockt gewesen über den brutalen Terrorakt der Hamas und die Geiselnahme von mehr als 200 Israelis am 7. Oktober. Zumal die Hamas ja als islamistische Terrorgruppe Israel komplett das Existenzrecht abspricht. Religion bedeutet in diesem Fall Krieg.

«Angst vor Atombombe gerechtfertigt»

Wie der Theologe in seinen Memoiren «Erlebte Menschlichkeit» (2013) postulierte, war der Katholik grundsätzlich überzeugt davon, dass dauerhaft in Palästina «nur ein fairer Friede und die Zusammenarbeit zweier selbständiger Staaten die Ängste Israels nehmen können.» Küng spricht damit die Sorgen und Ängste Israels in punkto nationaler Sicherheit an. «Die Angst vor einer Atombombe auf Tel Aviv ist berechtigt.»

Küng konstatierte nach der Besetzung palästinensischer Gebiete seit dem Sechstagekrieg und der Leugnung der Existenzberechtigung des palästinensischen Volkes: «Ich muss gestehen. Diese verhängnisvolle Entwicklung des Staats Israel hat meine Einstellung zur offiziellen Politik des Staats Israel grundlegend gewandelt.»

Für Existenz Israels in sicheren Grenzen

Zwar stehe er nach wie vor entschieden für die Existenz des Staates Israel in sicheren Grenzen ein. «Aber meine früher uneingeschränkte Bejahung der jeweiligen israelischen Regierungspolitik ist einer kritischen Einstellung gewichen, welche die Nationwerdung der Palästinenser und ihr nationales Selbstbestimmungsrecht ganz und gar ernst nimmt, ohne auch ihre Mitschuld an der verfahrenen Lage zu leugnen.»

Was den palästinensischen Terror beziehungsweise die beiden Intifada-Aufstände der Palästinenser gegen die die israelische Besatzung im Westjordanland und im Gaza-Streifen zwischen 1987 und 2005 anbelangt sowie nach dem «verbrecherischen» Gaza-Krieg Israels 2009, war sich Küng in seinem Urteil sicher.

Terror kontra Staatsterror

Zum einen sei das Elend der palästinensischen Bevölkerung grösser geworden. Zum anderen war der Weltethos-Begründer überzeugt: «Diese terroristischen Akte der Palästinenser sind Reaktion auf die Unterjochung und den Staatsterror Israels mit Flugzeugen, Panzern, Bulldozern und gezielten Morden – und nicht umgekehrt. Was den Terror nicht rechtfertigt – auf keiner Seite.»

Grundsätzlich ist für Hans Küng Israel seit dem Sechstagekrieg von 1967 im Wesentlichen verantwortlich für die Verschlechterung der Beziehungen zu den Palästinensern. Grund: Nach dem von Israel militärisch begonnenen Konflikt und der Erlangung der Kontrolle über den Gazastreifen, die Sinai-Halbinsel, die Golanhöhen, das Westjordanland und Ostjerusalem sei der jüdische Staat als stärkste Militärmacht in der Region zum faktischen Besatzer geworden. Einer Besatzungsmacht, die zusätzliche Spannungen aufgrund der umstrittenen jüdischen Siedlungen im Stil eines Gross-Israels erzeugt habe.

«Historische Chance verpasst»

Als Küng 1978, gut zehn Jahre später also, auf einer Studienreise mit der Katholischen Fakultät Tübingen erneut in Israel weilte – vom 23. September bis zum 7. Oktober(!) – drängte sich ihm der Eindruck auf, dass «Israel die historische Chance verpasst hat, aus einer Position der Stärke heraus im Austausch gegen die besetzten Gebiete einen wirklichen Frieden zu erreichen und an der Errichtung eines friedlichen unabhängigen arabischen Staats Palästina mitzuarbeiten.»

Dabei schreibt der Tübinger Theologe nach der Staatsgründung Israels 1947/48 durch Ben-Gurion noch den arabischen Staaten die Schuld für das Scheitern einer Zweistaaten-Lösung zu – so wie sie von den Vereinten Nationen geplant war.

850’000 Palästinenser vertrieben

O-Ton-Küng: «Es sind vor allem die Araber, die sich damals einer Staatgründung verweigern, irregeführt durch die Illusion, den vermeintlich schwachen Judenstaat schon bald nach der Gründung wieder beseitigen zu können.» Der von den Arabern schliesslich angezettelte Krieg habe «die angstvolle Flucht und Vertreibung von 850’000 Palästinensern» durch israelische Truppen bewirkt.

Der für ihn «tragische» Konflikt zwischen Israel und Palästinensern ist offenbar nicht mehr aufzuhalten. Wobei Küng betont, dass Palästina nie ein «Land ohne Volk» gewesen sei – wie Zionisten damals behauptet hätten.

Kein zweiter Camp-David-Frieden

Und warum hat eigentlich die Euphorie um das Camp-David-Friedensabkommen 1978 zwischen den USA, Ägypten und Israel keinen zweiten Frieden beschert zwischen Israel und den Palästinensern? «Das zweite Camp-David-Abkommen im Sommer 2000 kam nicht zustande, weil es von beiden Seiten als unfair angesehen wurde», war sich Hans Küng sicher.

Der Friedensplan von Israels Premier Ehud Barak habe ein zerstückeltes palästinensisches Staatsgebiet präsentiert. Das sei inakzeptabel für Palästinenserpräsident Jassir Arafat gewesen. Arafat seinerseits habe sich in der Defensive auf das Recht aller Palästinenser auf Rückkehr in ihre früheren Wohngebiete versteift – was wiederum inakzeptabel für Barak gewesen sei. Hans Küngs tristes Fazit lautete im Jahr 2013 deshalb: «Seither gibt es keine ernsthaften Friedensbemühungen mehr.»

Alle Zitate von Hans Küng stammen aus: «Erlebte Menschlichkeit. Erinnerungen», München/Zürich: Piper Verlag, 2013.


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