Die Universität entlässt einen Dozenten wegen antisemitischer Tweets. Die Institutsleiterin, die den Dozenten schützte, wird suspendiert und die Institutionsstrukturen durch eine externe Untersuchung beleuchtet. So geht Aufarbeitung. Die katholische Kirche sollte sich ein Beispiel daran nehmen, findet Annalena Müller in ihrem Kommentar.
Annalena Müller
Am Abend des 7. Oktober setzt A. H., Dozent am Nahost-Instituts der Universität Bern, den Tweet ab, der ihn seinen Job kosten wird. Darin feiert er die Attacke der Hamas auf israelische Zivilisten. Er bezeichnet sie als das «beste Geburtstagsgeschenk». Auf den Tweet folgt ein Sturm der Empörung. Die Co-Institutsleitern, S. T., verteidigt daraufhin ihren Mitarbeiter. Der Tweet sei zwar «inopportun», aber nicht «antisemitisch» gewesen.
Der Druck von Studierenden und der Öffentlichkeit nimmt auch in den folgenden Tagen nicht ab. Zumal sich herausstellt, dass dies nicht der einzige antisemitische Tweet von A. H. ist. Auch die Verteidigung des Dozenten durch seine Chefin ist nicht tragfähig. Denn S. T. und A. H. sind verheiratet. S. T. dürfte befangen sein.
Zehn Tage nach der Veröffentlichung des Tweets handelt die Universität Bern. In einer Pressekonferenz teilte die Universitätsleitung am Dienstag mit, dass sie A. H. fristlos entlässt. Vorher habe man dem Dozenten das rechtliche Gehör gewährt und seine früheren Social-Media-Posts untersucht, die der Universitätsleitung bis anhin unbekannt gewesen seien. Ausserdem werde eine administrative Untersuchung die internen Prozesse am Nahost-Institut beleuchten. Für die Dauer dieser Untersuchung wird S. T. beurlaubt, weil ihr Agieren in dem Fall Fragen aufwirft.
Universität und Kirche haben vieles gemeinsam: Seit Jahren sind Machtgefälle, Abhängigkeiten und Missbrauchsskandale im universitären Milieu ebenso wenig wegzudenken wie aus der Kirche. Eine weitere Gemeinsamkeit: die verschwommene Abgrenzung zwischen Beruflichem und Privatem. Wie Bischöfe die Priester ihrer Diözese weihen, bilden Professoren ihre Mitarbeitenden aus. Sie promovieren und habilitieren diese und oftmals gibt es auch private Beziehungen, freundschaftlicher oder romantischer Art. Hinsichtlich ihrer Position im System sind Professoren und Bischöfe, Dozenten und Priester also durchaus vergleichbar.
Ebenfalls vergleichbar waren die ersten Reaktionen des Berner Nahost-Instituts. Auf den Skandal folgten Beschwichtigung und Relativierung durch die direkte Vorgesetzte, Löschen der korrumpierenden Dokumente (hier: verschiedene Tweets) und Aussitzen des öffentlichen Sturms. Für ein katholisches Publikum ist das mittlerweile Alltag.
Ungewohnt für ein katholisches Publikum war hingegen die offensive Aufarbeitung durch die Universitätsleitung. Sie igelt sich nicht ein, um die Attacken der Medien und unwissenden Gläubigen (hier: Studierende) märtyrerhaft zu erdulden und die Dinge intern, fernab der Öffentlichkeit zu regeln. Nein, die Universität leitet eine externe administrative Untersuchung ein. Sie entlässt den Täter und suspendiert die unter Vertuschungsverdacht stehende Person, für welche die Unschuldsvermutung gilt.
Und sie agiert dabei professionell. Während die Kirche von Befangenheit nichts wissen will und Bischöfe als Richter über die eigenen Priester einsetzt, verlässt sich Universitätspräsident Christian Leumann nicht auf das Votum von A. H.s Vorgesetzter.
Auch beauftragt Leumann niemanden vom gleichen Institut oder von der gleichen Universität mit der Untersuchung. Im Gegensatz zum Vatikan, der Bischof Bonnemain die Untersuchung gegen seine Mitbrüder leiten lässt, ist sich Leumann der Risiken von zu viel Nähe offensichtlich bewusst. Schliesslich, um jeglichem Verdacht vorzubeugen, dass die Institutsleiterin Einfluss auf die Untersuchung nehmen könnte, wird S. T. für diesen Zeitraum suspendiert.
Sicher, auch in Bern brauchte es den Druck der Öffentlichkeit, um institutionelles Handeln auszulösen. Das ist nicht erstaunlich. Es ist die Aufgabe der mündigen Öffentlichkeit ein Auge auf ihre Institutionen zu haben. Nur so kann sichergestellt werden, dass eine Institution – gleich ob Kirche, Universität oder Staat – nicht in ihrer internen Logik gefangen bleibt.
Gerade deshalb sollten sich die Schweizer Bischöfe ein Beispiel am souveränen Handeln der Universität Bern nehmen. Durch ihr professionelles Agieren sichert die Universität das öffentliche Vertrauen.
Wer jetzt einwenden möchte, dass ein Bischof bei Vertuschungsvorwürfen nicht einfach zu suspendieren sei, weil er ein Bistum und nicht nur ein Institut leite, der schaue nach Freiburg. Das Bistum LGF wird seit der Notoperation von Bischof Charles Morerod und dem Rückzug des Generalvikars Bernard Sonney von einem Interimsrat geleitet. Dies zeigt: Bischöfe sind nicht unersetzlich. Das Auge einer mündigen Öffentlichkeit hingegen schon.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/die-katholische-kirche-sollte-von-der-universitaet-bern-lernen/