Die Luzerner Mitte-Nationalrätin Priska Wismer-Felder (53) hat eine Motion zum Schutz von Kindern vor Missbrauch eingereicht. Es sei wichtig, die Prävention zu verstärken – in den Kirchen, aber auch in den Sportverbänden und anderen Organisationen. Zur Missbrauchsstudie der Kirche meint die Katholikin: «Nun muss die Kirche die Konsequenzen daraus ziehen.»
Barbara Ludwig
Weshalb haben Sie die Motion «Schutzkonzepte zur Prävention von Missbrauch bei Organisationen, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten» eingereicht?
Priska Wismer-Felder*: Ich habe die Motion nicht nur in meinem Namen, sondern zusammen mit anderen Fraktionen eingereicht. Nachdem die sexuellen Übergriffe innerhalb der katholischen Kirche aufgedeckt wurden, ist es wichtig, in Zukunft weitere Übergriffe möglichst zu verhindern. Kinder und Jugendliche, die sich in einem Verein oder einer Organisation engagieren, sollen vor physischem und psychischem Missbrauch geschützt werden. Es war ein gemeinsamer Entscheid fast aller Parteien, dass es einen solchen politischen Vorstoss braucht.
«Unser Fraktionspräsident war in die Entstehungsgeschichte der Motion involviert.»
In der Tat haben fünf weitere Nationalrätinnen am gleichen Tag wie Sie eine Motion mit demselben Text eingereicht.
Wismer-Felder: So kann man einem Anliegen mehr Gewicht geben, als wenn nur eine Motion eingereicht wird, die einfach von mehreren Nationalrätinnen und Nationalräten unterzeichnet wird. Es wird deutlich, dass viele Parteien hinter dem Anliegen stehen.
Wie kam es zu dieser parteiübergreifenden Zusammenarbeit?
Wismer-Felder: Der Auslöser dafür war die von der Kirche veröffentlichte Missbrauchsstudie. Ich persönlich habe den Beginn dieser Zusammenarbeit für eine gleichlautende Motion jedoch gar nicht miterlebt. In die Entstehungsgeschichte involviert war unser Fraktionspräsident. Er hat mich angefragt, ob ich die Motion in meinem Namen einreichen würde. Er fand, es sei richtig und glaubwürdiger, wenn ein Vorstoss zu dieser Thematik von einer Frau eingereicht wird. Er selber und weitere Nationalräte und Nationalrätinnen aus unserer Partei haben jedoch mitunterzeichnet.
«Der Schutz von Kindern und Jugendlichen ist ein wichtiges Anliegen.»
Die Motion setzt auf Schutzkonzepte, die die Organisationen selbst umsetzen sollen. Reicht das? Braucht es nicht den Staat als Kontrollorgan?
Wismer-Felder: Nein. Grundsätzlich ist jede Organisation fähig, an ihre Gegebenheiten angepasste Schutzkonzepte zu erstellen und für deren Einhaltung zu sorgen. Das ist aus meiner Sicht nicht zwingend eine Staatsaufgabe. Wenn der Staat Schutzkonzepte verlangt, bedeutet das: Der Schutz von Kindern und Jugendlichen ist ein wichtiges Anliegen. Und diese Verpflichtung, Schutzkonzepte zu erarbeiten und sich daran zu halten, ist jetzt nötig.
Zum Teil existieren solche Schutzkonzepte bereits, es muss nicht alles neu gemacht werden. Wichtig ist: Jeder Verein und jede Organisation, die mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, muss sich überlegen: Wie können Übergriffe in unserem Umfeld verhindert werden?
Was hat die kirchliche Missbrauchsstudie bei Ihnen ausgelöst?
Wismer-Felder: Eine grosse Betroffenheit. Und ein Unverständnis: Wie konnte das während so vieler Jahre geschehen? Ein grosses Problem war früher sicher, dass Kinder keine Unterstützung fanden – selbst wenn sie den Mut fanden, sich jemandem anzuvertrauen. Heute sind wir da wohl einen Schritt weiter, und auch in den Familien ist man achtsamer. Wir sind uns heute bewusst, dass es unsere Aufgabe ist, sexuelle Übergriffe auf Kinder zu verhindern. Solche Übergriffe prägen eine Kindheit und können ein Trauma auslösen. Den Opfern früherer Übergriffe muss man helfen, aber rückgängig machen kann man die Taten nicht. Umso wichtiger ist es deshalb, die Prävention zu verstärken. Da geht es nicht nur um die Kirchen, sondern auch um Sportvereine oder andere Organisationen, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten.
«Bei einigen Bischöfen habe ich echte Betroffenheit gespürt.»
Haben die Bischöfe Ihrer Ansicht nach richtig auf die Missbrauchsstudie reagiert, die sie selber in Auftrag gegeben haben?
Wismer-Felder: Ihre Reaktion habe ich unterschiedlich wahrgenommen. Bei einigen Bischöfen habe ich echte Betroffenheit gespürt. Es kam auch zu Entschuldigungen für Verfehlungen. Da ging es vor allem um die mangelhafte Aufsicht und den Umgang mit Vorfällen, die publik wurden. Die Ergebnisse der Studie lassen sich nicht schönreden. Nun muss die Kirche die Konsequenzen daraus ziehen – für die Zukunft.
Wie sehr sind Sie mit der katholischen Kirche verbunden?
Wismer-Felder: Ich bin Mitglied und habe eine gute und enge Beziehung zur katholischen Kirche. Ich engagiere mich als Freiwillige in der Kirche. Während mehreren Jahren habe ich zum Beispiel gemeinsam mit einer Gruppe junger Mütter voreucharistische Gottesdienste gestaltet. Das sind Feiern für Kinder, die noch nicht zur Kommunion dürfen. Heute bin als Lektorin und Kommunionhelferin tätig. Für mich ist die katholische Kirche wichtig, und der Glaube ist Teil meines Lebens.
Sind Sie auch innerkirchlich aktiv geworden gegen Missbrauch?
Wismer-Felder: Nein. Es wurde nie ein Fall an mich herangetragen. Ich habe auch keine Kenntnis davon, dass in unserer Pfarrei irgendwann einmal etwas vorgefallen ist.
*Priska Wismer-Felder (53) ist seit 2019 Nationalrätin. Die Bäuerin wohnt in Rickenbach LU. Von 2011 bis 2019 war sie Kantonsrätin. Wismer-Felder ist verheiratet und hat fünf erwachsene Töchter und fünf Enkelkinder.
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