Am Donnerstag beginnt das Zurich Film Festival (ZFF) und dauert bis zum 8. Oktober. Gezeigt werden in der diesjährigen Festivalausgabe insgesamt 148 Filme – eine Auswahl fällt da schwer. Wir haben es dennoch versucht und einige Filmtipps mit religiösen Inhalten zusammengestellt. Für einige davon gibt es sogar Tickets zu gewinnen.
Sarah Stutte
Der Heilsarmee-Offizier Alfred Inniger kümmert sich in Zürich mit Herzblut um obdachlose und bedürftige Menschen. Er scheint ständig auf den Beinen zu sein, um sie entweder persönlich in der Essensküche zu begrüssen oder einige zu Hause zu besuchen, um ihnen dort auch einmal einen Blumenstrauss vorbeizubringen und zuzuhören. Wichtig ist Inniger dabei, sein festes Vertrauen in Gott weiterzugeben, auch im gemeinsamen Gebet.
Der Zürcher Regisseur Thomas Thümena hat Inniger in seinem Alltag mit der Kamera begleitet und porträtiert sowohl den engagierten Vollzeit-Geistlichen der Freikirche wie auch einige der Randständigen, die mehr oder weniger regelmässig die Unterstützung der Heilsarmee in Anspruch nehmen. Einer davon ist Jürg. Er lebt auf der Strasse und hat mit acht Jahren seine Eltern verloren. Vor der Kamera erzählt er von seiner schwierigen Kindheit in einem Kinderheim, das von Nonnen geleitet wurde.
Diese seien «nicht alles liebe Frauen gewesen, darunter waren auch furchtbare Hexen». Wie die Oberin, die den Jungen schlug und jahrelang immer wieder in Isolation steckte, weil dieser mehrmals aus dem Heim flüchtete. Deshalb glaube er heute nicht an Gott oder an ein Leben nach dem Tod. Überzeugt ist er aber davon, dass es die Heilsarmee brauche, «weil es Menschen gebe, die anders als er «nicht in der Lage sind, selbständig zu leben».
So wie Jack und Kheira, die täglich vor dem Denner in der Langstrasse sitzen und so ihre Tage verbringen. Sie im Rollstuhl, er mit starkem Asthma. Josef dagegen hat zwar noch eine Wohnung, ist aber ebenfalls gesundheitlich angeschlagen und lebt am Existenzminimum. Der Film, der auch durch sein Lokalkolorit besticht, rückt Menschen in den Vordergrund, die im Alltag oft vergessen gehen und gibt ihnen eine Stimme. Berührend ist auch zu sehen, wie selbstlos jemand wie Alfred Inniger im Glauben wirken kann – unterstützend, ohne bekehrend zu sein.
Schweizer Kinostart: 30. November 2023
Hiba war lange Zeit ein Mitglied der islamischen Frauenbewegung «Qubaysiat». Diese religiös-traditionalistische Gruppierung, die in den 80er-Jahren im syrischen Damaskus entstand, bietet muslimischen Frauen die einmalige Chance, sich selbst und andere religiös weiterzubilden. Die Bewegung fordert aber von ihren Anhängerinnen, die sich untereinander ānisat al-ğamāʾa (arabisch für «Frauen der Gemeinde») nennen, auch absolute Hingabe. So gibt es detaillierte Anweisungen und eine genaue Einhaltung des täglichen Gebets, die strikt einzuhalten sind. Zudem ist die Gruppe streng hierarchisch aufgebaut.
Die einzelnen Mitglieder können durch ständige Weiterbildung einen höheren Status innerhalb der «Qubaysiat» gewinnen. Ganz oben stand bis zu ihrem Tod im Dezember 2022 deren spirituelle Führerin und Gründerin Munīra al-Qubaisī, die von den Frauen wie eine Gottheit verehrt wurde. Von ihr ist auch Hiba fasziniert.
In einer Szene in der Dokumentation erklärt deren Mann, dass ihre dreissigjährige Ehe bedeute, dass seine Frau auch 30 Jahre mit dieser Gemeinschaft verheiratet sei. Doch dann wird sie eines Tages von dieser ausgeschlossen.
In mystischen Bildern versucht die libanesisch-amerikanische Regisseurin Jude Chehab hier auf respektvolle und behutsame Art den Glauben und die spirituelle Hingabe ihrer Mutter Hiba zu hinterfragen. Besonders deren glühendes Engagement für eine rein weibliche religiöse Organisation, die seit Jahrzehnten im Verborgenen agiert.
Dabei kommt auch die Grossmutter zu Wort, die ebenfalls Mitglied von «Qubaysiat» war, die strenggläubige Vereinigung jedoch rechtzeitig verliess, bevor sie von ihr «zerstört» wurde, wie sie selbst sagt. «Q» ist eine eindringliche Erkundung der religiösen Überzeugung und der durch die absolute Treue zu einer Sache ausgelösten Auswirkungen. Eine faszinierende Reise in eine Welt, die uns grösstenteils verborgen bleibt.
Im Jahr 1857 erfährt Bolognas Inquisitor des Heiligen Offiziums, Pater Pier Feletti, dass sechs Jahre zuvor die Katholikin Anna Morisi den kleinen Edgardo Mortara offensichtlich heimlich getauft habe. Morisi war damals als Hausmädchen bei der jüdischen Familie angestellt und wollte die Seele des an Fieber erkrankten Babys retten. Doch dieses überlebte, weshalb die katholische Kirche davon überzeugt war, dass der Junge nun mehr im christlichen Glauben erzogen werden muss.
Deshalb dringen von Feletti abgesandte Geistliche bei einer Nacht- und Nebel- Aktion in das Haus der Mortaras ein und entreissen den mittlerweile Sechsjährigen seiner verstörten Familie. Edgardo wird in den Vatikan gebracht und unter dem Schutz von Papst Pius IX. fortan umerzogen – dem jüdischen Glauben muss er ganz entsagen. Das verstört das Kind in der Folge zutiefst, zumal dieser seine Familie vermisst, die er nicht mehr sehen darf. Seine Eltern versuchen in der Folge alles, um ihren Sohn wieder zu sich zu holen.
Die wahre historische Begebenheit löste damals nicht nur in der gesamten jüdischen Gemeinde Italiens Empörung aus, sondern auch in ganz Europa und sogar in den USA. Papst Pius IX. weigerte sich strikt, den Jungen seiner Familie zurückzugeben und liess ihn stattdessen zum Priester ausbilden. Der Fall Mortara galt als einer der Faktoren, die den Untergang des päpstlichen Kirchenstaates einläuteten, der sich zu dieser Zeit noch über ganz Mittelitalien erstreckte.
Vor fast einem Jahrzehnt wollte schon Steven Spielberg die Geschichte auf die Leinwand bringen. Doch er fand keinen Sechsjährigen, der Edgardo überzeugend darstellen konnte, woran das Projekt schliesslich scheiterte. Marco Bellocchio dagegen hatte mit dem jungen Enea Sala mehr Glück.
Er schafft es, das persönliche Leiden des Jungen sichtbar zu machen, der in eine tiefe Glaubenskrise stürzt. «Rapito» wirft einen detailliert-kritischen Blick auf die damaligen Machtverhältnisse der katholischen Kirche in Italien und zeigt in aufwendigen Bildern das ganze Ausmass dieses Schicksals auf, das letztendlich eine Familie für immer entzweit.
Schweizer Kinostart: 7. Dezember 2023
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/viel-religion-am-filmfestival-in-zuerich/