In Bad Säckigen und Stein AG ging es am Wochenende um den heiligen Fridolin. Der Patron des Kantons Glarus kam aus der Fremde und musste sich hier zurechtfinden. Eine Tagung widmete sich dem Glarner Patron und den Fridolins von heute: den Migranten und Migrantinnen in der Schweiz.
Annalena Müller
Der heilige Fridolin († um 540) kam als Wandermönch aus Irland in das Gebiet der heutigen Schweiz. Er war Missionar, Klostergründer und heute Patron des Kanton Glarus, dessen Wappen er ziert. Und Fridolin war Migrant. Er kam von der fernen irischen Insel, wo Wind und Meer rau sind, in die bergige Schweiz, um den christlichen Glauben zu verbreiten.
Fridolin war ein Fremder. Um in die Schweiz zu gelangen, reiste er über ein gefährliches Meer – vermutlich in einem aus moderner Sicht kaum seetüchtigen Boot. Gelandet in der Normandie, ging er zu Fuss zunächst nach Poitiers und dann schliesslich in das Land der Alemannen. Heute sind es andere, die einen gefährlichen Seeweg wagen und viele hundert Kilometer zu Fuss zurücklegen. Nicht religiöser Eifer treibt sie an, sondern existentielle Not.
Bleiben Fremde fremd? Dies ist eine Frage, die Beat Näf (65) beschäftigt. In der Fridolinsstadt Bad Säckingen und im benachbarten Stein AG hat er am Wochenende eine Tagung organisiert. Hier trafen sich Vergangenheit und Gegenwart, Theorie und Praxis. Am ersten Tag sprachen Forschende, Romanciers und Ethiker über Fridolin, seine Bedeutung für die Schweiz, über Identität und Christentum. Aus dem Glarus ist eine 36-köpfige Delegation angereist unter der Leitung von Fridolin Hauser vom Fridlibund.
Der zweite Tag widmet sich den Fridolins von heute. Den Männern und Frauen, die ihre Heimat verlassen haben, weil sie nicht mehr sicher war. Raja Dibeh (51) ist einer von ihnen. Der griechisch-katholische Kunstmaler stammt aus Syrien. Seine Heimat ist Bludan, ein Dorf ungefähr 50 Kilometer von Damaskus entfernt. Als der IS Bludan 2015 erobert und den Christen Raja drei Tage in einem Gefängnis martert, weiss er, dass er gehen muss.
Raja Dibeh hat keine formelle Ausbildung, aber in Bludan hat er es zu Wohlstand gebracht. Er besass ein Restaurant, ein Atelier und zwei Villen. Er kann sich die Flucht leisten, die trotz der unmenschlichen Bedingungen teuer ist. Er erreicht Europa via Griechenland. Von der Überfahrt möchte er nicht erzählen. «Ich habe viele Menschen sterben gesehen», sagt er unter Tränen. Er schafft es in die Schweiz.
Raja kannte die Schweiz nicht, aber er hatte gehört, dass es hier schön sei. Was er nicht ahnte: Wie streng die Schweiz mit Menschen wie ihm ist. Die ersten acht Jahre lebte Raja in einer Sammelunterkunft im Kanton Aargau. Er spricht sehr gut deutsch. Aber er findet keine Vollzeitstelle. «In der Schweiz braucht man Zertifikate für alles», sagt er, der in Bludan auch als Lehrer und zehn Jahre in einem Krankenhaus gearbeitet hat. Martin Fürst (64) bestätigt dies. Er hat Raja zufällig kennengelernt und hilft ihm seither, wo er kann.
Aber die Regeln des Kantons Aarau sind streng. Um vom Flüchtlingsstatus F zur Aufenthaltsbewilligung B zu gelangen, müsste Raja über acht Jahre hinweg eine Vollzeitstelle haben. Bisher konnte er nur eine 50-Prozent-Stelle finden. Immerhin: Diese erlaubt ihm seit kurzem, eine eigene Wohnung zu haben. «Ohne formelle Abschlüsse ist es einfach schwierig», sagt Martin Fürst.
Für Geflüchtete aus der Ukraine ist die Situation vergleichsweise leichter. Anna Voinytska (38) kam mit ihrem zwölfjährigen Sohn aus dem umkämpften Saporischschja in den Kanton Aargau. In Saporischschja gehörten ihr zwei Beautysalons mit 25 Mitarbeitenden. Wie Raja Dibeh konnte auch Anna kein Deutsch. Wie er hat sie die Sprache schnell gelernt. Zunächst alleine und seit Mai in einer Sprachschule. Annas Schweiz-Erfahrung ist dennoch gänzlich anders als Rajas.
Nach drei Wochen Flüchtlingsunterkunft fand Anna mit ihrem Sohn eine Wohnung. Zum ersten Oktober tritt sie eine Stelle in einem Altenheim an. In Saporischschja hat sie Pflegefachfrau gelernt, konnte aufgrund des Kriegs ihr Studium nicht beenden. Dass sie nicht alle Dokumente habe, sei unwichtig gewesen, sagt sie. Das Altersheim hat sie dennoch angestellt.
Anna Voinytska möchte in der Schweiz bleiben. Nach einem Jahr im Altersheim kann sich ihr Arbeitgeber dafür einsetzen, dass sie vom Schutzstatus S die Aufenthaltsbewilligung B wechselt. Das ist ihr Ziel. Anna schaut trotz der verheerenden Lage in ihrer Heimat optimistisch in ihre Zukunft. Raja sagt: «Wenn ich an die Zukunft denke, dann sehe ich nur Schwarz.»
Beat Näf, Professor für Alte Geschichte an der Universität Zürich, engagiert sich in der Flüchtlingsarbeit in Aarau. Die Fridolins-Geschichte ist ihm persönlich wichtig. Und er nutzt sie, um Flüchtlingen die deutsche Sprache und die hiesige Kultur zu vermitteln. Und auch er lernt mit Fridolin von den Geflüchteten.
In einem der Workshops am Samstag erzählen Geflüchtete die Fridolins-Geschichte aus ihrer Perspektive. Einer von ihnen ist Natnael Shiden (18) aus Eritrea. Auf die Frage, was er über Fridolin wisse, lacht er und sagt: «viel». Dabei schaut er zu Beat Näf, der mit Natnael schon früher nach Stein AG gekommen ist, um ihm das Fridolinsmünster auf der anderen Rheinseite zu zeigen – aus der Ferne.
Über die Brücke von Stein AG nach Bad Säckigen konnte Natnael nämlich nicht gehen. Denn der Status F erlaubt es ihm nicht, das Territorium der Schweiz zu verlassen. Das Grab des Glarner Patrons und Migranten Fridolin, der ihm Dank Näf so vertraut geworden ist, bleibt für Natnael unerreichbar.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/vom-migranten-zum-glarner-patron-st-fridolin-und-das-fremde/