Vatikanmitarbeiter Sergio Massironi: «Synodalität baut Angst ab»

Sergio Massironi arbeitet im Entwicklungsdikasterium und möchte die Theologie von Papst Franziskus in die Realität umsetzen. Der Priester wünscht sich eine neue Sexualmoral und eine modere Stellung der Frau. Den ehemaligen Bischof von Lugano, Valerio Lazzeri, hat er als «sehr spirituellen Menschen» kennengelernt.

Jacqueline Straub

Sie arbeiten im Dikasterium für den Dienst zugunsten der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen. Was machen Sie da?

Sergio Massironi*: Innerhalb des Dikasteriums für Entwicklung kümmere ich mich hauptsächlich darum, die Lehre von Papst Franziskus zu vertiefen und eine Erneuerung der Theologie zu fördern. Menschen, die an den Rand gedrängt werden, sei es sozioökonomisch oder auf andere Weise, müssen stärker in den Mittelpunkt gerückt werden, denn sie evangelisieren uns.

Wie machen Sie das konkret?

Massironi: Wir haben unzählige Interviews geführt und auch Videos dazu gemacht, deren Inhalt der Glaube des Volkes Gottes ist. Wir holen Stimmen ein von Menschen, die zuvor nicht gehört wurden. So wollen wir ein umfassenderes Bild von Kirche in der Welt zeigen. Denn Kirche ist mehr als der Vatikan.

Was bereitet Ihnen besonders viel Freude?

Massironi: Mich vom Glauben der Armen überraschen zu lassen und von ihnen evangelisiert zu werden. Im verwundeten Leben der Menschen geht Gott uns voraus und offenbart sich uns.

Sie haben einen Bezug zur Schweiz.

Massironi: Ja, ich bin in Italien ganz an der Nähe zur Schweizer Grenze geboren worden. Während meines Theologiestudiums habe ich immer wieder Priester aus der Diözese Lugano kennengelernt. Da haben sich durchaus Freundschaften entwickelt.

Und Sie kennen auch den ehemaligen Tessiner Bischof Valerio Lazzeri.

Massironi: Ich habe Bischof Valerio das erste Mal vor ein paar Jahren kennengelernt. Er ist ein sehr spiritueller Mensch. In meiner pastoralen Arbeit war er mir ein Mentor. Ich habe viele Jahre mit jungen Menschen gearbeitet.

«Wir Priester müssen uns auch evangelisieren lassen von den Menschen.»

Die Weltkirche startet in wenigen Tagen den synodalen Prozess. Was erhoffen Sie sich?

Massironi: Der synodale Prozess ist sehr wichtig für unsere Kirche. Ich habe den Eindruck, dass er bereits eine Umkehrung der Perspektive bewirkt – weg von einer klerikalen und hierarchischen Kirche. Wir Priester müssen uns auch evangelisieren lassen von den Menschen.

Was muss die Kirche lernen?

Massironi: Wir müssen lernen, Synodalität noch mehr zu praktizieren und uns mit Strukturen und Entscheidungsprozessen ausstatten, die dies unterstützen. Vor allem müssen wir dem Heiligen Geist mehr vertrauen und uns öffnen, ohne anderen unsere Agenda aufzuzwingen. Wenn wir das tun, werden wir weniger Angst vor der Moderne haben, denn unsere Gläubigen interpretieren das Evangelium bereits in ihr. Synodalität baut Angst ab. Gott geht uns in unserem Zeitalter voraus, nicht in einem anderen.

Was muss sich konkret ändern?

Massironi: Der veränderte Umgang mit Sexualität und in die gleichberechtigte Rolle der Frau müssen uns dazu bringen, Aspekte des Evangeliums zu entdecken, die in den patriarchalischen Gesellschaften verleugnet wurden. Aber auch sind der interreligiöse Dialog und die ökologische Sensibilität Synonyme für ein tieferes Verständnis der Offenbarung.

*Sergio Massironi (46) ist Priester aus Norditalien und Projektleiter das theologische Programm des Dikasteriums für den Dienst zugunsten der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen im Vatikan. Als regionaler Koordinator ist er für Europa und das Mittelmeer zuständig.


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