Odilo Noti: Betroffenheit der Bischöfe überzeugt nicht

Die Bischöfe haben auf den kirchlichen Missbrauch spät und ungenügend reagiert. Es braucht Druck von aussen, sagt der Theologe Odilo Noti. Eine Kolumne.

Odilo Noti*

Seit 30 Jahren ist für eine breite Öffentlichkeit sichtbar, dass es in der katholischen Kirche sexuellen Machtmissbrauch gibt. Dazu trugen entscheidend die weltweiten Aufdeckungsbemühungen bei, angefangen in den USA über Australien und Irland bis hin zu Frankreich, Deutschland oder Österreich. Sie machten das erschreckende Ausmass des Missbrauchs offenkundig und zugleich dessen systematische Vertuschung durch die Kirchenoberen.

Im Vergleich dazu haben die Schweizer Bischöfe spät, sehr spät reagiert. Auch wenn sie mittlerweile in allen Bistümern, freilich unterschiedlich professionell, Massnahmen zur Missbrauchsverhinderung eingeführt haben. So wurde der vor zehn Tagen veröffentlichte unabhängige Bericht der Universität Zürich erst 2022 in Auftrag gegeben.

«Zwei Drittel der amtierenden Bischöfe sind mit dem Vorwurf der Vertuschung konfrontiert.»

Die Historikerinnen identifizierten für die vergangenen 70 Jahre 1002 Fälle von sexuellem Missbrauch. Allerdings weisen sie darauf hin, dass es sich hierbei nur um die Spitze des Eisbergs handle. Die Zahl der Opfer sei um ein Vielfaches grösser. Und wie überall: Auch die Schweizer Kirche habe die Verbrechen systematisch vertuscht. So sind zwei Drittel der gegenwärtig amtierenden Bischöfe mit diesem Vorwurf konfrontiert.

Angesichts der Dimensionen dieses vertuschten Machtmissbrauchs, aber auch angesichts der jahrzehntelangen Bemühungen seiner Offenlegung durch unabhängige Kommissionen ist die von den Bischöfen an den Tag gelegte Betroffenheit nicht sehr überzeugend. Ebenso wenig sind es ihre Versprechen, unverzüglich Remedur zu schaffen.

«Längst überfällig ist, den Missbrauchsbetroffenen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.»

Man kann es nicht anders sagen: Die Führungsspitze der Kirche Schweiz steht für ein menschliches und religiöses Desaster ohnegleichen. Deshalb ist auch nicht die Zeit wortreicher Entschuldigungen für Unentschuldbares. Längst überfällig ist es stattdessen, den Missbrauchsbetroffenen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und alles dafür zu tun, damit Missbrauch künftig verhindert werden kann.

Immerhin versprachen die Bischöfe die Schaffung einer schweizweiten unabhängigen Meldestelle, ein professionelleres Rekrutierungs- und Personalwesen sowie den Verzicht auf die Vernichtung von Aktenbeständen. Und auch die Aufarbeitung durch die Universität Zürich soll fortgesetzt werden.

Allerdings gibt es systemische Faktoren, die den sexuellen Machtmissbrauch in der katholischen Kirche begünstigen. Stichworte sind der offenkundige Klerikalismus oder der Vorrang der Geweihten vor den Laien, die leibfeindliche und lebensferne Sexualmoral, der Pflichtzölibat, die Diskriminierung der Frauen und die im Kirchenrecht festgeschriebene Machtzusammenballung im Amt der Bischöfe. Diese sind in ihren Bistümern gesetzgebende, ausführende und richterliche Instanz gleichzeitig. Ein Hohn auf jedes rechtsstaatliche Bewusstsein.

«Über diese katholischen Systemfehler wird seit Jahrzehnten diskutiert.»

Über diese katholischen Systemfehler wird seit Jahrzehnten diskutiert, und ebenso lange wird ihre Beseitigung gefordert. Sie haben, so die allgemeine Überzeugung, mit dem Kern des christlichen Glaubens nichts zu tun. Im Gegenteil, sie stehen im Widerspruch dazu. Und vor allem sind sie ein spätes Phänomen – ein Produkt des 19. Jahrhunderts, als die Kirche auf den politischen Machtverlust mit der Etablierung des römischen Zentralismus reagierte. Dennoch ist die Bereitschaft der Bischöfe, daran etwas zu ändern, nicht sehr ausgeprägt.

Die Kirche reagiert nur auf Druck von aussen. Das sagte geradezu treuherzig der Münchner Kardinal Reinhard Marx.

In der Pflicht stehen deshalb auch der Staat, die Kantone. Zu sehr haben diese geglaubt, kircheninterne Kontrollen seien ausreichend. Sie haben ihre Aufsichtspflicht zum Schutz der Bürger und Bürgerinnen vernachlässigt. Das muss sich ändern.

*Odilo Noti, 1953, ist Theologe. Er stammt aus Brig und wohnt in Zürich.

Diese Kolumne wurde zuerst im «Walliser Boten» publiziert.


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