Seit zwei Monaten ist er obdachlos: Sascha Sieber. Der 43-Jährige «wohnt» und schläft derzeit im obersten Deck eines Parkhauses. Er war schon einmal sieben Jahre lang obdachlos und hatte sich danach geschworen, es nie wieder zu werden. Nun hofft er auf einen Platz in einer Klinik zum Alkoholentzug – und danach auf ein Zimmer. «Ich werde es schaffen», ist er optimistisch.
Wolfgang Holz
Eine Papiertüte mit Kleidungsstücken. Eine Tüte mit Toastbrot. Ein Rucksack. Ein Aufladekabel. Dazwischen auf dem nackten Beton: eine Schaumstoffmatte, Kleidungsstücke als Kopfkissen – und ein nigelnagelneues rotes Gartenmöbelpolster. Der einzige Farbtupfer in der Tristesse. Direkt gegenüber sticht der grüne Glitzer-Turm des Prime Tower in den Himmel. Eine andere Welt. So nah und doch so fern.
«Das Liegestuhl-Polster habe ich mir bei Jumbo gekauft, damit ich es wenigstens ein bisschen weicher habe», sagt Sascha Sieber und lächelt. Obwohl ihn seine Knochen schmerzen. Sein Bett sei momentan sein wichtigster Besitz.
Bis vor kurzem hat der 43-jährige hier seit zwei Monaten jede Nacht geschlafen – solange der heisse September andauerte. Viel zum Schlafen sei er nachts aber nicht gekommen.
Kein Wunder: Der Verkehr von der Hardbrücke lärmt 24 Stunden lang ohrenbetäubend herüber. «Ich komme nicht viel zur Ruhe», sagt er. Letzte Nacht habe er das erste Mal besser geschlafen: «Weil ich die Matte im Treppenaufgang des Parkhauses ausgelegt habe – da ist es jetzt wärmer». Allerdings riecht es dort streng nach Urin.
Tagsüber sitzt Sascha Sieber zumeist vor der Tür des Treppenhauses. Er schaut auf sein Smartphone, das er in einer Steckdose neben dem Feuerlöscher Kasten gleichzeitig auflädt. Raucht. Trinkt ein Bierchen. Wer Sascha zum ersten Mal so antrifft, denkt zunächst gar nicht an das Dasein eines Wohnungslosen. Sascha wirkt sehr fit. Er ist sehr freundlich und gesprächig. Erst bei näherem Hinsehen erkennt man, wie hager und eingefallen sein Gesicht ist.
«Ich bin gerne für mich allein.»
Sascha Sieber
«Bis vor kurzem konnte ich noch bei einem Freund, meinem früheren Chef, wohnen», erzählt Sascha, warum er obdachlos geworden ist. Doch dann habe es Spannungen gegeben – mit der Freundin seines Freunds. «Da bin ich dann ausgezogen. Ich bin gerne für mich allein», meint er.
Auf seinen Freund läuft auch der Handyvertrag. Bei ihm habe er in dessen Hauswart-Firma während der letzten zwei Jahre immer wieder tatkräftig mitgeholfen: Bei der Reinigung und bei der Gartenpflege von Häusern. «Dieser Job hat mir richtig gut gefallen». Noch immer trägt er das T-Shirt der Firma.
Sascha Sieber, der keine Lehre hat, arbeitete schon in vielen Jobs in seinem Leben. Als Dachdecker. Lagerist. Küchenhilfe. Als Barkeeper in einer Schwulenbar. Dort hat er auch früher seine Freier getroffen. Der 43-jährige, den seine Mutter mit 18 von daheim ausquartiert habe, weil er gekifft habe, ging nämlich mehrere Jahre lang auf den Strassenstrich. Mit einer Freundin war er «mit Heroin» abgestürzt.
«Ich habe das damals gemacht, um meine Heroinsucht zu finanzieren», bekennt er. Richtigen Sex habe er nicht angeboten: «Nur Blasen und Streicheln», sagt Sascha, der selbst nicht homosexuell ist. Von manchen Männern, mit denen er es gemacht habe, erhielt er schon 300 Franken, weil er deren Brustwarzen geküsst habe.
Sieben Jahre lebte er so auf der Strasse. Schlief mit dem Messer unterm Kopfkissen auf Parkbänken. Und legte jeweils in einem Kreis um seinen Schlafplatz Blätter und Äste. «Damit ich sofort hörte, wenn jemand kam. Not macht erfinderisch.» Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. «Das einzige Positive ist, wenn man obdachlos ist: Du schätzt, was Du hast.»
Seit mehreren Jahren sei er wieder clean, er nehme noch Methadon, sagt Sascha Sieber. Seit 2007 ist er in Therapie, die ihm sehr geholfen habe. Zu einem steten Leben hat der gebürtige Aargauer, der eine Halbschwester und einen Halbbruder von verschiedenen Vätern hat, dennoch nicht gefunden.
«Ich habe eben mit dem Alkohol zu kämpfen und habe derzeit keine Wohnung», sagt er. Er erhält momentan 900 Franken Sozialhilfe. Trinkt zig Dosen Bier am Tag. Isst wenig. «Oft nur drei, vier Stücke Brot am Tag.» Er verweigere sich manchmal sogar das Essen aus einer gewissen Selbstbestrafung heraus: «Weil ich mich eben schuldig fühle für mein Schicksal.» Andererseits gebe es in Zürich viel Hilfe für sozial Bedürftige: «Du kannst jeden Tag gratis in der Langstrasse essen und wirst sogar bedient», meint Sascha.
Er wünscht sich deshalb, dass er bald in einer Klinik einen Alkoholentzug machen kann. «Ich war schon einmal in einer Klinik, die kümmern sich wirklich gut um einen», lobt er. Er sei auf der Warteliste ganz oben.
Allerdings brauche er zuerst mal eine Meldeadresse. «Ich muss schauen, dass ich das mit dem Sozialamt bald geregelt kriege.» Wegen dem vielen Alkohol sei er halt nicht leistungsfähig. «Ich fühle mich nicht gut.» Ausserdem wünscht er sich ein eigenes Zimmer: «Meine eigenen vier Wände.»
In seiner momentanen Bleibe im Parkdeck achtet er sehr auf Ordnung. «Manchmal gehe ich zu den Jungen hin, die hier am Wochenende Partys feiern, und fordere sie auf, ihren Abfall in die Güselkübel zu werfen», sagt Sascha Sieber.
An der ehemaligen Tankstelle an der Einfahrt ins Parkhaus wäscht er sich jeden Tag: «Dort gibt es einen Wasserhahn und Papiertücher», erklärt er und lächelt. In einen Robidog-Sack füllt er jeweils vorher Seife ab aus öffentlichen Toiletten.
Und wie stellt er sich seine Zukunft vor? Mit 43 Jahren kann er ja im Prinzip noch richtig anpacken. «Ich bin sicher, dass ich es wieder weg von der Strasse schaffe. Ich werde wieder rauskommen», sagt er optimistisch und zieht an seiner Zigarette. Im Prinzip könne es jedem passieren, auf der Strasse zu landen.
«Eigentlich wünsche ich mir nur ein stinknormales Leben – ohne Jaguar, ohne Luxus», verrät er und lächelt sympathisch. Er beobachte gerne andere Menschen. «Eifersüchtig und neidisch werde ich nur, wenn ich ein junges Pärchen mit einem Kinderwagen sehe – denn das wollte ich auch immer haben.»
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant