40 Jahre lang hat der Baarer Jesuitenpater Martin Schmid im 18. Jahrhundert in Bolivien gelebt. Er brachte indigene Chiquitos das Evangelium. Er hat drei grosse Holzkirchen erbaut, die heute noch stehen. Zu seinem 250. Todestag werden ihm zwei Ausstellungen in Baar und Zug gewidmet. Dabei soll auch über das kolonialistische Erbe nachgedacht werden.
Wolfgang Holz
«Es ist super, dass diese Ausstellungen stattfinden, schliesslich hat der Jesuitenpater Martin Schmid in Lateinamerika Grossartiges geleistet. Ausserdem lieben ihn die Baarerinnen und Baarer, weil er von hier stammt», sagt Pfarrer Anthony Chukwu von der katholischen Pfarrei St. Martin.
Zwar gibt es eine Gedenktafel für den Jesuitenpater in der Luzerner Jesuitenkirche. Aber auch für Pfarrer Chukwu ist der Martin Schmid bis jetzt ein Unbekannter gewesen.
Er ist damit nicht allein. Für die meisten Leute in Baar ist Pater Martin Schmid bislang eher eine unbekannte historische Grösse. Allenfalls Hans Waldmann, jener spätmittelalterliche unzimperliche Zürcher Bürgermeister, der 1489 hingerichtet wurde und dem ein Reiterstandbild an der Limmat gewidmet wurde, ist in Baar vielen ein Begriff.
Umso interessanter ist es, dass der Verein Pater Martin Schmid das Wirken dem gleichnamigen Jesuitenpater zum 250. Todestag zwei Ausstellungen widmet. Im Augenblick kann man in Baar anhand von acht Stelen auf öffentlichen Plätzen einiges über den Lebensweg des Missionars erfahren – der 40 Jahre in Bolivien wirkte. Ab dem 26. September eröffnet in Zug dann eine Ausstellung in der Chollerhalle.
1726 hatte sich Martin Schmid nach Südamerika aufgemacht. Als Baumeister, Musiker und Seelsorger missionierte der Jesuit für den christlichen Glauben, hauptsächlich bei den indigenen Chiquitos.
Im heutigen Andenstaat zeugen noch immer Spuren von seiner Tätigkeit. Seine Kirchen gehören seit über 30 Jahren zum UNESCO-Weltkulturerbe. Pater Schmid verfasste in Bolivien Briefe an seine Familie, die heute als Grundlage für das bevorstehende Projekt gelten.
Insbesondere seine drei Kirchen, die er selbst konzipierte und die er mit Hilfe der lokalen Bevölkerung zwischen 1745 und 1755 aus Holz erbaute, wurden zu christlichen Wahrzeichen der Mission. Bis zu 3’000 Personen bieten die riesigen Gotteshäuser im bolivianischen San Rafael, San Javier und Concepcion Platz.
Die Wände und die Holzkonstruktion sind üppig in barocker Weise bemalt, die geschnitzte Ausstattung ist oft vergoldet. Die grosszügige barocke Dekoration, in die auch indigene Motive der Chiquitos Eingang gefunden haben, steht in Kontrast zur schlichten Konstruktion der Kirchen. Bis zu seiner Ausreise 1768 kümmerte sich Schmid um die Kirchen.
Projektleiterin Laura Hürlimann hat sich eineinhalb Jahre mit dem kulturellen Erbe des Paters Martin Schmid beschäftigt. «Pater Schmid war ein Baarer, und wir wollen ihn bekannt machen», sagt die 30-Jährige. Gleichzeitig soll aber auch Themen wie Kolonialismus, Religion, Mission, Hybridkultur zwischen Indigenen und Missionaren sowie der heutigen Situation Boliviens eine Plattform gegeben werden.
«Es geht auch darum: Wie schätzen wir seine Mission heute ein?», gibt Laura Hürlimann zu bedenken. «Im heutigen Bolivien sieht man noch immer, wie er gewirkt hat. Dieser Themenweg geht dem kolonialen Erbe nach.»
Beispielsweise der Entwicklung jener «Reduktionen» – Siedlungen, welche die Jesuiten angelegt haben für die Organisation der Christianisierung der indigenen Chiquitos. Dabei wurden Hunderttausende in festen Siedlungen zusammengeführt.
Wegen der später erlangten weitgehenden Unabhängigkeit von der spanischen Obrigkeit wurden manche Jesuitenreduktionen sogar als «Jesuitenstaat» bezeichnet. Weisse Einwanderer beuteten später im 19. Jahrhundert jedoch teilweise diese Siedlungen aus.
Auch Pater Martin Schmids distanzierte Haltung als Jesuit zur Rolle der Frauen wird in dem Ausstellungsprojekt beleuchtet: Indigene Frauen sollten nicht etwa wie die Männer ein Handwerk erlernen dürfen.
Wie Hürlimann erzählt, sei Jesuitenpfarrer Martin Schmid vor allem ein sehr talentierter Musiker gewesen. Die Jesuiten haben die Musik als «Lockmittel» für die christliche Bekehrung der indigenen Chiquitos-Bevölkerung eingesetzt.
«Indigene konnten beispielsweise ein Handwerk erlernen.»
Laura Hürlimann, Projektleiterin
«Insgesamt hat das Werk Pater Martin Schmids und anderer Jesuitenpatres sicherlich zur wirtschaftlichen Entwicklung Boliviens beigetragen, und Indigene konnten beispielsweise ein Handwerk erlernen», sagt Hürlimann.
Die Veranstalter des Ausstellungsprojekts wollen aber kein wertendes Statement über das Werk Schmids abgeben. «Das ist schwierig, man muss eben immer beide Seiten sehen», sagt Hürlimann – die selbst noch nie in Südamerika war. Nichtsdestotrotz hat sie die Geschichte von Pater Martin Schmid und die Umstände seines Wirkens fasziniert: «Er brauchte allein vier Jahre, bis er in Bolivien angekommen war.»
Einzig, wer ein Porträt des Jesuitenpaters Martin Schmid in der Ausstellung erwartet, wird enttäuscht. «Es gibt kein bestätigtes Bild von ihm», sagt Laura Hürlimann. Ein Phantom ist er deshalb aber keineswegs. Seine Mission wirkt dadurch aber noch geheimnisumwobener.
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