Alexander Schmid: «Eine Orgel ist ein Instrument für einen Kirchenraum, nicht für ein Wohnzimmer»

Der Organist der Kirche St. Clara in Basel, Alexander Schmid ersteigerte eine bis zu 300 Jahre alte italienische Orgel. Sie stand zuvor in einem Privathaus. Nun vermacht er sie der Kirche als Leihgabe. Mit seinem «schönen Bijou» möchte er auch jene berühren, «die mit der Kirche bereits abgeschlossen haben».

Boris Burkhardt

Der Kirchenmusiker der römisch-katholischen Kirche Basel-Stadt, Alexander Schmid, stellt die Frage selbst: «Wozu braucht die Kirche St. Clara drei Orgeln?» Neben der 30 Jahre alten Metzler-Orgel auf der Empore und der Chororgel von 1975 steht seit zwei Wochen in einer der grössten und bekanntesten Kirchen Basels an der linken Wand des Chores eine zwei Meter hohe und fast halb so breite italienische Orgel, deren älteste Bestandteile über 300 Jahre alt sein dürften.

Die Orgel, die ihn einen fünfstelligen Betrag gekostet hat, hat der Kirchenmusiker und Organist der Kirche als Leihgabe überlassen. Am vergangenen Sonntag wurde sie morgens in einem Gottesdienst eingeweiht. Am Abend fand das erste Konzert in St. Clara auf ihr statt.

Bei einigen Stücken begleitet vom Tenor Tarik Benchekmoumou spielten Schmid und sein Amtskollege in der Pfarrei St. Clara, Armin Böck, vor einem überschaubaren aber interessierten Publikum gemischten Alters unter anderem Stücke von Paolo Cima (1575–1630), Bernardo Pasquini (1637–1710), Adriano Banchieri (1567–1634), Giovanni Morandi (1777–1856) und dem «italienischen Bach» Girolamo Frescobaldi (1583–1643): Canzoni, Toccate, Bergamasche, Fantasie, Capricci, Offertori, eine Pastorale und die Marienhymne «Inno Ave Maris Stella».  

Von Italien nach Deutschland

«Es ist ein Luxus», sagt Alexander Schmid. Aber einer, der sich lohne. Schmid vergleicht den Kauf der Orgel mit dem Gleichnis Jesu vom «Schatz im Acker» (Mt 13,14): «Wenn ich die Musik auf dieser Orgel höre», schwärmt er, «berührt sie direkt mein Herz.» Es sei ein «grosses Glück», dass sich die Orgel zuvor in Deutschland befunden habe. Wäre sie noch in Italien gewesen, wäre ihre Ausfuhr aufgrund des mittlerweile strengen Schutzes von Kulturgütern in dem Land untersagt worden.

«Der Klang der Orgel ist sehr authentisch für die Musik Italiens und Süddeutschlands von der Renaissance bis zur Klassik», sagt Armin Böck. Der italienische Orgelbau habe sich bis ins 18. Jahrhundert nicht sehr verändert, weshalb auch dieses Instrument die grosse Bandbreite an musikalischen Epochen abdecke.

Während moderne Orgeln nur auf Oktaven gestimmt seien und alle anderen Tonintervalle aus technischen Gründen im Kompromiss leicht verstimmt seien, spiele die italienische Orgel mit ihrer mitteltönigen Stimmung perfekte Terzen und dafür andere Intervalle sehr schlecht: «Die Komponisten damals stellten sich entsprechend darauf ein», so Böck.

Einzelne Pfeifen aus dem 17. Jahrhundert

Die Orgel stammt aus der Umgebung von Modena, im Norden Italiens. Der Erbauer ist nicht mehr zu ermitteln. Aufgrund ihrer Beschaffenheit werden einzelne Pfeifen auf das 17. Jahrhundert geschätzt. Das Instrument als solches stammt aus dem 18. Jahrhundert.

Alexander Schmid gelangte an das «richtig schöne Bijou», als es im März dieses Jahres aus dem Nachlass des deutschen Musikwissenschaftlers und Musikers Rudolf Ewerhart in seinem Haus in der Eifel versteigert wurde. Dort stand es im Wohnzimmer.

«Ich hatte als Orgelsachverständiger zuvor den Wert geschätzt», sagt Schmid, der selbst Sammler ist. «Als sie dann niemand ersteigern wollte, sah ich meine Chance, sie selbst zu kaufen. Sie wollte zu mir.» Eine Orgel, fügt Schmid hinzu, sei ein Instrument «für einen Kirchenraum, nicht für ein Wohnzimmer». Pfarrer Mario Tosin und den Pfarreirat hatte Schmid schnell überzeugt, seinen Kollegen Böck sowieso.

Als Standort wurde der Chor gewählt, wo die Orgel nun in der Nische einer toten Tür direkt an der Aussenwand steht. Das sei akustisch der beste Ort, bestätigen Schmid und Böck. Optisch ist sie damit für die meisten Gottesdienstbesucher aber ziemlich versteckt. «Sie soll auch dezent sein», sagt Böck.

Mit Zapfen zusammengesteckt

Die beiden Organisten begeistern sich für die «solide Handwerkskunst»: Die Orgel sei ein «ganz ausgeklügeltes System, das mit wenigen Pfeifen auskommt». Weil die Pfeifen aus ästhetischen Gründen nicht der Grösse nach, sondern M-förmig mit drei Spitzen angeordnet seien, müssten die Tasten und die Pfeifenventile über Messingdrähte und Wellen miteinander verbunden werden. Die Orgel sei nur mit Zapfen zusammengesteckt und habe sich für den Transport ohne Werkzeug in ihre zwei vorgesehenen Teile zerlegen und wieder zusammenbauen lassen.

Obwohl heute ein Motor angebaut ist, der wie bei modernen Orgeln die Blasebälge betätigt, lässt sich die italienische Orgel auch manuell bedienen, was Schmid während des Konzerts eindrucksvoll vorführte. Er zog an den Schnüren, während Böck das «Ave Maris Stella» spielte und Benchekmoumou sang. Auch vierhändig lässt sich auf der kleinen Tastatur spielen: Schmid und Böck bewiesen das mit der «Pastorale» von Giovanni Morandi, die auch im Publikum besonders gut ankam und für erfreute Lacher sorgte.

Im Gottesdienst am Morgen vor dem Konzert wurde die Orgel kollaudiert, wie in der Kirchensprache die «Amtseinführung» von Gegenständen heisst. Bis zum Kyrie habe er die bereits bekannte Chororgel gespielt. Enthusiastisch erzählt Schmid seinem Kollegen, der beim Gottesdienst nicht dabei war: «Dann bin ich an die italienische Orgel gewechselt. Es war ein Erlebnis für die Besucherinnen und Besucher. Es herrschte eine knisternde Stille.»

Geplante Zusammenarbeit

Es sei ihm wichtig, sagt Schmid, dass die neue Orgel auch zukünftig an der Liturgie beteiligt sei. Er plane auch eine Zusammenarbeit mit der Musikakademie Schola Cantorum Basiliensis als Teil der Fachhochschule Nordwestschweiz: Mit der Orgel könnten die Studenten speziell die damalige Literatur kennenlernen. In erster Linie ist sie aber ein Konzertinstrument, dass Menschen in den Kirchenraum holen soll. «Ich will auch damit jene berühren, die mit der Kirche bereits abgeschlossen haben.»


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