Als bei Luise B. mit 42 Jahren Knochenkrebs diagnostiziert wird, sucht sie psychotherapeutische Begleitung durch eine Ordensfrau. Das geht zuerst gut, bis die Ordensfrau die Abhängigkeit zunehmend ausnützt und sexuell übergriffig wird. Ein ungewöhnlicher Fall von Missbrauch in der Kirche.
«Sie hat begonnen, mich zu manipulieren. Hat mir nachtelefoniert, Briefe geschrieben, immer öfters, sie hat sich unentbehrlich gemacht. Als ich wegen meines Knochentumors im Spital war – man musste mir einen Finger amputieren – hat sie mich auch dort begleitet, war beim Aufwachen dabei. Auf einmal war sie omnipräsent. So wurde die Therapie immer näher, immer ‹verstrickter›. Ich hatte auch noch nie einen Menschen erlebt, der meine Seele so erkannt hat. Ich habe mich geöffnet, bis ich völlig wehrlos war. Eines Tages schloss sie während unserer Sitzung einfach die Türe von innen ab.»
Das sagt Luise B.* (70) im Gespräch mit Veronika Jehle vom Zürcher Pfarrblatt «forum». Die Übergriffe führten bei ihr zwischenzeitlich zu Invalidität. Im Jahr 2000 strengte Luise B. ein standesrechtliches Verfahren gegen die Ordensfrau an. Sie wandte sich dabei an die Beschwerdekommission des zuständigen Verbands der Psychotherapeutinnen und -therapeuten. Diese beschied der Täterin, die Standesregeln verletzt zu haben; insbesondere was der Umgang mit Methoden und ihre persönliche Verstrickung mit der Klientin betrifft. Sie musste sich einer dreijährigen Therapie unterziehen und die Verfahrenskosten tragen. (rp)
*Name der Redaktion bekannt und zum Schutz der Person geändert.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/ordensfrau-missbraucht-luise-b-sie-hat-begonnen-mich-zu-manipulieren/