Sinnliche Erfahrung der anderen Art: Wie sich Klosterbier neu erleben lässt

Jesus hat Wasser in Wein verwandelt. Nicht in Bier. Trotzdem haben Benediktinermönche seit Jahrhunderten in ganz Europa Bier gebraut – weil es in vielen Gegenden einfach zu kalt für den Weinanbau war. Und weil Bier eben «flüssiges Brot» in Zeiten der Not war, das man auch in der Fastenzeit trinken konnte. In der bayerischen Klosterbrauerei Andechs kann man neuerdings das Bierbrauen auf eine ganz andere sinnliche Art erleben.

Wolfgang Holz

Als Durstlöscher in diesen sommerlichen Hitzetagen ist Weizenbier geradezu ein göttliches Getränk. Es erfrischt und kühlt erhitzte Kehlen einzigartig.

Dies erleben nicht zuletzt die vielen Pilgernden, die auf den «Heiligen Berg» in der Nähe von München, sprich: zum Kloster Andechs, wallfahren.

30’000 Wallfahrer mit grossem Durst

Jahr für Jahr kommen rund 30’000 organisierte Wallfahrende aus ganz Europa mit ihrem Dank, ihren Bitten und nicht zuletzt mit einem grossen Durst nach Andechs – das dreieinhalb Autostunden von Zürich entfernt liegt. Und das idyllisch auf einem Hügel zwischen dem Ammer- und dem Starnbergersee thront.

Seit der Eröffnung des Jakobsweges von München nach Lindau 2003 machen sich auch vermehrt Einzelpilgernde auf den Weg zum Heiligen Berg Bayerns. Vielen mundet das Bier, das hier schon seit 1455 gebraut wird.

«Bei uns in Bayern ist Bier kein Genuss-, sondern ein Nahrungsmittel.»

Willibald Mathäser, früherer verstorbener Andechser Benediktiner

Wobei Bier bekanntlich kein Luxus ist. «Bei uns in Bayern ist Bier kein Genuss-, sondern ein Nahrungsmittel. Es ist hergestellt aus Getreide, Hefe und Wasser, wie das Brot.» So kurz und bündig definierte der Andechser Benediktiner Willibald Mathäser einmal den Stellenwert des mönchischen Gerstensaftes.

Grösste unabhängige Klosterbrauerei

Die Klosterbrauerei Andechs ist heute in Deutschland die grösste von nur noch wenigen authentischen Klosterbrauereien, die eine existierende Ordensgemeinschaft konzernunabhängig führt, wie die Brauerei in einer Pressemitteilung wissen lässt. Sie gehört den Benediktinern von Sankt Bonifaz in München und Andechs. Gebraut und abgefüllt wird ausschliesslich vor Ort in Andechs am Fuss des Heiligen Berges.

«Weltbekannt ist im Kloster Andechs vor allem das gepriesene und von manchen auch wegen seiner Wirkung gefürchtete Doppelbock, ein würziges Starkbier», schwärmt Bierexperte Tillmann Neuscheler von der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» in seinem Bier-Blog.

Im Angebot hat die Klosterbrauerei Andechs aktuell neun verschiedene Biere – darunter seit 2016 auch ein alkoholfreies Weizenbier.

Nur noch vier Mönche aktuell im Kloster Andechs

Die Mönche brauen zwar nicht mehr selbst Bier, haben aber das Sagen. Gemeinsam wird entschieden – jeder der Mönche hat eine Stimme, nur der Abt darf nicht mitvotieren.

Wobei im Kloster Andechs selbst nur noch vier Mönche leben. In der Brauerei arbeiten rund 25 weltliche Mitarbeiter und brauen unter der Obhut der Mönchsgemeinschaft Jahr für Jahr mehr als 100’000 Hektoliter Bier.

Brauerei modernisiert

Seit 2003 hat der Orden rund 30 Millionen Euro in seine Brauerei investiert. 2019 wurde allein für 12 Millionen Euro eine neue Füllerei gebaut – in der bis zu 24’000 Flaschen pro Stunde abgefüllt werden können. Weise Entscheidungen.

Denn diese Investitionen haben rentiert. Bis heute erwirtschaftet die Brauerei die Gewinne, mit denen das Kloster sich und seine Obdachlosenarbeit finanziert.

Gemäss der Ordensregel des heiligen Benedikt sollten die Mönche alles, was sie brauchen, möglichst innerhalb der Klostermauern selbst schaffen. Zudem sollten sie sich an die örtlichen Gegebenheiten anpassen, in kalten Gegenden also eher Gerste statt Wein anbauen.

Früher weniger Alkohol im Bier

Um sich selbst zu versorgen, brauten Mönche in den Klöstern für ihre Gemeinschaften das Bier auch, weil es im Mittelalter wegen seiner langen Kochzeit als sicheres Getränk galt. Anfangs für den Eigenbedarf («Flüssiges bricht das Fasten nicht») und für Pilgernde, später aber auch für den Verkauf an die Menschen in der Umgebung. Bier war nahrhaft. Und damals enthielt es etwas weniger Alkohol als heute. Anders sind die grossen Mengen, die jedem Mönch täglich zustanden, nicht erklärbar.

Mit Virtual-Reality-Brillen

Seit Anfang Juli können Besucherinnen und Besucher die Klosterbrauerei Andechs und das Bier neu entdecken – mittels Virtual-Reality-Brillen. Insgesamt sechs Stationen veranschaulichen bei der wahlweise 45 oder 90 Minuten dauernden Tour den kompletten Herstellungsprozess des Andechser Klosterbieres.

Zunächst werden die Gäste mit moderner Virtual-Reality-Technologie in die Geschichte des Klosters Andechs und seiner Klosterbrauerei eingeführt – virtuelle 360-Grad-Umschauen ermöglichen beim Blick auf die Klosteranlage Früher-Heute-Vergleiche. In der Brauerei selbst erhalten die Gäste Einblicke in den Brauprozess und erkunden die traditionsreiche Brauerei aus völlig neuen Perspektiven.

Die rein geschmackliche Reise durch die vielseitige Landschaft der Andechser Klosterbiere beginnen die Gäste nach der visuellen Erkundung bei einer Bierprobe. Diese enthält jeweils vier verschiedene Biersorten in Sommer- und Wintervariationen sowie eine alkoholfreie Alternative.

«Diese Führung schlägt die Brücke vom historischen Ursprung unserer Brautradition hin zur hochmodernen Technik der Klosterbrauerei.» 

Abt Johannes Eckert, Kloster Andechs

Die neue Brauereiführung macht für Abt Johannes Eckert den Besuch im Kloster Andechs um eine weitere Facette reicher.

«Diese Führung schlägt die Brücke vom historischen Ursprung unserer Brautradition hin zur hochmodernen Technik der Klosterbrauerei heute am Fuss des Heiligen Berges. Es ist faszinierend, wie direkt man dem Brauprozess folgen kann.» Prost!


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https://www.kath.ch/newsd/sinnliche-erfahrung-der-anderen-art-wie-sich-klosterbier-neu-erleben-laesst/