Die Melodie des Schweizer Psalm passe nicht zum Text, findet der Benediktiner Lukas Helg (79) aus Einsiedeln. Es sei gar eine «Vergewaltigung des Textes». Der Komponist sei «zu faul» gewesen, für den Schweizer Psalm eine eigene neue Melodie zu komponieren. Auf seine Anregung hin hat Pater Alois Kurmann 2014 am Wettbewerb für einen neuen Hymnen-Text mitgemacht.
Barbara Ludwig
Die Schweizer Landeshymne mit dem Text von Leonhard Widmer und der Melodie von Alberik Zwyssig entstand im 19. Jahrhundert. Das Original-Manuskript des Schweizer Psalms befindet sich in der Nationalbibliothek. Doch auch die Musikbibliothek des Klosters Einsiedeln beherbergt ein Dokument, das wichtig ist für die Entstehungsgeschichte der Hymne.
Pater Lukas Helg*: Der Zisterzienserpater Alberik Zwyssig hat 1835 die Melodie der späteren Landeshymne komponiert – als Offertorium zur Pfarrinstallation seines Mitbruders Plazidus Bumbacher in Wettingen und auf den Text des Psalmverses «Diligam te Domine». Das ist der zweite Vers von Psalm 18 und heisst auf Deutsch: «Ich will dich lieben, Herr». 1837 hat er die gleiche Komposition als Graduale in eine Männerchormesse eingefügt. Wir besitzen die handschriftliche Partitur dieser «Messe für Männerstimmen ohne Begleitung» von 1837 – und damit das zweite Autograf der Melodie, der später der Schweizerpsalm unterlegt wurde.
Wie kam diese musikalische Vorlage des Schweizer Psalms in die Musikbibliothek des Klosters Einsiedeln?
Helg: Im 19. Jahrhundert bestanden sehr enge Beziehungen zwischen dem Kloster Einsiedeln und der Familie Zwyssig. Sie stammt aus dem Dorf Bauen unweit des Rütli, wo auch der Komponist geboren wurde. Peter Zwyssig, ein Bruder des Komponisten, war bei uns Student. Nach der Aufhebung des Klosters Wettingen durch den Kanton Aargau flohen die Mönche. Alberik Zwyssig wohnte eine Zeitlang im Kloster Wurmsbach am Oberen Zürichsee. Aus diesem Grund war er damals oft in Einsiedeln. Er unterhielt persönliche Beziehungen zum damaligen Klosterbibliothekar Gall Morel und brachte irgendwann die Handschrift hierher.
Was ist das Besondere an der Melodie des Liedes?
Helg: Sie hat etwas Martialisches, Kriegerisches wegen des stark betonten Rhythmus. Die Punktierungen schaffen grosse Spannungen. Trotzdem passt sie viel besser zum Text des Psalms «Diligam te Domine» als zum Text des Schweizerpsalms. Viel besser.
Wieso?
Helg: «Trittst im Morgenrot daher» (singt mit kräftigem Bass). Es geht nicht auf mit den Silben, unbetonte Silben bekommen plötzlich einen Akzent. Das geht gar nicht! Die Struktur des Textes passt nicht zur Struktur der Melodie. Es ist eine Vergewaltigung des Textes. Hinzukommt, dass Alberik Zwyssig den ursprünglichen Text von Leonhard Widmer an mehreren Stellen geändert hat. Schon im ersten Vers hat er das Adjektiv – «lichten» – unterschlagen.
Man kann das Defizit ganz banal erklären. Zwyssig bekommt den Auftrag, das Gedicht zu vertonen. Und erinnert sich: Ich habe da ja schon eine schöne Melodie und lege ihr einfach den Text von Widmer darunter. Er war schlicht zu faul, eine neue Melodie für den Schweizerpsalm zu komponieren.
Sie finden also, der Text passe nicht zur Melodie. Singen Sie die Landeshymne am 1. August nicht gerne mit?
Helg: Die Melodie habe ich sehr gern. Sie hat eine klare Form, ist eingänglich. Sie bleibt einem im Ohr hängen. Den Text finde ich zu schwülstig, zu patriotisch – und auch zu fromm: «Betet, freie Schweizer, betet.» Fast die Hälfte der Menschen in der Schweiz ist jedoch heute ohne Glauben.
Vor einigen Jahren gab es Bestrebungen der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft, einen neuen Text zu finden. Die SGG lancierte einen Wettbewerb. Fanden Sie das eine gute Idee?
Helg: Ich habe sogar mitgemacht. 2014 habe ich unseren Lateinlehrer, Pater Alois Kurmann, ins Rennen geschickt. Ich bat ihn, einen Textvorschlag in lateinischer Sprache einzureichen. Das hat er gemacht. «Diligam te patria, pulchra es et libera». So beginnt die erste Strophe seines Textvorschlages. Auf Deutsch: «Ich will dich lieben, Vaterland, schön bist du und frei».
War der Text auch Ihr Favorit?
Helg: Auf jeden Fall. Eine lateinische Hymne ist natürlich gewagt. Aber wir waren der Überzeugung, eine solche sei besser als ein Text mit je einer Strophe pro Landessprache. Der Text von Pater Alois beschreibt die Schönheiten des Landes. Eine weltliche Beschreibung. Nichts Religiöses gibt es mehr darin. Das Wort «Gott» kommt nicht vor. Jeder Muslim und jede Muslima könnte sie singen. Ein solcher Hymnentext ist zeitgemäss.
Der Textvorschlag aus dem Kloster Einsiedeln hat nicht gesiegt.
Helg: So ist es. Wir bekamen nicht einmal eine Eingangsbestätigung.
*Pater Lukas Helg (79) ist Musiker und lebt seit 1965 im Kloster Einsiedeln. Er war während 42 Jahren Stiftskapellmeister der Benediktinerabtei. Bis 2021 leitete der Toggenburger die Musikbibliothek des Klosters.
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