In der Benediktinerabtei Einsiedeln gibt es zahlreiche Schätze und interessante Gegenstände. Bruder Gerold Zenoni (64) hat einige ausgewählt, die ihm besonders viel bedeuten. Darunter eine Urkunde aus der Zeit vor seinem Mönchsleben, ein Propagandafilm und ein Gesslerhut.
Barbara Ludwig
Das Dokument mit dem Siegel trägt das Datum vom 28. Juni 1979. «Gautschbrief» steht da in grossen roten Lettern. Das Dokument ist eingerahmt, wie es sich für eine wichtige Urkunde gehört.
Es ist einer der wenigen Gegenstände, die Gerold Zenoni 1980 – ein Jahr nach seinem Lehrabschluss als Typograf – aus dem zivilen Leben mit ins Kloster Einsiedeln nahm. Der Gautschbrief hält fest, dass Gerold Zenoni «nach altem Brauch und Herkommen» nach erfolgreich bestandener Lehrabschlussprüfung die Wassertaufe erhalten hat.
«Ich schaffte es sogar auf die Titelseite der Gotthard-Post»
Er habe Glück gehabt, es sei ein heisser Tag gewesen, als ihn unversehens vier Mitarbeiter der Druckerei «Gotthard-Post» in Altdorf UR an Armen und Beinen packten und zum nächsten Brunnen schleppten, erzählt Bruder Gerold. «Es gab kein Entrinnen. Man weiss, dass die Gautschete ansteht – aber nicht, an welchem Tag.»
Das lokale Ereignis war jedoch frühmorgens mit einem Anschlag angekündigt worden, so dass viele Menschen aus Altdorf zuschauten, als der frischgebackene Typograf in den Brunnen geworfen wurde. «Ich schaffte es sogar auf die Titelseite der Gotthard-Post», sagt der Mönch noch 44 Jahre später mit Stolz. Von dem Brauch gibt es auch Fotos.
Bruder Gerold schreibt als Journalist für die Klosterzeitschrift «Salve», und er fotografiert auch. Dann und wann kommen ihm echte Persönlichkeiten vor die Linse. 2012 fotografierte er den König von Kambodscha, Norodom Sihamoni. Der Monarch hatte den Schweizer Kinderarzt und Cellisten Beat Richner bei einem Benefiz-Konzert in der Klosterkirche begleitet. «Ich war dabei, als der König anschliessend mit seinem Hofstaat die Bibliothek besichtigte. Und ich sorgte dafür, dass er sich ins Gästebuch eintrug», erzählt Zenoni. Es sei doch wichtig, dass solche Ereignisse dokumentiert würden.
«J’exprime mon respect et mon admiration», schrieb Norodom Sihamoni als «Roi du Cambodge» ins Gästebuch. Er verliess Einsiedeln nicht, ohne dem Kloster etwas zu schenken. Bruder Gerold öffnet eine blaue Schatulle. Darin liegt eine sechseckige silberne Dose, deren Deckel mit eingravierten Ranken geschmückt ist.
In der Sakristei der Gnadenkapelle zeigt der Mönch zwei Filmrollen. Was darauf zu sehen ist, weiss niemand mit Gewissheit. Aber Gerold Zenoni vermutet, es könnte ein Propagandafilm des deutschen Paters und Piloten Paul Schulte sein. 1931 drehte der als «Fliegender Pater» bekannt gewordene Geistliche einen Film mit dem Titel «Miva, das Vermächtnis eines Missionars». Darin geht es um die Gründung einer Missionsstation im «Ovamboland», das damals zur deutschen Kolonie Südwestafrika gehörte.
Mit dem Film habe der Pater Werbung für sein Hilfswerk Miva Deutschland gemacht, berichtet Gerold Zenoni. Miva steht für Missions-Verkehrs-Arbeitsgemeinschaft. Schulte hatte das Hilfswerk 1927 gegründet, um die Tätigkeit von Missionaren mit Automobilen und Flugzeugen zu fördern.
Geht es um Schulte und seine Flugzeuge, schlägt das Herz von Bruder Zenoni höher. Er hat sich intensiv mit dem Gründer der Miva befasst, zwei ausführliche Beiträge im «Salve» zeugen davon. «Paul Schulte hat Einsiedeln 1932 besucht, damals brachte er vermutlich die beiden Filmrollen mit», sagt Zenoni. Der Pater aus Deutschland habe sich erhofft, dass durch seinen Besuch auch in der Schweiz ein Hilfswerk mit demselben Ziel gegründet würde.
Ein Foto von 1932 zeigt Studenten katholischer Gymnasien vor der Stiftsschule Einsiedeln, daneben ein Kleinflugzeug, das für den Einsatz in Missionsgebieten bestimmt war. Noch im gleichen Jahr wurde das Hilfswerk Miva Schweiz gegründet, das noch heute existiert.
Einen Tag vor dem Interview mit kath.ch bekam Zenoni Besuch von der Direktorin von Memoriav. Die Organisation setzt sich für die Erhaltung und Erschliessung des audiovisuellen Kulturgutes in der Schweiz ein. «Die Fachfrau hat uns empfohlen, die Filmrollen digitalisieren zu lassen. Das würde ich mir auch wünschen, damit die Menschen das historische Dokument anschauen können», sagt Zenoni. Auch wenn sich herausstellen sollte, dass auf den Rollen ein anderer Film enthalten ist. Ziemlich sicher ist immerhin, dass sie von der Miva stammen. Das zeigt das deutlich sichtbare Logo des Hilfswerks am Anfang des Filmstreifens.
Für den vierten Gegenstand geht es hinauf in den Grossen Saal. Stuhlreihen, Kristalllüster, dunkle Gemälde und rosa Stuckaturen an den Wänden. Hier finden normalerweise kulturelle Anlässe statt. Aus einem Nebenraum holt Gerold Zenoni einen Holzblock mit Loch, stellt einen schwarz-gelb gestreiften Pfosten hinein, darauf ein weisser Hut von mindestens einem halben Meter Durchmesser. Es ist ein Gesslerhut, der 2004 bei einer Aufführung von Schillers Drama «Wilhelm Tell» auf dem Rütli zum Einsatz kam.
«Das Deutsche Nationaltheater Weimar schickte mir eine Einladung, weil man mich als Tell-Sammler kannte», erzählt Zenoni. Er habe dann mit der Produktion Kontakt aufgenommen, die ihm am Ende der Spielzeit den Hut von Gessler und Tells Armbrust schenkte.
Mit 13 spielte Gerold Zenoni eine Rolle im Tell-Stück. Seither brennt sein Herz für Wilhelm Tell. Das Kloster stellt dem Benediktiner einen Raum in der Klausur zur Verfügung, in dem mittlerweile über 10’000 Objekte mit Bezug zum Schweizer Freiheitskämpfer lagern.
Der Gesslerhut wird demnächst wieder einen Auftritt haben. Und zwar im Rahmen einer literarischen Führung, die das Kloster Einsiedeln ab 16. August anbietet. Den Geschichten über die Dichterinnen und Schriftsteller und ihre Beziehung zu Einsiedeln ist Gerold Zenoni nachgegangen.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant