Das Gottesdienst-Verständnis ist seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil sehr weit gefasst. Das sagt die Luzerner Liturgiewissenschafterin Birgit Jeggle-Merz (63). Deshalb spreche nichts gegen einen solchen in einem Schwimmbad – wie heute in der Badhütte Rorschach.
Regula Pfeifer
Ist ein Badi-Gottesdienst überhaupt erlaubt?
Birgit Jeggle-Merz*: Warum sollte ein Badi-Gottesdienst nicht erlaubt sein? Ich kann mir allerdings schon vorstellen, woher Ihre Frage kommt. Viele nehmen an, ein Gottesdienst dürfe nur in einem Kirchenraum stattfinden und müsse immer nach festen Regeln ablaufen, mit liturgischen Büchern und Hauptamtlichen in entsprechender Kleidung. Das kann ein Badi-Gottesdienst so nicht erfüllen.
«Nach Paulus kann das ganze christliche Leben Gottesdienst sein.»
Sie haben also ein anderes Gottesdienst-Verständnis?
Jeggle-Merz: Spätestens mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) hat die Kirche eigentlich ein viel weiteres Verständnis. Schon ein Blick in die Bibel zeigt: Nach Paulus kann das ganze christliche Leben Gottesdienst sein.
Wie definieren Sie Gottesdienst?
Jeggle-Merz: Gottesdienst ist ein Tun, bei dem Menschen sich bewusst in die Nähe Gottes stellen, auf ihn hören und ihm antworten. Bei diesem weiten Gottesdienst-Verständnis stellt sich die Frage gar nicht, ob ein Badi-Gottesdienst erlaubt sei oder nicht. Er ist es zweifelsohne.
Stellt sich eine andere Frage?
Jeggle-Merz: Ja: Wie kann sich dieses Geschehen zwischen Gott und Mensch tatsächlich ereignen?
Und das kann auch in einer Badi passieren…
Jeggle-Merz: Das kann sich überall ereignen: in der Badi, auf der Alp, in einem Stall, bei der Feuerwehr, unter einer der Brücke. Gottesdienst ist nach christlichem Verständnis nicht vom Ort abhängig. Klar: Einen Gottesdienst in einem Kirchenraum zu feiern, ist natürlich einfacher als in der Badi.
«Gottesdienst machen, wo die Menschen sind. Das ist wohl die Idee eines Badi-Gottesdienstes.»
Weshalb überhaupt in der Badi Gottesdienst feiern?
Jeggle-Merz: Da Gott den Menschen in ihrem Leben begegnen will, liegt es eigentlich nahe, dort das Angebot von einem Gottesdienst zu machen, wo die Menschen sind. Das ist auch wohl die Idee eines Badi-Gottesdienstes.
Was muss beachtet werden?
Jeggle-Merz: Es ist nicht einfach, hier Rezepte verteilen zu wollen. Sicher ist es zunächst wichtig zu signalisieren, dass die Menschen eingeladen sind, mit Gott in Begegnung zu treten.
Und wie soll die Einladung geschehen?
Jeggle-Merz: Na ja, wenn man zum Baden geht, erwartet man ja nicht, dass dort ein Gottesdienst stattfindet. Die den Gottesdienst vorbereitet haben, werden auf sich aufmerksam machen müssen. Zum Beispiel indem sie den Bereich, wo der Gottesdienst gefeiert werden soll, entsprechend gestalten, mit Stühlen, einer geschmückten Mitte oder mit einer Art Altar. Dies zeigt den Leuten: Hier geschieht etwas Besonderes. Sie werden vielleicht auch mit Musik und Gesang die Badegäste einladen, sich zu ihnen zu gesellen.
«In einer Badi befinden sich viele, die mit Gottesdienstfeiern nicht vertraut sind.»
Ginge auch eine Eucharistiefeier?
Jeggle-Merz: Das wäre schon möglich. Allerdings ist man bei einer Eucharistiefeier viel stärker an Abläufe und Vorgaben gebunden. Zudem muss man bedenken, dass sich in einer Badi viele Menschen befinden, die mit Gottesdienstfeiern nicht vertraut sind. Es ist besser, die Menschen niederschwellig versuchen einzuladen und mit ihnen zu feiern.
Geht das besser mit einer ökumenischen Feier?
Jeggle-Merz: Zu einem Gottesdienst, wie wir ihn vorhin skizziert haben, ist jeder und jede eingeladen, egal ob er oder sie katholisch, reformiert oder einer anderen christlichen Gemeinschaft angehört. Insofern ist ein solcher Gottesdienst immer ökumenisch. Streng genommen würde man aber dann von einem ökumenischen Gottesdienst sprechen, wenn verschiedene Konfessionen diesen Gottesdienst ausrichten. Das wäre natürlich auch bei einem solchen Badi-Gottesdienst wünschenswert.
Wie könnte ein solcher ökumenischer Gottesdienst aussehen?
Jeggle-Merz: Was alle christlichen Konfessionen verbindet, ist das Wort Gottes. Es ist überall die Grundlage für alles Feiern. Insofern wird man in einem ökumenischen Gottesdienst wohl auch eine Lesung aus der Heiligen Schrift ins Zentrum stellen. Man wird sich auch fragen, was dieses Wort Gottes mit unserem Leben zu tun hat. Man wird sicher auch Musik machen und einladen, in den Gesang zum Lob Gottes oder zur Klage vor Gott einzustimmen.
Eine Google-Suche zeigt: katholische Badi-Gottesdienste gibt es kaum, reformierte oder ökumenische hingegen viele. Weshalb?
Jeggle-Merz: Katholisch verbindet man häufig mit Eucharistiefeier. Und die gibt es vermutlich, wenn überhaupt, nur sehr selten in einer Badi. Insofern finden solche Badi-Gottesdienste meist unabhängig von einer konfessionellen Zugehörigkeit statt.
«Strenge Kleidervorschriften gibt es nicht.»
Gibt es Kleidervorschriften für Gottesdienstleitende oder Teilnehmende?
Jeggle-Merz: Nein, strenge Kleidervorschriften gibt es nicht. Die Badegäste tragen wohl meist Badekleider. Ich selbst würde in einer leitenden Rolle keine Badekleidung tragen wollen. Welche Kleidung angemessen ist, hängt sicher auch von den jeweiligen Umständen und von der Gestaltung des Gottesdienstes ab. Ich meine aber, dass die Seelsorgenden als solche verifizierbar sein sollten.
In der Badi gibt es Lärm und Wind – könnte das den Gottesdienst beeinträchtigen?
Jeggle-Merz: Selbstverständlich ist ein Kirchenraum besser vor äusseren Einflüssen geschützt. Aber Umgebungsgeräusche bergen auch Chancen. Das Freudengekreisch der Badenden, das Vogelgezwitscher vom Baum oder der Lärm eines Flugzeugs lassen sich gut in die Feier einbinden.
«Eine hohe Intensität beim Badi-Gottesdienst zu erreichen, wird nicht leicht sein.»
Wieviel Feierlichkeit ist möglich?
Jeggle-Merz: Ich habe noch keinen Badi-Gottesdienst mitgemacht. Aber einen Alpgottesdienst oder einen Gottesdienst in freier Natur schon. Da kann ich sagen: Es kann eine hohe Intensität entstehen. Das beim Badi-Gottesdienst zu erreichen, wird nicht leicht sein. Es hängt von der Fähigkeit der Handelnden ab, aber auch von der Präsenz der Mitfeiernden. Man sieht es ja auch beispielsweise bei Prozessionen: Da beten die einen konzentriert, andere aber laufen plaudernd mit.
Was, wenn eine Pfarrei unbedingt eine Eucharistiefeier in der Badi veranstalten will?
Jeggle-Merz: Nun ja, wenn eine Pfarrei zum Beispiel eine lebendige Ministrantenarbeit kennt mit vielen Minis und wenn diese alle zusammen einen Tag in der Badi verbringen, dann kann ich mir schon vorstellen, dass eine gemeinsame Eucharistiefeier mit einer Einladung an die anderen Badegäste verbunden werden könnte.
Es braucht also einen lebendigen Gottesdienst in einer lebhaften Umgebung?
Jeggle-Merz: Ja, genau.
Der ökumenische Badi-Gottesdienst in Rorschach findet am Sonntag, 9. Juli, von 9.30 bis 10.30 Uhr in der Badhütte am Ufer des Bodensees statt.
*Birgit Jeggle-Merz ist seit 2006 ausserordentliche Professorin für Liturgiewissenschaft an der Universität Luzern sowie ordentliche Professorin für Liturgiewissenschaft an der Theologischen Hochschule Chur. Sie studierte von 1978 bis 1984 katholische Theologie in Bonn und Freiburg i. Br. und erwarb das Diplom. 1995 promovierte sie in Liturgiewissenschaft an der Philosophisch-Theologischen Hochschule der Salesianer Don Boscos Benediktbeuern.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant