Andreas Stüdli und sein langer Weg zum Seelsorger: «Kirche gehört zum Leben»

Mit 49 Jahren wurde Andreas Stüdli zum Priester geweiht. Zuvor war er Banker, Flight-Attendant, Medizinstudent und Krankenpfleger. Nun ist er Seelsorger in Steinhausen ZG. Ab Juli unterstützt der 55-Jährige zusätzlich die Pfarrei in Baar. Und er hegt noch ganz spezielle Zukunftspläne.

Wolfgang Holz

Er sitzt am Tisch des Besprechungszimmers im modernen Steinhauser Pfarramt. Eine Kerze brennt. Im Hintergrund leuchtet die Sonne schräg in den kleinen Innenhof, wo zwei Bronzeskulpturen stehen. Irgendwie wirkt es so, als ob der gebürtige Thurgauer hier schon lange als Seelsorger arbeitet. Dabei ist er gerade erst ins siebte Jahr als Priester gekommen. In Steinhausen ist er seit März 2023.

Der Mut fehlte

«Mir hat als junger Mensch anfangs der Mut gefehlt, mich sofort zu entscheiden, Priester zu werden», sagt Andreas Stüdli ruhig und lächelt. Dabei sei er in der Kirche sozialisiert worden und habe immer aktiv im Gemeindeleben mitgearbeitet.

Für den 55-jährigen macht sein langer Weg zu Gott als Priester Sinn. Denn der Weg vom Banker (fünf Jahre) zum Flight-Attendant bei der Swissair und bei der Swiss (rund zwölf Jahre) über ein vierjähriges Medizinstudium bis zu seiner zehnjährigen Tätigkeit als Pfleger im Krankenhaus war für Stüdli in sich konsequent. Schlüssig.

Vom Geld zur Seele

Während seiner Arbeit auf der onkologischen Abteilung am Unispital Basel reifte jedenfalls sein Entschluss, doch noch Priester zu werden. «Ich war dort sehr nah am Leben und am Tod von Menschen.»

Für Aussenstehende wirkt seine spezielle Karriere so, als sei er den Menschen faktisch immer nähergekommen. Vom Geld zur Seele quasi. Wobei seine Nähe zum Himmel als Flight Attendant mit der Berufung des Priesters, der ja einen speziellen Draht zu Gott hat, schon gewisse Ähnlichkeiten zeitigt. Auch seine persönliche E-Mail-Adresse hat er sich noch aus Zeiten der beruflichen Fliegerei bewahrt. Sie beginnt mit dem Wort «Highflyer».

«Mein Berufsweg war eben ein persönlicher Prozess, für den es immer wieder mutige Entscheidungen gebraucht hat.»

Pfarrer Andreas Stüdli

Andreas Stüdli grinst. Er kann sich mit dieser psychologischen Exegese durchaus anfreunden. Gleichzeitig betont er: «Mein Berufsweg war eben ein persönlicher Prozess, für den es immer wieder mutige Entscheidungen gebraucht hat.» Auf dem Priesterseminar in Luzern sei er zwar der Älteste gewesen, räumt er ein. «Aber es gibt auch Personen, die mit über 60 erst Priester werden.»

Ökumene lebt in Steinhausen

Er möchte Ansprechpartner sein für Menschen mit spirituellen Fragen. «Ich sehe es nicht unbedingt als meine Aufgabe an, Kirchen zu füllen – für die, die kommen, sind wir da.» Und das sind nicht wenige Gläubige.

Denn Steinhausen liegt im reichen Kanton Zug. Für die Kirche herrschen günstige Voraussetzungen. Nicht nur die Kirchensteuern sprudeln. Die katholische Kirchgemeinde St. Matthias in Steinhausen befindet sich am zentral gelegenen Dorfplatz auch in direkter Nachbarschaft zur Reformierten Kirche.

Beste Bedingungen also für ein Leben in kirchlicher Ökumene. «Das ökumenische Zentrum mit gemeinsamen Gottesdiensten lebt, die ökumenischen Gottesdienste sind gut besucht», versichert Stüdli.

Ab Juli auch in Baar in der Pfarrei

Der Priestermangel hat dazu geführt, dass er am 1. Juli eine zusätzliche Aufgabe erhält. Der Seelsorger wird im gemeinsamen Pastoralraum in der Pfarrei St. Martin mithelfen. «Ich werde dort mit einem 35- Prozent-Pensum als Seelsorger im Einsatz sein und an mindestens einem Wochenende im Monat die Gottesdienste samstags und sonntags in Baar und in Inwil vorbereiten und feiern.»

Die katholische Kirche braucht dringend Personal. Zunehmende Kirchenaustritte und die unzähligen Missbrauchsfälle sind mitverantwortlich. «Den Missbrauch in der katholischen Kirche finde ich absolut traurig und schockierend», sagt Stüdli. Dennoch ist er guten Mutes. Und gleichzeitig selbstbewusst: «Die Kirche gehört zum Leben der Menschen. Wir können den Menschen das Evangelium weitergeben. Und Krisen bieten auch eine Chance zur Veränderung.»

Zeitliche Profess statt Zölibat?

Sollte man möglicherweise den Zölibat abschaffen, damit es wieder mehr junge Priester in der katholischen Kirche gibt? Andreas Stüdli hat nichts gegen den Zölibat. Den Pflichtzölibat findet er allerdings fragwürdig. «Vielleicht sollte man das Priesteramt neu überdenken, und eine Art zeitliche Profess wie im Kloster auch für Priester einführen, bevor sich jemand endgültig entscheidet.» Auch Frauen als Priesterinnen kann er sich vorstellen. Für sie müssten die gleichen Voraussetzungen gelten wie für Männer.

«Voll und ganz seine Berufung»

Dank des Zölibats könne man als Priester «voll und ganz seine Berufung» leben. Für eine Familie hundert Prozent da zu sein und als Pfarrer hundert Prozent zu geben, würde wohl nicht funktionieren. «Aber das klappt auch in anderen Berufen nur bedingt.» Er selbst sei immer Single gewesen und komme damit gut zurecht.

Als Priester fühlt er sich in seinem Beruf nun auf jeden Fall angekommen. «Ich bin gerne mit Menschen unterwegs, kann meine Spiritualität leben und in meinen Job einbringen und den Austausch zum Transzendenten pflegen.»

«Ich könnte es mir vorstellen, grosse Firmen anzusprechen und ihnen meine seelsorgerlichen Dienste im Alltag anzubieten.»

Pfarrer Andreas Stüdli

Als Priester treibt ihn auch noch ein ganz spezielles Projekt um. Grundsätzlich möchte er die Menschen dort abholen, wo sie leben und viel Zeit verbringen.

«Ich könnte es mir durchaus vorstellen, grosse Firmen anzusprechen und ihnen meine seelsorgerlichen Dienste im Alltag anzubieten. Denn Pfarrer bleiben werde ich wohl immer – aber eben vielleicht nicht mehr nur als Seelsorger in einer Pfarrei.»


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