Martin Wey geht gerne auf den Friedhof Olten. Er gehört zu seinem Lieblingsort in seiner Heimatstadt. «Denn dort liegt mein ganzes Leben», sagt der stellvertretende Generalsekretär der Schweizer Bischöfe. Ein Spaziergang zu politischen Förderern, der Lieblingstante und einem Jugendfreund, der Suizid begangen hat.
Jacqueline Straub
Wer auf den Friedhof in Olten gelangen will, muss einen bewaldeten Hügel an der Stadtgrenze besteigen. Und wer diesen Weg zusammen mit Martin Wey, dem ehemaligen Stadtpräsidenten von Olten, geht, stellt schnell fest: Er kennt fast jeden Namen auf den Grabsteinen – und mit vielen verbindet er eine Geschichte.
Der Friedhof in seiner Heimatstadt ist für ihn ein «besonderer Ort», gar der Lieblingsort in Olten. Zwar gibt es dort Trauer, aber: «Meine Geschichte liegt hier oben», sagt Martin Wey, der seit 60 Jahren in Olten lebt – mit Ausnahme von fünf Jahren, in denen er in Fribourg Jura studierte. Der Friedhof sei wie ein Geschichtsbuch für ihn.
«Sie war unsere beste Gotti.»
Der Weg führt zu einem grauen Grabstein mit einem Kreuz eingeprägt. Rosa Blumen umringt von Buchs schmücken das Grab von Dora Schenker. Sie ist die Tante von Wey. Mit 75 Jahren ist sie verstorben. «Sie war unsere beste Gotti. Sie hat alles für uns gemacht.» Er bleibt einen Moment stehen und wird still. Bilder aus seiner Kindheit und Jugend erscheinen vor seinem inneren Auge.
Wenige Meter entfernt, auf dem gegenüberliegenden Grabfeld, liegt sein bester Jugendfreund. Lag dort, korrigiert Martin Wey. Kürzlich wurde das Feld geräumt und alle Grabsteine sind entfernt worden. «Meinen Freund habe ich oft besucht, er ist viel zu früh gegangen.» Er hat vor 40 Jahren Suizid begangen.
«Wir alle haben ein Ablaufdatum.»
«Man sieht hier die Endlichkeit. Wir alle haben ein Ablaufdatum.» Das beunruhigt ihn aber nicht, sein Glaube und seine Lebenshaltung geben ihm Leichtigkeit. Angst vor dem Sterben hat er nicht. Er wünscht sich aber, dass das Sterben erträglich wird.
Wenige Meter weiter führt ein Weg in das Kolumbarium II, die Urnenhalle. Die Anlage ist unter freiem Himmel. Das Konzept basiert auf Quadraten. In der Mitte der Anlage steht eine steinerne Figur mit gesenktem Kopf. In der Stille hört man einzig die Vögel zwitschern. Nicht alle Besuchende gehen dort gerne hin, sagt Martin Wey. Denn diese Urnenhalle liegt abseits, in diesem Teil des Friedhofs sind kaum Menschen – auch, weil es dort abends düster ist. «Man steigt mental in ein Grab hinab», sagt er.
Sein «Mentor» liegt dort begraben. Philipp Schumacher war bis 1997 Stadtpräsident von Olten und hat den jungen «CVP-Jüngling» Martin Wey stark gefördert. Hier unten möchte der stellvertretende Generalsekretär der Schweizer Bischöfe aber nicht begraben werden. Schon als Kind ging er nicht gerne dort hinab – wenn er diese Anlage wählen würde, dann nur, um neben seinem grossen politischen Förderer zu liegen. Plätze hat es dort noch zu genüge.
«Hier ist das ganze Leben drin.»
«Ein Urnengrab in der Pyramide fände ich schön», sagt er und läuft zum anderen Ende des Friedhofs. Dort sind wesentlich mehr Menschen anzutreffen, die eine Kerze auf das Grab stellen oder die Blumen giessen. Der Friedhofsplatz ist hell und blüht farbenfroh.
In zwei Urnen in einer der vielen Pyramiden liegen seine Eltern begraben. Emotionen kommen dort aber weniger hoch. Es gibt andere Ort, die er mehr mit seinen Eltern verbindet: Feriendestinationen oder das Elternhaus etwa. «Dennoch: Hier ist das ganze Leben drin», sagt er und blick auf das kleine, geschmückte Grab seiner Eltern. An seinem Geburtstag besucht er oftmals seine verstorbene Mutter. «Um ihr danke zu sagen, dass sie mich zur Welt gebracht hat.»
«Dann lassen wir den Verstorbenen mit unseren Erinnerungen nochmals aufleben.»
In der Pyramide nebenan, fällt Martin Wey ein Name auf. «Er war Lehrer und ziemlich bekannt unter der Oltner Lehrerschaft.» Unweit davon liegen politische Unterstützer von Wey und Menschen aus der Nachbarschaft.
Er vermisst viele dieser Menschen, die hier auf dem Friedhof liegen. Gleichzeitig denkt er an all die guten Begegnungen und gemeinsamen Erlebnisse. Momente, die ihm Kraft gegeben haben – und es heute noch tun. Die Begegnung mit den Toten bleibt aber nicht auf dem Friedhof. Wenn kürzlich jemand verstorben ist und Martin Wey Angehörige in der Stadt trifft, spricht er sie an und fragt, wie es ihnen geht. «Dann lassen wir den Verstorbenen mit unseren Erinnerungen nochmals aufleben.»
Corona hat dazu geführt, dass viele Begräbnisse nur im engsten Kreis stattgefunden haben. «Ich weiss somit leider nicht, wo jeder liegt.» In Zukunft soll es eine Tafel mit Namen und dem Liegeort geben, sagt Wey. Bis dahin schlendert er mit offenen Augen über den Friedhof – ausser an Allerheiligen, da ist ihm zu viel Trubel – und bleibt kurze Momente an den Gräbern stehen, denkt zurück und zeigt sich dankbar über sein eigenes Leben.
«Deswegen ist für mich dieser Friedhof ein Kraftort.»
Verstorbenen Menschen, mit denen er politisch unterwegs war, gibt Wey noch heute «Rapport». Er berichtet dann von Veränderungen in der Stadt Olten, die im Sinne des Verstorbenen waren – oder auch nicht.
Trotz dieser Schwere ist ein Friedhof für Martin Wey ein Ort der Auferstehung und Erdung. Er fühlt sich «vererdet» mit vielen Menschen, die hier auf dem Friedhof liegen. Sie haben seinen Weg mitbegleitet und mitgetragen. «Deswegen ist für mich dieser Friedhof ein Kraftort», sagt der lebensbejahrte Mann, der noch lange sein Leben geniessen möchte.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
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