Pfarrer Reto Kaufmann: «Das Pompöse passt eigentlich nicht so zu mir»

Das Pfarrhaus der katholischen Pfarrei St. Michael, in dem neben dem Pfarramt auch Mietwohnungen untergebracht sind, ähnelt einem Bischofssitz. Pfarrer Reto Kaufmann, seit 25 Jahren Priester, nimmt den historischen Prunk gelassen.

Wolfgang Holz

Wer aufs Pfarramt St. Michael in Zug geht, muss erst mal einige Stufen erklimmen. Dabei entfaltet sich für Besucherinnen und Besucher die Pracht des späthistoristischen Repräsentationsbaus anno 1922 Stufe für Stufe nach oben.

Neugotische Treppengiebel

Wie eine Bischofsvilla thront das grosse Haus mit neugotischen Treppengiebeln auf einer Terrasse, wenige Fussminuten vom Zugersee entfernt. Vor dem Gebäude blühen idyllisch rosarote Rosen.

Im Hintergrund sticht der rote Kirchturm der St. Michaelskirche ins Himmelsazur. Über dem reich verzierten Portikus mit doppeltem Treppenaufgang und Eingangsportal begrüsst in der darüber liegenden Lukarne Jesus als Hirte mit dem Lamm Gottes die angekommenen Gläubigen.

An Geld hat es in Zug noch nie gefehlt

In Zug hat’s halt noch nie an Geld gefehlt, denkt sich der staunende Besucher. Doch Pfarrer Reto Kaufmann, der diesen Juni sein 25-jähriges Priesterjubiläum gefeiert hat, bleibt trotz des äusseren Pomps des katholischen Prachtbaus mit viel grünem Umschwung gelassen.

«Es ist sicher sehr schön und ruhig hier.»

Pfarrer Reto Kaufmann

«Das Pompöse passt eigentlich nicht so zu mir», bekennt der bodenständige 57-jährige Seelsorger. Er sei eher bescheiden und nehme das Haus an der Kirchstrasse 17 eben als Arbeits- und Wohnort.

«Es ist sicher sehr schön und ruhig hier.» Allerdings liege das Pfarrhaus auch ein bisschen ab vom Schuss. «Wenn Brautpaare zum Traugespräch vorbeikommen, muss ich öfters genau erklären, wo sich das Pfarrhaus befindet.»

Imposantes Eingangsportal war früher für den Bischof

Seine Wohnung im Erdgeschoss kann Kaufmann durch das imposante Eingangsportal auf der Südwestseite aus ornamentiertem Sandstein mit Rundbogen betreten. Dieser Eingang war ursprünglich für zeremonielle Aus- und Einzüge des Bischofs gedacht und lange Zeit nicht mehr benutzt worden. Ja, sogar eine Wohnung für den Bischof war ursprünglich im ersten Obergeschoss des vom Zuger Stararchitekten Emil Weber (1879-1945) entworfenen Gebäudes reserviert.

Porsche vor dem Haus

Tempi passati. Längst hat die Zuger Säkularisierung Einzug gehalten in die katholische Nobelimmobilie. Sprich: Nach der Renovierung des Gebäudes 2005 entstanden weitere vier Wohnungen in dem Pfarrhaus – über der Pfarrhauswohnung und dem Pfarramt im Erdgeschoss. Zu marktüblichen Preisen, wie ein Porsche auf dem hauseigenen Parkplatz bezeugt.

«Das ist nicht mein Auto», sagt Pfarrer Reto Kaufmann und lacht spontan. Gleichwohl muss er seine Vierzimmer-Dienstwohnung selbst berappen – was in Anbetracht der Zuger Wohnungspreise auch einen Pfarrer kurz schlucken lässt. Dank eines Dienstwohnungsrabatts kommt der Seelsorger immerhin in den Genuss einer gewissen Mietreduktion.

Hölzerner Pelikan

Im Innern des Pfarrhauses geht es nach dem Betreten des früheren Bischofsportals links in die grossen Räumlichkeiten des Pfarramts, rechts geht es in die Privatwohnung von Reto Kaufmann. In der grosszügigen Eingangshalle sind auf beiden Seiten Doppelblendbögen mit Szenen aus dem Leben Jesu ausgemalt. Das ganze Haus ist reich mit dekorativem Holzwerk geschmückt.

«Im Erdgeschoss sitzt ein eichener Pelikan auf dem Antrittspfosten des Treppengeländers, er verweist ikonografisch auf den Opfertod von Jesus Christus», wie im Zuger «Tugium» (2006), dem wissenschaftlichen Jahrbuch des Zuger Staatsarchivs, des Amts für Denkmalpflege und Archäologie sowie des Kantonalen Museums, zu lesen ist. Man wähnt sich fast in einem Architektur-Museum!

«Drei halbe Tage in der Woche kommt eine Haushälterin, die die Wohnung reinigt, sich um meine Wäsche kümmert und kocht.»

Pfarrer Reto Kaufmann

In der Privatwohnung von Reto Kaufmann, in die er kath.ch kurz Einblick gewähnt, geht es schlichter und gemütlicher zu. Arbeitszimmer, Wohnstube, Küche, Schlafzimmer. «Drei halbe Tage in der Woche kommt eine Haushälterin, die die Wohnung reinigt, sich um meine Wäsche kümmert und kocht», verrät Reto Kaufmann.

«Gute Hausmannskost»

«Ich bekomme sehr gute Hausmannskost zu essen. Ich habe früher noch selbst gekocht, komme jetzt aber eigentlich nicht mehr dazu», sagt er. Dass Reto Kaufmann seine Arbeit als Seelsorger offensichtlich stark zeitlich beansprucht, ist auch am Staub zu erkennen, der auf den zahlreichen, in der Küche gelagerten Weinflaschen liegt. «Ich trinke gerne Wein, allerdings nicht allein. Für private Geselligkeit habe ich oft zu wenig Zeit.»

Stephanswein-Apéro in der Kirche

Gerne erinnert man sich dafür an den geselligen Stephanswein-Apéro in kleinen Plastikbechern, den der Zuger Seelsorger am Stephanstag in der St. Oswalds Kirche nach dem Gottesdienst Ende Dezember kredenzte.

Ja, zur katholischen Zuger Kirchgemeinde St. Michael mit rund 5000 Gläubigen gehört neben dem geräumigen Jugendstil-Gotteshaus St. Michael, das 1902 erbaut wurde und rund 1’000 Sitzplätze gewährt, auch noch die sehenswerte spätgotische St. Oswalds Kirche in der Zuger Altstadt.

«Gottesdienste nie vor leerer Kirche»

«In St. Oswald feiern wir die meisten Gottesdienste werktags, samstags und sonntags. In die St. Michaelskirche weichen wir an grossen Festtagen aus – an Weihnachten, Ostern, Pfingsten, Fronleichnam. Sowie für spezielle Gottesdienste, wie etwa dem 20-jährigen Gedenken an das Zuger Attentat», sagt Pfarrer Kaufmann. Wahrlich fürstliche Verhältnisse. Und doch werden die Kirchen auch in Zug immer leerer. Ein Problem?

«Wir feiern unsere Gottesdienste nie vor einer leeren Kirche. Wir sind für die Gläubigen, die zu uns kommen, da», meint der gebürtige Luzerner. Zudem messe sich «Kirchesein» nicht ausschliesslich an der Zahl der Gottesdienstbesucherinnen und Besucher. «Neben der Liturgie gibt es ja noch die Diakonie, die Jugendarbeit, den Religionsunterricht, die kirchliche Gemeinschaft, die sich immer wieder trifft – all das macht das Pfarreileben aus», versichert Kaufmann.

«Ich bin glücklich in meinem Beruf.»

Pfarrer Reto Kaufmann

Zweifellos steht die katholische Kirche im Zugerbiet finanziell gut da. Dank Steueroase und dank vieler reicher Zugerinnen und Zuger sprudeln die Kirchensteuern. «Die Steueranteile werden zu 60 Prozent seitens juristischer Personen gezahlt», sagt Kaufmann. Geldprobleme gibt es also keine, und andere Kirchen im Kanton erhalten dank innerkantonal kirchlichem Finanzausgleich ebenfalls etwas vom Stadtzuger Steuerkuchen. «Prinzipiell geht das Geld in die Pastoral, vor allem ins Personal und in die Infrastruktur.»

Grundsätzlich hat Reto Kaufmann seine Entscheidung, Priester zu werden, nie bereut. «Ich bin glücklich in meinem Beruf. Ich habe diesen Weg als Seelsorger gerne eingeschlagen und bin dankbar dafür, die Menschen während ihrer einzelnen Lebensabschnitte begleiten zu dürfen.»

Dabei gebe es schöne Augenblicke wie bei Hochzeiten und Taufen, aber auch ernste Momente wie bei Beerdigungen oder bei schwierigen Lebensfragen. «Priester zu sein, ist schon beanspruchend – man lässt sich auf das Schicksal der Menschen mental ein.» Schlaflose Nächte erlebe er deshalb nicht. «Ich kann im Gebet loslassen und an Gott übergeben.»

Frauen als Priesterinnen denkbar

Kaufmann selbst sieht sich als Priester der Mitte: «Ich bin Pfarrer zwischen konservativen Werten im guten Sinn, erkenne aber auch die Zeichen der Zeit.» Frauen als Priesterinnen beispielsweise sind für ihn deshalb denkbar. Frauen predigen auch schon in seinen Gottesdiensten. Zudem sei seine direkte Vorgesetzte im Bistum Basel eine Frau. «Es gibt bereits viele Frauen in kirchlichen Leitungsfunktionen.»

Den Zölibat sieht er nicht als wesentlichen Grund für den heutigen Priestermangel. «Der Zölibat ist sicher keine einfache Entscheidung. Das muss man sich gut überlegen.» Priester seien heute eben keine Autoritätspersonen mehr, analysiert Kaufmann. Auch seien kinderreiche Familien auf dem Land, aus denen heraus sich früher so manche Söhne fürs Priesteramt entschieden haben, die Seltenheit. «Nicht zuletzt hat die Kirche durch die Missbrauchsskandale viel an Ansehen verloren.»

«Duales System: Form der Synodalität»

Der Zuger Seelsorger blickt trotzdem optimistisch in die Zukunft. «Die Kirche ist von ihrer Struktur zwar her hierarchisch – gleichzeitig leben wir insbesondere hier in der Schweiz durch das duale System bereits eine Form der Synodalität», ist Reto Kaufmann überzeugt. Das duale System sei, wenn es funktioniert, demokratisch und wirke entlastend. «Der Pfarrer kann nicht mehr einfach sagen, das und das wird so und so gemacht, das Kirchenvolk bestimmt mit.»

Und was ist mit gleichgeschlechtlichen Paaren? Würde er sie segnen? «Wenn ich spüre, dass dies wirklich gewünscht wird und ernst gemeint ist, würde ich mich darauf einlassen und versuchen, dies zu ermöglichen.» Er habe aber diesbezüglich bis heute keine einzige Anfrage erhalten.


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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