Lukas Bärfuss zum Welttheater 2024: «Die Kinder wollen weiterspielen»

In genau einem Jahr geht das neue Welttheater auf dem Klosterplatz von Einsiedeln in die langersehnte Premiere. «Was ist ein Gutes Leben? Welche Rolle willst du spielen?» fragt sich der Autor Lukas Bärfuss. Und Abt Urban Federer will «wertvolle Begegnungen mit sich, mit anderen und mit Gott» fördern.

Charles Martig

Am Anfang des Stücks kommt ein Mann auf die Bühne und gibt bekannt, dass das Welttheater abgesagt ist. Dieser Anfang wurde bereits im Jahr 2019 geschrieben. Vor der Pandemie und vor dem Krieg in der Ukraine. Kurz darauf wurde dieser visionäre Anfang des neuen Stücks bittere Realität. Vier Jahre später sitzt das Team des neuen Welttheaters 2024 in der Medienkonferenz im Restaurant Tulipan am Klosterplatz und berichtet von dieser Grenzerfahrung.

Erzählwille und Glaube an die Zukunft

«Was ist vom ursprünglichen Stück noch übriggeblieben?», fragt der Autor Lukas Bärfuss rhetorisch und gibt gleich selbst die Antwort: «Sehr viel!» Es geht in dem neuen Stück um den erzählerischen Willen und den Glauben an eine Zukunft. «Die Kinder wollen weiterspielen», fügt Bärfuss an und gibt einen kurzen Blick in die Storyline.

«Nicht alles in der Kirche ist am Zerbröseln»

Es geht um Emanuela, die sich als Mädchen auf die Bühne stellt und das Stück spielen will. Sie müsse nun als Frau alle Rollen des Lebens durchspielen. Es sind die berühmten Allegorien von Calderon: Das Kind, die Reiche, die Arme … Urban Federer betont: «Die Hauptfigur heisst Emanuela. Damit ist eine theologische Bedeutung des Stücks gesetzt.» Er bezieht sich dabei auf die biblische Bedeutung von Emanuel: «Gott mit uns».

Nicht alles in der Kirche ist am Zerbröseln

Auf die Frage, ob das neue Welttheater auch auf die Erosion der katholischen Kirche eingehen wird, gibt Lukas Bärfuss eine überzeugende Antwort: «Nicht alles in der Kirche ist am Zerbröseln. Es gibt Dinge, die zurecht kritisiert werden. Aber es gibt nach wie vor eine unglaubliche Kraft in dieser Institution. Es wäre viel zu klein gedacht, wenn man nur auf die Tagesaktualität Bezug nähme. Die Fragen des Welttheaters gehen weit darüber hinaus. Und diese metaphysische Dimension wollen wir adressieren.» Bärfuss schaut Urban Federer an und fährt fort: «Wir teilen unsere Menschlichkeit, unsere Zeitgenossenschaft und unsere Fragen. Und darauf möchte ich beim Welttheater bauen.»

Neu ist ein theaterpädagogisches Projekt, das von Nina Halpern geleitet wird. Das Projekt richtet sich an Kinder und Jugendliche. Das Feedback aus den Schulen in Einsiedeln ist überwältigend. Bereits sind 1’600 Kinder für das Projekt angemeldet», sagt Nina Halpern. Das gehe weit über ihre Erwartungen hinaus. Am 25. Mai 2024 findet ein Fest für die beteiligten Kinder und Jugendlichen für ganz Einsiedeln statt. «Den Kindern gehört die Zukunft; und ihnen gehört auch die Zukunft des Welttheaters sagt die Theaterpädagogin.

Welttheater als soziale Plastik

Regisseur Livio Andreina betrachtet das Welttheater als eine «soziale Plastik». Ihm sind die Menschen und die Begegnungen auf der Bühne des Welttheaters wichtig. «Das Wunderbare in meiner Arbeit als Regisseur ist, Fragen des Menschseins in eine Bühnenwirklichkeit umzusetzen.» Andreina sprüht vor Vorfreude und Erwartung auf den grossen Premierentag.

Zu reden gibt auch das Theater rund um den Klosterplatz. Derzeit ist eine Klage zur Gestaltung des Platzes am Bundesgericht hängig. Ergebnis: Der Vorplatz der Klosterkirche ist derzeit mit Kieselstein ausgelegt. «Das ist die ideale Lösung für uns», sagt die Raumgestalterin Anna Maria Glaudemanns.

600 Mitwirkende, 4’000 Gäste

Das gibt uns sehr viel Freiheit bei der Gestaltung des Platzes.» Und sie führt aus: «Wir können zum Beispiel auch Löcher graben. Das wäre bei einem voll durchgestalteten Platz nicht mehr möglich.» Die Klage von Behindertenorganisationen vor Bundesgericht hat also auch ihre positiven Seiten.

James Kälin, Präsident der Welttheatergesellschaft spricht über die Dimensionen des Theater-Grossprojekts. Bei 500 bis 600 Mitwirkenden und 39 geplanten Aufführungen bewegt sich das Projekt in gewohnten Bahnen. Das Budget beträgt 4.85 Millionen Franken. Neu ist eine überdachte Tribüne, die das Wetterrisiko einschränkt. Sie bietet Platz für 4’000 Gäste. Der Präsident betont: «Wenn Welttheater ist, herrscht Ausnahmezustand!»

100. Geburtstag des Welttheaters

James Kälin gibt im Restaurant Tulipan auch einen historischen Überblick. Vor genau 100 Jahren, am 15. August 1924 wurde das Welttheater erstmals in Einsiedeln aufgeführt. Deshalb wird es in Einsiedeln an Maria Himmelfahrt 2024 ein besonderes Fest in Erinnerung an die erste Aufführung geben.

Neben dem Schweizer Schriftsteller Lukas Bärfuss sind im Kreativ-Team: Livio Andreina als Regisseur, Judith Gerstenberg als Dramaturgin, Graham Smith als Choreograph, Anna Maria Glaudemans als Verantwortliche für Kostüm und Raumgestaltung sowie Bruno Amstad als Komponist und Musiker.

Die Premiere des Welttheaters findet am 11. Juni 2024 auf dem Klosterplatz in Einsiedeln statt. Es dauert noch genau ein Jahr bis zur Welturaufführung des neuen Stückes. Am 25. Mai 2024 ist ein grosses theaterpädagogisches Projekt mit einem Fest für Kinder, Jugendliche und Angehörige geplant. Zudem findet am 15. August 2024 eine besondere Vorführung zum 100-jährigen Jubiläum des Welttheaters statt.


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https://www.kath.ch/newsd/lukas-baerfuss-zum-welttheater-2024-die-kinder-wollen-weiterspielen/