Damit haben die Touristen nicht gerechnet: Nackt, wie Gott ihn schuf, erklimmt ein Mann den Hauptaltar des Petersdoms. Auf seinem Rücken trägt er einen Schriftzug, der auf die getöteten Kinder im Ukraine-Krieg aufmerksam macht. Die Medien folgen der vatikanischen Einordnung und stempeln den Mann schnell als depressiv ab. Die Wahrheit ist komplizierter.
Annalena Müller
Eigentlich wundert man sich, dass niemand früher auf die Idee gekommen ist, nackt durch den Vatikan zu flitzen. Besonders in der ewigen Stadt, die nur so von nackten Männern strotzt. Viele davon weltberühmt: Die Laokoon Gruppe im Vatikanischen Museum, Tritone und Oceanus am Trevi-Brunnen, um nur die bekanntesten Beispiele zu nennen.
Die Bilder des nackten Mannes auf dem Altar im Petersdom gehen seit Donnerstag um die Welt. Ausser Turnschuhen trägt er nur einen Schriftzug auf dem Rücken. Dieser macht auf das Leid der Kinder in der vom Krieg verheerten Ukraine aufmerksam.
Mit etwas Abstand betrachtet, erscheint die Aktion des 34-jährigen Russen mit polnischem Pass weniger verrückt, als es vatikanische Mediensprecher am Donnerstag darstellen. Diese sind schnell dabei, dem Flitzer «schwere Depressionen» zu attestieren und darauf hinzuweisen, dass er «selbstzugefügte Schnitte an seinem Körper hat». So heisst es auch in der sda-Meldung, die sich auf den Vatikan beruft. Und so schreiben es die Medien in der Schweiz und anderenorts.
Aber so einfach ist das nicht. Gerade in Verbindung mit der Ukraine und Russland haben nackte Proteste Tradition.
Die Protestgruppe Femen zum Beispiel. Gegründet hat sich Femen 2008 in Kiew. Seit 2010 ist ihr Markenzeichen «Oben-ohne-Aktionen», bei denen Aktivistinnen ihre nackten Oberkörper mit Parolen bemalen – und sich dann medienwirksam in die Nähe bekannter, meist männlicher, Machtträger begeben, deren Politik sie kritisieren.
2013 «begrüsste» eine Femen-Aktivistin Wladimir Putin beim Staatsbesuch in Berlin. Ihm scheint der Anblick gefallen zu haben. Etwas irritierter schaute der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz im Sommer 2022 drein, als zwei Aktivistinnen ihn zum sofortigen Gas-Embargo gegen Russland aufforderten. Barbusig natürlich.
Ob sich der nackte Protestler im Petersdom von den Femen inspirieren liess, ist aktuell unbekannt. Aber der Verdacht liegt zumindest nahe. Denn gerade bei russland-kritischen Demonstrationen hat Nacktheit eben Tradition. Und sie sichert mediale Aufmerksamkeit.
Ebenfalls nahe liegt folgender Verdacht: Es dürfte sowohl dem Vatikan als auch Russland recht sein , wenn die Medien den Nackten auf dem Altar als «depressiven Selbstverletzer» abstempeln. Das ist jedenfalls besser als die Alternative: kritische mediale Aufmerksamkeit für die Haltung des Vatikans im Ukraine-Krieg.
Dieser konnten sich bisher nämlich nicht zu einer Verurteilung Russlands durchringen. Dieser Umstand dürfte den Mann auf dem Altar mehr motiviert haben als eine mögliche Depression. Zumal letztere eher zu Passivität als zu Aktivismus führt.
03.06.2023, 11.10 Uhr: In einer früheren Fassung hiess es, der Aktivist sei Brasilianer. Laut aktualisierten Meldungen handelt es sich um einen russischen Polen. Wir haben die entsprechende Stelle geändert.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/flitzer-alarm-im-vatikan-nackter-protest-im-petersdom/