In Zeiten des Krieges ist die 60-jährige Enzyklika «Pacem in terris» aktueller denn je. Papst Franziskus beruft sich bei seinen Friedensverhandlungen immer wieder auf die Grundpfeiler der Enzyklika, sagt der Ethiker Thomas Wallimann. «Mit der Anerkennung der Menschenrechte hat die Kirche sich in einen Reformzwang gebracht.» Und: Bischof Vitus Huonder betreibe einen «Patchwork-Katholizismus».
Jacqueline Straub
Die Enzyklika «Pacem in terris» feiert 60-jähriges Jubiläum. Was sind die zentralen Botschaften dieses Schreibens?
Thomas Wallimann*: Es gibt eine inhaltliche und eine formale Botschaft. Die inhaltliche Botschaft ist eine Bejahung der universalen Menschenrechte als Grundlage für Frieden und als Abschied von der Theorie eines gerechten Krieges. Dahinter steht eine formale Veränderung. Nämlich weg von einer Kirche, die weiss, wie die Welt zu funktionieren hat – hin zu einer Kirche, die mit der Welt in Dialog tritt.
Und was ist die formale Botschaft?
Wallimann: Die zentrale Botschaft ist der Wunsch, im Dialog zu sein und sich für Frieden einzusetzen. Denn Frieden kann nur gemeinsam verwirklicht werden. Dafür braucht es eine Wertegrundlage und das sind die Menschenrechte.
Warum hat Papst Johannes XXIII. «Pacem in terris» geschrieben?
Wallimann: Mit der Kubakrise erreichte der Kalte Krieg eine neue Dimension. Die Welt stand kurz vor einem Atomkrieg. Zudem: Papst Johannes XXIII. hat sich von der Realität der Menschen berühren lassen und wusste, dass Menschen nicht belehrt werden möchten. Er wollte mit ihnen im Gespräch sein. Johannes XXIII hatte viele Ähnlichkeiten mit Papst Franziskus.
Inwiefern hat die Enzyklika einen anderen Stil als frühere Enzykliken?
Wallimann: «Pacem in terris» hat eine andere Blickrichtung und einen anderen Ton. Weg von einem klerikalen Blick, hin zu einem stärker partnerschaftlichen Blick.
«Die Enzyklika betreibt eine induktive Theologie.»
Dennoch war auch «Pacem in terris» noch stark im katholischen Rahmen…
Wallimann: In der Enzyklika kommt ein bestimmtes naturrechtliches Denken zum Ausdruck. Nicht im Sinne, wie man es in der Sexualmoral kennt – dort glaubt man zu wissen, was Gott will. Sondern vielmehr werden die Vernunft und das Denken als Basis genommen, um ein gerechtes Zusammenleben zu konstruieren. Wenn die Würde des Menschen geachtet wird, kommt es zu einer guten Ordnung.
Wo sehen Sie die theologische Sprengkraft von «Pacem in terris»?
Wallimann: «Pacem in terris» betreibt eine induktive Theologie.
Was bedeutet das konkret?
Wallimann: Der Papst fragt zuerst, was die Menschen umtreibt, und dann erst geht es um die Klärung der Wertgrundlagen und die Suche nach Lösungen. Dies alles ist Denkarbeit, die Menschen unterschiedlichen Glaubens und Haltungen leisten können. Ich glaube, dass wir unter Franziskus auch wieder in einer induktiven Phase sind. Hingegen hatten Papst Johannes Paul II. und Papst Benedikt XVI. ein stärker deduktiv geprägtes Kirchenverständnis, das von festen Aussagen herkommt und vorgibt, was zu glauben ist. Gerade in gesellschaftlichen Fragen zeigt sich jedoch immer wieder, dass die Erfahrungen der Menschen jenen Druck auslösen, die auch die Kirche als Institution wie auch die Päpste zum Handeln brachte.
Das bedeutet, man muss nur einen langen Atem haben?
Wallimann: Ja, so ist es. Schon lange vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil wurden Gottesdienste in der Landessprache gefeiert. Arbeiterpriester wie auch Arbeiterbewegung prägten lange vor der offiziellen Kirche, was christlicher Glaube in der Arbeitswelt bedeutet. Die Dynamik von Reformen kommt von unten. So waren Teile der Ergebnisse des Zweiten Vatikanischen Konzils die offizielle Anerkennung einer kirchlichen Entwicklung – etwa das Feiern in der Muttersprache.
«Gleichberechtigung muss endlich innerhalb der katholischen Kirche umgesetzt werden.»
Was bedeutet das für uns heute mit Blick auf «Pacem in terris»?
Wallimann: Innerkirchlich betrachtet, ist die Enzyklika ein Zeichen, dass Reformen kommen werden. Man muss einfach machen. Wir dürfen und müssen Gas geben, ausgehend von biblisch-christlicher Grundorientierung und sauberem eigenem Denken. Wenn wir in der Kirche die Prinzipien für ein friedliches Zusammenleben, die wir auf der Grundlage des Gesprächs mit der Welt sehen und fördern, ernst nehmen und das Gottvertrauen und die Hoffnung – die wir ja ins Zentrum stellen – wirklich leben, dann dürfen wir Veränderungen gelassen entgegenblicken. Dazu gehört auch ein klarer Blick auf die aktuelle Situation – und dazu gehört beispielsweise in der Frage des Pflichtzölibats oder des Frauenpriestertums das Wahrnehmen der Machtfrage des Klerus sowie die fehlende Gewaltenteilung in der Kirche.
Der Synodale Weg kritisiert, dass der Ausschluss der Frauenordination zunehmend als Nichtachtung der «Zeichen der Zeit» gesehen werde. Was sagen Sie dazu?
Wallimann: Wenn der Mensch ein Geschöpf Gottes ist und wir auf Vernunftbasis die Menschenrechte als Grundlage konkreter gesellschaftlicher Ordnungen verstehen, dann kann man nicht mehr mit dem lieben Gott argumentieren und wie einige Bischöfe sagen, dass man sich keine Frauen in kirchlichen Ämtern vorstellen kann. Vielmehr muss die Gleichberechtigung auch endlich innerhalb der katholischen Kirche umgesetzt werden. «Pacem in terris» versteht Naturrecht als Vernunftrecht. Das beinhaltet automatisch auch eine echte Kritik an den innerkirchlichen Machtzuständen. Denn es geht um das Wohl der Menschen.
«Die Mächtigen in der Kirche hatten Angst davor.»
Was sehen Sie heute innerkirchlich als die «Zeichen der Zeit»?
Wallimann: Wie geht man in der Kirche mit Macht um? Macht gibt es überall, aber die grosse Frage, die gestellt werden muss, lautet: Wie wird Macht geteilt, wie wird sie kontrolliert? Diese Fragen muss die Kirche dringendst klären. Dass die Kirche ein Strukturproblem hat, ist offensichtlich. Denn, wegen ihres Problems mit Macht und Machtteilung hat die Kirche ein Problem mit Frauen, Sexualität und Zölibat. Verschlimmert wird dies durch ein System des Schweigens.
«Pacem in terris» hat die Menschenrechte erstmals in den Vordergrund gestellt. Wie stand die Kirche zuvor dazu?
Wallimann: Die Kirche hatte ein ambivalentes Verhältnis zu den Menschenrechten. Mit Blick auf die Arbeiterbewegung hat sie diese an vorderster Front gefordert. Aber sie hatte dennoch ein grundsätzliches Problem damit. Denn die Idee der Menschenrechte ist eng mit dem Liberalismus des 19. Jahrhunderts verbunden. Und dieser war kleriker- und monarchiekritisch. Die Mächtigen in der Kirche hatten Angst davor. Deswegen waren sie gegen die Menschenrechte. Auch hier sehen wir: es geht weniger um Theologie, sondern mehr um Fragen der Macht und der Strukturen.
Welche Auswirkung hatte «Pacem in terris» auf die Rolle der Frauen?
Wallimann: Die Anerkennung der Menschenrechte brachte und bringt noch heute die Kirche in eine immer grössere Erklärungsnot. Die Erklärungen, warum Frauen keine Priesterinnen werden dürfen, sind theologisch nicht haltbar. Mit der Anerkennung der Menschenrechte hat die Kirche sich in einen Reformzwang gebracht und in eine Selbstverpflichtung, die sie nach wie vor nicht wahrnimmt. Das schadet ihrer Glaubwürdigkeit.
Wo ist die Kirche hinter dem Dokument geblieben?
Wallimann: Überall dort, wo kirchliche Verantwortliche sich stark von der Angst treiben lassen, anstatt vom Mut des Aufeinanderzugehens. «Pacem in terris» ermutigt, hinauszuschauen, was passiert. Anders gesagt: überall dort, wo Menschen in der Kirche sich auf Positionen zurückziehen, dem Dialog aus dem Weg gehen oder Angst vor offenen Fragen haben, nimmt man den Geist von «Pacem in terris» zu wenig ernst.
Meinen die damit die Traditionalisten?
Wallimann: Traditionalisten sind manchmal moderner als die anderen.
Inwiefern?
Wallimann: Sie schaffen eine Tradition, die es noch gar nie gab. So wie Bischof Vitus Huonder die Messe gelesen hat, so hat man das wohl in der Geschichte kaum je gemacht. Es sind Verschnitte von verschiedenen Traditionen – einfach nicht der Alltag der meisten Menschen, aber eben auch eine Art von «Patchwork-Katholizismus».
Was kann uns «Pacem in terris» zur aktuellen Lage in der Ukraine und vielen anderen Krisenherden der Welt sagen?
Wallimann: «Pacem in terris» erinnert daran, die Dinge, die um uns herum passieren, wahrzunehmen. Und uns davon berühren zu lassen – auch von dem Unangenehmen. Verstösse gegen Menschenrechte und Völkerrecht müssen klar benannt werden. Und es braucht Aufrufe zum Frieden. Dies gerade auch im Wissen darum, wie hilflos ich selber bin. Und dann heisst es ins Gespräch kommen. Vielleicht müsste man heute wieder stärker benennen, wovor wir Angst haben.
Wie bewerten Sie die Rolle des Vatikans im Ukrainekrieg?
Wallimann: Papst Franziskus will Frieden. Er ist überzeugt, dass dazu die Waffen schweigen müssen – und es braucht dazu auch eine Art gegenseitige Akzeptanz eines Existenzrechts der Nationen. Dies scheint mir jedoch zu fehlen. Dass der Papst und der Vatikan gleichwohl an den Frieden denken und dies ansprechen ist wichtig. Es braucht diese Perspektive, auch wenn deren Realisierung nicht nahe scheint. Darum ist es wichtig, dass der Papst auch die gleichen Prinzipien betont, die schon «Pacem in terris» nannte: Es geht um Wahrheit, Gerechtigkeit, Solidarität und Freiheit. Ohne diese vier Pfeiler gibt es keinen Frieden. Indirekt ist das eine Kritik an jedem totalitären Staat. Natürlich weiss der Vatikan, dass Russland kein freiheitlicher Staat ist.
«Friede ist kein Sonntagsspaziergang, sondern harte Arbeit.»
Ist das die richtige Herangehensweise?
Wallimann: Ich glaube, Papst Franziskus versucht mit der permanenten Wiederholung dieser Grundpfeiler, die Türe für den Dialog offen zu lassen. Nach dem Besuch des ukrainischen Präsidenten im Vatikan scheinen die Wege wieder schwieriger. Aber Friede ist kein Sonntagsspaziergang, sondern harte Arbeit, wie auch Papst Franziskus in «Fratelli tutti» anmerkt.
Kann der Vatikan mit dieser Haltung zum Frieden in der Ukraine beitragen?
Wallimann: Ich hoffe es. Ich denke nicht, dass es kurzfristig zum Erfolg beitragen wird. Für den Papst steht fest: Krieg ist nie die Lösung eines Konflikts und Ziel muss ein gemeinsamer Frieden sein – das zu erreichen, ist nur mit Dialog und auch mit viel Geduld und Gottvertrauen möglich.
Was können wir heute von «Pacem in terris» lernen?
Wallimann: Gerade wenn die Welt nach einfachen Lösungen schreit, dann bremst «Pacem in terris» und erinnert an die Grundwerte, mit denen ein Zusammenleben funktionieren kann. In der Spannung nach vorne zu gehen, ist eine Kunst. Das kann man bis heute aus der Enzyklika lernen.
*Thomas Wallimann (58) ist Theologe und Sozialethiker. Er leitet das Institut ethik22 und ist freier Mitarbeiter an der Universität Luzern.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant