Mit seinem neuen Film «Talita Kum» klagt Filmemacher und Coronaskeptiker Luke Gasser die katholische Kirche wegen ihrer angeblich passiven Rolle in der Pandemie an. Bischof Joseph Maria Bonnemain ist auch im Film zu sehen. Und sagt auf den Podium zu Luke Gasser: «Du bist in deinem Film oft zu plakativ. Die Realität ist komplexer.»
Wolfgang Holz
«Jesus ist doch auch zu den Lepra-Kranken gegangen und hat sie gesegnet. Warum durften wir Gläubige also in Zeiten von Corona uns nicht mehr in den Kirchen zur Eucharistiefeier treffen», fragt nach der Filmpremiere eine Besucherin den anwesenden Joseph Bonnemain. Eine durchaus berechtigt wirkende Frage.
Der Churer Bischof war Ehrengast im Sarner Pfarreisaal am Dienstagabend bei der Präsentation des neuen Films von Luke Gasser. Nicht nur als Kirchenoberhaupt. Er tritt im Film als Hauptgesprächspartner des Obwaldner Filmemachers auf.
«Wir mussten im Sinne von Glauben und Vernunft während der Coronakrise handeln», antwortete Bonnemain, der bekanntlich nicht nur Bischof und Theologe ist. Sondern eben auch Mediziner. Man habe die Präventionsmassnahmen während der Pandemie nicht einfach ausser Acht lassen können – «damit die Zahl der Infektionen nicht noch mehr anwächst».
Früher hätten die Menschen viele Bakterien einfach nicht gekannt und seien deshalb gestorben. Heute wisse die Wissenschaft mehr.
«Und ich habe vielen Kranken im Spital die heilige Eucharistie gebracht – ohne Impfung wäre dies aber nicht möglich gewesen.»
«Die Kirche kann nicht gegen Gesetze verstossen. Das wäre nicht gut.»
Joseph Maria Bonnemain, Bischof von Chur
Zudem haben laut Bonnemain viele Kirchenvertreter im Hintergrund immer wieder mit den politischen Akteuren während Corona verhandelt. «Zuerst waren Gottesdienste nicht möglich, dann waren sie möglich – die Kirche kann nicht gegen Gesetze verstossen. Das wäre nicht gut.»
Luke Gasser haben solche Antworten des Churer Bischofs wohl weder im Film noch im Gespräch nach der Premiere wirklich überzeugt. Der 57-Jährige ist eigentlich gelernter Bildhauer und leidenschaftlicher Rockmusiker.
Während den vergangenen 20 Jahren hat sich der Mann mit der beeindruckenden Lockenpracht und seiner Vorliebe für Cowboystiefel aber auch als Dokumentar- und Spielfilmeproduzent für Kino und Fernsehen einen Namen gemacht. Aus seinem Hobby wurde eine Berufung.
In seinem neuesten filmischen Epos – eine Mischung aus Selbstinszenierung, Kirchenkritik und persönlicher Glaubenssuche – wird seine Berufung zur Mission. «Talita Kum» heisst auf Deutsch im Markus-Evangelium : «Mädchen, steh auf!». Ein Satz, den Jesu zu einem angeblich toten Mädchen sagte, dass aber nur schlief.
Und der Mann aus Lungern macht sich tatsächlich ebenfalls auf, die Kirche zu wecken. Aus dem Schlaf des Schweigens. Mit seinem Dacia-Allrad-Jeep, in dem ein Kreuz neben dem Lenkrad baumelt, düst er von Kirche zu Kirche. Von Gesprächspartner zu Gesprächspartner. Er fragt nach, warum die Kirche in Zeiten der Corona-Krise öffentlich geschwiegen habe.
«Ich habe den Film nicht aus persönlicher Frustration gedreht.»
Luke Gasser, Filmemacher
Und sich damit, so Gasser, nicht gegen das totale «Corona-Angst-Narrativ» und die «öffentliche Gleichschaltung» gewehrt habe – anstatt Hoffnung und Zuversicht im Sinne Jesu unter den Menschen zu säen. «Ich habe diesen Film nicht aus persönlicher Frustration gedreht.»
Gasser kritisiert bekannte Missstände in der Institution Kirche. Und bekennt trotzdem, dass er auch weiterhin nicht aus der Kirche austreten will. Nicht zuletzt mangels alternativer spiritueller Sinnangebote. Am Ende seines knapp 90-minütigen Films keimt sogar eine Art Happy End, sprich: eine persönliche Glaubenseuphorie, auf – weil Luke Gasser, der ein Kreuz auf der Brust trägt, im tiefsten Grunde seines Herzens eben doch gläubig ist. Und dies auch bleiben möchte.
Dies wird beispielsweise spürbar, wenn er im Film die neu gebaute Kirche im zürcherischen Bonstetten besucht. In diesem Gotteshaus durfte Gasser den Altarraum als Bildhauer gestalten. Der Stolz über sein Werk und seine Gottesfurcht sind in den bewegten Bildern förmlich zu spüren.
In den anderen vielen Kirchen, die er mal im Vollprofil, mal mit staunendem Antlitz besucht und anschaut, in Chur, Sarnen, Lungern, Bern und Rom, wirkt Gasser wie ein selbst ernannter Volksprophet einer wahren katholischen Kirche. Angesichts des «Prunks» und den Intrigen hinter den Fassaden, denen er auf dem Petersplatz im Vatikan begegnet sei, fragt er sich, ob das wirklich noch die Kirche sei, die Jesu einmal gewollt habe.
In Gesprächen mit Vertretern der katholischen Kirche, etwa mit dem Sarner Pfarrer und Dekan Bernhard Willi, wirkt Gasser wie ein Wutchrist.
Er wirft dem Papst unter anderem «unflätige Äusserungen» gegenüber Coronaskeptikern vor – die Franziskus ja als «amoralisch» und «potentielle Selbstmörder» bezichtigt habe. Er erhält sogar Zustimmung. Der Papst würde solche Sachen eben mal raushauen, so Willi. Er selbst habe von den Bischöfen auch nicht viel zu Corona vernommen.
Solange Luke Gasser auf der kirchlichen Schiene bleibt, wirkt seine filmische Mission als enttäuschter glaubenssuchender Christ authentisch. Er weiss viel über die Kirche und hat sich viele Gedanken gemacht.
Doch als er sich in einem cineastischen Parforceritt dann aufschwingt, die ganze Welt und den Kapitalismus, ausgehend von Corona-Zertifikaten als Vorboten einer «Demontage der Demokratie» zu geisseln, zerfasert der Film. Er verzettelt sich in Verschwörungstheorien und Weltuntergangsszenarien. Und operiert letztendlich auch mit Ängsten, die er anderen gerade als Manipulation vorwirft.
«Du bist in deinem Film oft zu plakativ. Die Realität ist komplexer.»
Bischof Joseph Maria Bonnemain
Diese Vorwürfe macht ihm auch Bischof Joseph Maria Bonnemain. Churs Bischof räumt zwar ein, dass die Kirche nach der Corona-Krise sicher klüger sei. Krisen würden dazu beitragen, Fantasien zu fördern. «Du bist aber in deinem Film oft zu plakativ, malst zu sehr Schwarz-Weiss», wirft er Gasser während der Podiumsdiskussion vor.
«In diesem Punkt musst du dich mehr bemühen, da bist du viel zu apokalyptisch.» Die Realität der Dinge sei in Wirklichkeit eben einfach komplexer.
Die Menschheit habe letztendlich immer wieder bewiesen, so Bonnemain, sich aus schwierigen Situationen heraus zu retten. «Ich bleibe ein Optimist», versichert der Bischof und grinst sein Gegenüber charmant an. «Und übrigens sind wir beide diese Kirche.»
Ein Optimismus, der ansteckend wirkt. Der Hoffnung macht. Der letzten Endes auch Luke Gasser euphorisiert. Der Filmemacher wirkt nämlich angesichts der Aufmerksamkeit, die ihm Bischof Bonnemain im Film und im Gespräch gewährt, sympathisch gerührt.
Als ob zuvor kritisierte Hierarchien plötzlich keine Rolle mehr spielten. Zur Belohnung erhält der Churer Bischof von Luke Gasser eine Beatles-Platte überreicht. All you need is love! Irgendwie.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant