Die Seelsorgerin Charlotte Küng-Bless wünscht sich, dass «Bischöfe die Grenzen bestehenden Kirchenrechts nicht nur ausreizen, sondern bewusst überschreiten». Zudem hofft sie, dass die Schmerzen der Frauen wahrgenommen werden. Als nächstes Ziel hat sich die «Junia-Initiative» internationale Vernetzung vorgenommen.
Charles Martig
Sie führen am 17. Mai einen Event der Junia-Initiative in Therwil BL durch. Was erwartet die Gäste?
Charlotte Küng-Bless*: Der Junia-Tag ist ein Tag der Stärkung und Vernetzung. Wir treffen uns, das heisst viele Frauen und auch Männer aus der Schweiz und dem benachbarten Ausland, um uns gegenseitig zu unterstützen. Es geht bei diesem Anlass um «Zeuginnen des Glaubens». Wir sollen uns als Apostelinnen, Diakoninnen und Prophetinnen hörbar und sichtbar machen.
Haben Sie auch Bischöfe eingeladen?
Küng-Bless: Nein, wir haben bewusst darauf verzichtet. Sie können an diesem Anlass teilnehmen, sind aber nicht gezielt eingeladen.
Warum halten Sie sich gegenüber kirchlichen Entscheidungsträgern zurück?
Küng-Bless: Aufgrund des Aufbaus des Events sind wir nicht auf öffentliche Würdenträger angewiesen. Wir suchen bei diesem Anlass nicht das Gespräch mit Bischöfen. Der Schwerpunkt liegt auf der liturgischen Sprache, die wir als Frauen verwenden. Es geht um die spirituelle Erfahrung durch Sprache und Musik.
Sie sind auf einem Podium zusammen mit der Theologin Jacqueline Keune. Was erwartet die Teilnehmenden bei diesem Podium?
Küng-Bless: Jacqueline Keune ist ein Vollprofi in Sachen Sprache und bekannt als Dichterin. Ich bin die Pfarreiseelsorgerin mit schriftstellerischen Erfahrungen. Wir wollen die Teilnehmerinnen ermutigen: Tut es uns gleich mit euren je eigenen Fähigkeiten. Mein Schwerpunkt liegt bei der Verknüpfung zwischen Musik und Text. Ich möchte zeigen, wie das im liturgischen Rahmen geht.
«Das Bedürfnis nach Vernetzung und Begegnung ist riesig.»
Was bedeutet in einem liturgischen Rahmen?
Küng-Bless: Ich habe selbst schon Krippenspiele geschrieben und Lieder verfasst. Da ist mir Martin Luther eine Inspiration. Mir liegt es sehr am Herzen, die Theologie in der Musik zu fassen und zu vermitteln.
Welche Signale sollen von der Veranstaltung in Therwil an die Frauen in der Schweizer Kirche gehen?
Küng-Bless: Wir wollen vermitteln: «Ich bin nicht allein. Da gibt es noch andere!» Das Bedürfnis nach Vernetzung und Begegnung ist riesig. Wir erfahren, dass wir zusammen mit anderen auf dem Weg sind. Deshalb haben diese Junia-Tage einen spirituell-nährenden Aspekt.
«Im Internationalen gibt es sicher noch Luft nach oben.»
Was hat die Junia-Initiative seit ihrer Gründung erreicht?
Küng-Bless: Wir haben Ermutigung und Stärkung erreicht. Wir haben darüber hinaus eine Super-Vernetzung. Im Internationalen gibt es sicher noch Luft nach oben. Aber im deutschen Sprachraum und insbesondere in der Schweiz ist die Vernetzung stark.
Was tun Sie konkret, um sich zu vernetzen?
Küng-Bless: Wir sind mit dem Catholic Women’s Council (CWC) vernetzt, der international agiert. Wir halten uns via Chat über wichtige Anlässe und Artikel auf dem Laufenden. Wir führen monatlich Zoom-Meetings durch, um uns zu besprechen und abzustimmen: zum Beispiel im Nachgang zum synodalen Prozess in Prag, bei dem Helena Jeppesen und Mentari Baumann von der «Allianz Gleichwürdig Katholisch» anwesend waren. Die Junia-Initiative ist übrigens auch Mitglied bei dieser «Allianz Gleichwürdig Katholisch».
Was tun Sie, um die internationale Sichtbarkeit zu verbessern?
Küng-Bless: Im September findet an der Universität in Leipzig eine Tagung zum Thema «Frauen im Amt» statt. Da sind auch Vertreterinnen von uns dabei. Für die Schweizer Junia-Initiative gehen voraussichtlich eine bis zwei Vertreterinnen nach Leipzig. Wir freuen uns darauf, dass in diesem Format auch der theologische Diskurs gesucht wird.
Gehen Sie selbst auch nach Leipzig?
Küng-Bless: Als Mutter von drei Kindern gehöre ich zur «schwierigsten» Gruppe. Ich habe mich an Vernetzungstreffen – im Rahmen von Frauenorganisationen – immer wieder nach Betreuung für meine Kinder erkundigt. Das sei jedoch zu schwierig und kompliziert. Aus diesem Grund kann ich leider in Leipzig nicht teilnehmen.
Wie gehen Sie mit dem Thema des Frauenpriestertums um?
Küng-Bless: In der Junia-Initiative haben wir eine gemeinsame Sprache entwickelt. Es genügt nicht, einfach Frauen zu Priesterinnen zu weihen. Diese Lösung ist viel zu banal!
Warum ist das zu banal?
Küng-Bless: Es geht uns um Differenzierung. Wir wollen nicht einfach mit platten Aktionen auf uns aufmerksam machen. Vielmehr arbeiten wir an der sprachlichen Differenzierung, die ja ein grosses gesellschaftliches Thema ist.
Können Sie mir ein Beispiel nennen?
Küng-Bless: Wir sprechen ganz bewusst nie von «Weihe». Wir sind der Überzeugung, dass hier die Sprache eine wichtige Rolle spielt. Wir reden deshalb von «Ordination», gemäss dem Lima-Papier. Aber das ist wohl zu viel der Fachsimpelei.
«Es gibt immer wieder Vorgehensweisen in der Weltkirche, die Frauen gegeneinander ausspielen.»
Was sind die wichtigsten Ziele für die nächsten drei Jahre?
Küng-Bless: Wir wollen uns international vernetzen. Das wird anspruchsvoll. Das Wissen voneinander und das Verstehen untereinander sind wichtig, zum Beispiel zwischen Europa und Lateinamerika. Es gibt immer wieder Vorgehensweisen in der Weltkirche, die Frauen gegeneinander ausspielen und die Argumente entkräften wollen. Im Stil von: «Also wisst ihr, die Frauen in Lateinamerika haben andere Probleme». Deshalb ist es für uns wichtig, deren Lebenswelten zu verstehen. Wir können uns weltweit gegenseitig unterstützen.
Was sind Ihre Ziele in der Schweiz?
Küng-Bless: Wir möchten die Junia-Initiative in den Schweizer Pfarreien bekannter machen. Aber die Resonanz ist seit Anfang an relativ gering. Das sind dieselben Erfahrungen wie beim synodalen Prozess. Da wo dieser Prozess angesetzt wurde, hat er bisher ein geringes Interesse in den Pfarreien geweckt. So geht es uns auch mit der Junia-Initiative.
Beim synodalen Prozess wissen wir, dass etwa zwei bis drei Prozent der Schweizer Katholikinnen und Katholiken aktiv daran teilnehmen. Ist das bei Ihnen in der gleichen Grössenordnung?
Küng-Bless: Ach Gott, ich habe von den Prozentzahlen keine Ahnung. Aber der Vergleich stimmt: In den Pfarreien sind sowohl die Junia-Initiative als auch der synodale Prozess ein Randthema.
Was erwarten Sie vom synodalen Prozess?
Küng-Bless: Die Erwartungen liegen nicht sehr hoch. Dennoch erwarte ich, dass die Bischöfe jetzt anfangen, aktiv etwas für die Umgestaltung der Kirche zu tun. Es genügt nicht mehr zu sagen: «Ich möchte schon, aber der Vatikan will nicht.» Wir sind in der Kirche diskriminiert. Ich will, dass unser Schmerz wahrgenommen wird. Ich möchte von den Bischöfen hören: «Ich sehe die Diskriminierung und verändere die Situation so schnell als möglich.»
«Ich würde mir wünschen, dass die Bischöfe die Grenzen bestehenden Kirchenrechts bewusst überschreiten.»
Das hören Sie zurzeit nicht?
Küng-Bless: So deutlich höre ich das nicht. Vielmehr vermute ich bei den Bischöfen eine Zerrissenheit zwischen der Treue zum System Kirche und der Bereitschaft, auf die Bedürfnisse der Menschen vor Ort einzugehen. Ich würde mir wünschen, dass die Bischöfe die Grenzen bestehenden Kirchenrechts nicht nur ausreizen, sondern bewusst überschreiten, weil sie wissen, dass die allermeisten Gläubigen längst bereit sind für Neuerungen wie verheiratete Priester oder ordinierte Frauen.
Gibt es Lobby-Arbeit der Junia-Initiative, zum Beispiel bei den Bischöfen oder im Vatikan?
Küng-Bless: Der Catholic Women’s Council ist dran. Wir als Junia-Initiative haben nur begrenzte Ressourcen. Wir sind jedoch an die «Allianz Gleichwürdig Katholisch» angebunden. Dort geschieht auch Lobby-Arbeit.
«Ich bin auch eine Junia!»
Warum ist es in den vergangenen Monaten so still um die Junia-Initiative geworden?
Küng-Bless: Von aussen gesehen stimmt das. Nach innen erlebe ich das völlig anders. Im Kern der Bewegung, die sich mit der Junia-Initiative auseinandersetzt, geschieht einiges: in den Pfarreien, in den Spitälern und Pflegeheimen. Überall dort, wo Junia-Leute aktiv sind. Mir hat mal eine Junia gesagt: «Die Junia Sitzungen tun mir gut. Sie geben mir Kraft.» Dranbleiben, die Arbeit vor Ort leisten, die Überzeugungen der Junias leben: darum geht es uns.
Sie nennen sich gegenseitig «Junia»?
Küng-Bless: Ja, genau. Ich bin auch eine Junia! Das ist ein geflügeltes Wort bei uns in der Initiative.
Wer ist Junia?
Küng-Bless: Das ist eine Frau in der frühen christlichen Bewegung, die im Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde von Rom erwähnt ist. Sie wird als hervorragend unter den Aposteln dargestellt. Sie ist also eine Apostelin, mit anderen Worten eine Gesendete, die den Auftrag hat das Evangelium in die Welt hinauszutragen. Das Argument, dass es keine Apostelin in der Tradition gab, wurde also längst widerlegt.
*Charlotte Küng-Bless (40) ist Gründungsmitglied der Junia-Initiative, die im Jahr 2019 aus der Taufe gehoben wurde. Im Interview vertritt sie die Position dieser Initiative. Sie ist zudem Seelsorgerin der Katholischen Kirche Region Rorschach. Mit mutigen Aussagen zur Spende der Krankensalbung wurde sie national bekannt. Küng-Bless lädt gemeinsam mit Monika Hungerbühler, Iva Boutellier und weiteren Frauen zum Junia-Tag nach Therwil BL. Der Anlass findet am 17. Mai, dem Gedenktag der Apostelin Junia statt. Details zum Event der Junia-Initiative.
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