Pfarrer Reichlin wollte die Muotathaler Wetterschmöcker mit dem Wettersegen torpedieren

Zwölf Jahre lang war Werner Reichlin (57) Seelsorger der Muotathaler Wetterschmöcker. Er hat zwei der Innerschwyzer Hobbymeteorologen beerdigt. An den Events der Wetterpropheten galt es, Witze zu klopfen statt zu predigen. Gesucht hat er den Job nicht – doch als Pfarrer mit Wurzeln im Muotathal ist er beim Publikum angekommen.

Barbara Ludwig

Die Menschen sitzen dichtgedrängt an den Holzbänken in der grossen Halle unweit von Rothenturm SZ. Männer und Frauen, Alte und Junge. Vor sich ein Bier, einen sauren Most oder einen Kafi Schnaps. Gekommen sind sie zur GV der Muotathaler Wetterschmöcker. Vorne auf dem Podium ist neben den Wetterpropheten auch Pfarrer Werner Reichlin.

An diesem Freitagabend präsentiert er zum letzten Mal die Rangliste der Wetterschmöcker – und tritt nach zwölf Jahren als Seelsorger des Meteorologischen Vereins Innerschwyz zurück. Die Leute lachen und klatschen begeistert, als Reichlin dabei auch seinen Witz vom runden Haus erzählt: Das Kari baute – als er und seine Braut endlich genug Geld beisammen hatten. Wieso ein rundes Haus? Die Schwiegermutter habe schon vor Jahren gefragt, ob es im neuen Haus auch ein «Eggeli» für sie geben würde.

«Ich bin nicht der geborene Witzeerzähler»

Dass Werner Reichlin das Witzemachen angeblich nicht liegt, spürt man nicht. «Ich bin nicht der geborene Witzeerzähler», sagt der Pfarrer von Küssnacht am Rigi (SZ) vor der GV zu kath.ch. Er beisse sich da durch, seit er das Amt angetreten hat. Witze sind das A und O an einer GV der Wetterpropheten, wo auch das banalste Traktandum wie die Wahl der Stimmenzähler mit launigen Sprüchen durchsetzt ist.

Auch von ihm als Pfarrer des Vereins sei das erwartet worden, sagt Reichlin. Dabei hat er das Amt einst wider Willen angetreten. Nach einem Berggottesdienst in der Haggenegg-Kapelle unweit des Mythenmassivs wurde er vom Wetterpropheten Martin Holdener – genannt Muser – angefragt. Ein Notfall, weil der damalige Seelsorger des Vereins nach einem Sturz von der Treppe im Krankenhaus lag. Werner Reichlin tat alles, um das Schicksal abzuwenden. Er empfahl drei andere Geistliche, die besser sprechen könnten und viel mehr Humor hätten als er.

Moralisten unerwünscht

Es nützte nichts. Die Wetterpropheten wollten partout Werner Reichlin. Auch weil er Wurzeln im Muotathal und im daran angrenzenden, höhergelegenen Bisithal hat, sagt der Pfarrer. Im Bisithal liegt auch die Alp, die damals sein Grossvater bewirtschaftete – und heute sein Onkel. Mit der Zeit hat sich Reichlin mit dem Amt angefreundet.

Er habe festgestellt, dass der katholische Verein zwar Wert auf den Glauben lege, dieser aber an den Generalversammlungen nicht im Vordergrund stehe. «Die Mitglieder erwarten einen gemütlichen, unbeschwerten Abend und keinen Moralisten.» Weil er sehr volksnah sei, sei es ihm schliesslich nicht schwergefallen, «die Menschen spüren zu lassen: Ich bin einer von euch».

«Du wirst an Orte geführt werden, wohin du nicht willst»

Reichlin suchte auch in der Bibel nach dem Grund, warum Gott ihn zu der Aufgabe berufen haben könnte. «Da erinnerte ich mich an das Zitat über Petrus: ‘Dir werden die Hände gebunden – und du wirst an Orte geführt werden, wohin du nicht willst.'» Vor 900 Personen einen «urchigen Zirkus» aufzuführen, das sei anfänglich gar nicht in seinem Sinne gewesen, sagt der Pfarrer, der in seiner Amtszeit zwei Wetterpropheten beerdigt hat.

Viele in der Halle kennen Werner Reichlin persönlich. Sie nicken ihm zu, schütteln ihm die Hand, wechseln einige Worte, als er sich nach Abschluss der GV und dem Abendessen zwischen den Bänken hindurch einen Weg zum Ausgang bahnt. «Gehst du schon heim?», fragen sie. Und ein Mann beginnt ein Gespräch mit dem Pfarrer, sie stellen fest, dass sie gemeinsame Vorfahren haben in einem der Schwyzer Bergtäler.

Am Ende seiner Amtszeit als Seelsorger der Wetterschmöcker spricht Werner Reichlin von einem «Geschenk Gottes» an ihn. «Ich durfte hier Kollegialität erleben und Freundschaft. Ich konnte hier unbeschwerte Abende geniessen. Das hat mir für den Alltag als Seelsorger viel Positives gebracht.»

Prognosen torpedieren

Und wie steht es um seine eigenen Fähigkeiten, das Wetter vorauszusehen? Hat er nicht. Dafür Schalk und Humor wie seine Kollegen Wetterpropheten: «Lieber versuche ich, ihre Prognosen zu torpedieren. Indem ich vom 25. April bis zum 14. September jeden Tag den Wettersegen spreche. Da bitte ich Gott um gedeihlichen Regen und Sonnenschein.»

Werner Reichlin wird mit den Wetterschmöckern in Kontakt bleiben. Am Freitagabend hat ihn der Vereinsvorstand zum Ehrenmitglied ernannt. Reichlin hat an der GV auch seinen Nachfolger vorgestellt, Viktor Hürlimann, Pfarrer von Rothenturm.


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.kath.ch/newsd/pfarrer-reichlin-wollte-die-muotathaler-wetterschmoecker-mit-dem-wettersegen-torpedieren/