Der Vatikan und Ungarn sprechen gleich über den Krieg, so der ungarische Priester Peter Varga. Doch kirchliche Kritik an der Politik sei unerwünscht, dadurch könnte sie «viele Menschen» verlieren. Daher glaubt der Missionspfarrer nicht, dass Franziskus bei seinem Ungarn-Besuch politische Themen ansprechen wird: «Ungarn hat kein Problem mit Flüchtlingen.»
Jacqueline Straub
Papst Franziskus reist am Freitag nach Ungarn. Wie blicken Sie auf die Reise?
Peter Varga*: Ich freue mich sehr, dass der Papst nun schon das zweite Mal nach Ungarn reist. Es wird seine 41. internationale Reise sein – aber es ist das erste Mal, dass er ein Land zum zweiten Mal besucht.
Was denken Sie, warum?
Varga: Vielleicht will er mehr von der Denkweise des ungarischen Volks kennenlernen. Der ungarische Kardinal Peter Erdö sagte im nationalen Fernsehen, dass der Papst uns zeigen möchte, dass er Respekt vor unserem Land hat. Denn der Mainstream hat oft keinen Respekt.
Was verstehen Sie unter Mainstream?
Varga: Über Ungarn wird in den westlichen Medien oft wenig Gutes berichtet. Das finde ich schade. Dass der Papst mit seinem Besuch Respekt gegenüber Ungarn zeigt, bedeutet mir sehr viel.
Vor welchen Herausforderungen steht die Kirche in Ungarn?
Varga: Die Probleme in Ungarn sind die gleichen wie in den übrigen Teilen Europas. Viele Menschen verlassen die Kirchen – aber noch immer sind es weniger als in Westeuropa. Gleichzeitig wird kritisiert, dass Bischöfe und Priester Macht ausüben und ihre Denkweise anderen überstülpen wollen. Papst Franziskus betont zum Glück immer wieder, dass die Kirche lieben und dienen soll.
«Der Vatikan und Ungarn sprechen gleich über den Krieg.»
Welche Zeichen wünschen Sie sich von Papst Franziskus beim Ungarn-Besuch?
Varga: Ich lasse mich überraschen. Aber bei seinem letzten Besuch sprach er davon, dass Ungarn Brücken bauen soll zum Westen hin. Und dass Arme und Bedürftige ins Zentrum gerückt werden sollen. Auf dem aktuellen Logo für den Ungarn-Besuch ist nun eine Brücke zu sehen – ebenso die Vatikanfarben und die ungarischen Nationalfarben. Ich finde das Logo sehr gelungen.
Denken Sie, dass Papst Franziskus die Politik des Regierungschefs Viktor Orban kritisieren wird?
Varga: Ich denke nicht. Ich sehe es so: Der Vatikan und Ungarn sind die einzigen zwei Länder in Europa, die gleich über den Krieg sprechen.
«Ungarn hat kein Problem mit Flüchtlingen.»
Inwiefern?
Varga: Nur der Vatikan und Ungarn sagen, dass der Krieg in der Ukraine sofort gestoppt werden muss. Sie sprechen von Frieden. Hingegen fordern die anderen Länder die Ukraine auf, weiterzukämpfen.
Viktor Orban steht oft in der Kritik, brutal gegen Flüchtlinge vorzugehen.
Varga: Ungarn hat kein Problem mit Flüchtlingen, sondern nur mit illegalen Flüchtlingen, die gewalttätig sind.
Wie wird Viktor Orban von den Katholikinnen und Katholiken gesehen?
Varga: Die grosse Mehrheit steht hinter dem ungarischen Ministerpräsidenten.
Weder Kardinal Peter Erdö, Erzbischof von Esztergom-Budapest noch der Vorsitzende der Ungarischen Bischofskonferenz, Andras Veres haben den politischen Kurs von Regierungschef Viktor Orbán in der Flüchtlingspolitik kritisiert. Was sagen Sie dazu?
Varga: Die Mehrheit der kirchlichen Würdenträger befürwortet die Politik von Viktor Orban. Wenn sie ihren Mund aufmachen würden, würden womöglich viele Menschen der Kirche den Rücken zukehren.
Das bedeutet, dass die ungarische Kirche der Schosshund des Präsidenten ist?
Varga: Das würde ich so nicht sagen. Inzwischen sind die Kirchen unabhängiger und wenige getrauen sich auch, die momentane Politik zu kritisieren.
Viktor Orban hat sich für eine Familienförderung stark gemacht. Familien mit drei und mehr Kindern erhalten neben Kindergeld und anderen Zuwendungen auch weitreichende Steuerbefreiungen. Das Modell ist so attraktiv, dass ausgewanderte ungarische Familien aus anderen europäischen Ländern in die Heimat zurückkehren. Kennen Sie Familien aus der Schweiz, die wieder nach Ungarn zurückgegangen sind?
Varga: Ja, ich kenne Familien aus der Schweiz, die wieder nach Ungarn zurückgegangen sind. Die Familienpolitik dort ist sehr erfolgreich – die Kirche befürwortet es auch. Ich finde, dass Ungarn die richtige Werteordnung vertritt: Liebe, Familie, Respekt, Glauben und Freiheit. Der Mainstream in Europa hat eine andere Reihenfolge. Das ist wohl der grösste Unterschied zwischen Westeuropa und Ungarn.
«Die Bibel lehrt etwas anderes.»
Was steht dort an erster Stelle?
Varga: Die Freiheit. Ich denke nicht, dass das gut ist.
Was ist an Freiheit falsch?
Varga: An der Freiheit an sich gibt es nichts auszusetzen. Das Problem beginnt an zwei Stellen: Erstens, wenn wir die Freiheit an die erste Stelle der Werte setzen. Die Bibel lehrt etwas anderes. Auch der Glaube steht nicht an erster Stelle. Das andere Problem ist, dass viele Menschen Freiheit ohne Grenzen verstehen, und die reiche ungarische Sprache hat ein spezielles Wort dafür, das Deutsche hat es nicht. Die Freiheit, in die Freiheit anderer einzugreifen und andere Denkweisen zu missachten und die eigene aufzuzwingen, ist also falsch, sie ist in Westeuropa und im Mainstream üblich.
Gleichzeitig bedeutet es, dass queere Menschen weniger Platz im öffentlichen Raum einnehmen.
Varga: In Ungarn haben Andersdenkende mehr Freiheiten als in den meisten anderen europäischen Ländern, einschliesslich queerer Menschen. In vielen europäischen Ländern werden Menschen mit konservativen Ansichten stigmatisiert und nicht geduldet. In Ungarn wird jeder toleriert. Genauso sind auch die Medien freier als anderswo. Jeder darf so leben, wie er will, auch queere Menschen. Aber die ungarische Politik will, dass in der Schule die Kinder nicht durch Aktivisten aufgeklärt werden sollten, sondern von Lehrpersonen.
Wie geht in Ungarn der Synodale Prozess vonstatten?
Varga: Das kann ich zu wenig beurteilen. Aber ich weiss, dass hier in der Schweiz viel offener über alles gesprochen werden kann, wie in Ungarn. Dort ist die Mehrheit sehr viel konservativer.
*Pfarrer Peter Varga (52) stammt aus Ungarn und lebt seit fünf Jahren in der Schweiz. Zuvor lebte er zwei Jahre als Missionspriester in Augsburg. Er ist für die ungarischen Katholikinnen und Katholiken im Kanton Zürich zuständig. Er bietet aber auch über die Kantonsgrenzen hinweg Seelsorge und Gottesdienste an. Der Kanton Zürich zählt etwa 3’000 ungarische Katholikinnen und Katholiken.
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