Abt Urban Federer: Kreuz bringt unliebsame Menschen zum Verstummen

Nicht das Kreuz sei «krank», sondern der Mensch, der es gegen andere Menschen einsetzt. An Karfreitag muss auch an die vielen Menschen gedacht werden, «die heute aus dem Weg geräumt werden», sagt Urban Federer, Abt von Einsiedeln.

«Das Kreuz bringt nicht nur den Tod, sondern auch grausames Leiden. Wer sich am Kreuz stört, hat es verstanden: Es bringt unliebsame Menschen zum Verstummen. Und wenn ein ganzes Grabfeld entsteht, weil Menschen sich im Krieg gegenseitig umbringen wie jetzt in der Ukraine, dann erinnern die Felder von Kreuzen an die kranke Haltung von Menschen, die nicht genug bekommen vom Auslöschen anderer, die aus dem Weg geräumt werden sollen. Ja, das Kreuz schliesst aus.

Krank ist dabei nicht das Kreuz, dieses Zeichen, bestehend aus zwei Balken, die sich kreuzen, sondern der Mensch, der es gegen andere Menschen einsetzt. Wer am Karfreitag das Gedächtnis begeht, dass Jesus aus dem Weg geräumt werden musste, weil er störte, muss auch an die vielen Menschen denken, die heute aus dem Weg geräumt werden. Am Karfreitag erinnern wir uns auch daran, wie ein Kreuz zum Kreuz Jesu Christi geworden ist: Jesus hat lieber auf Gewalt verzichtet – die Stadt wäre voll seiner Anhänger gewesen, die für ihn gekämpft hätten –, als seine Botschaft der Liebe und Vergebung zu verraten. Er hat das Kreuz der Gewalt vorgezogen, um nicht selbst noch weitere Kreuze aufzurichten, und damit wir das Kreuz nicht mehr einsetzen. Ob wir Menschen diese Botschaft verstanden haben? (…)

Den Karfreitag können wir nicht ohne Ostern denken. Ostern sagt uns: Das Ja Gottes zu uns ist stärker als unser gegenseitiges Nein. Ostern zeigt uns, dass Gott selbst dort Leben ermöglichen kann, wo Menschen Kreuze aufrichten. Auf diesem Boden dürfen wir Vertrauen haben. Auf diesem Boden dürfen wir das Kreuz hochhalten.»

Das schrieb der Einsiedler Abt Urban Federer im «Bote». (jas)


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