Für viele Menschen weltweit steht das Kreuz symbolisch für das Christentum. Während der Osterfeiertage rückt es als Ort des Todes und der Auferstehung Jesu ins Zentrum des Interesses. Die Ambivalenz des Symbols prägen Theologie und Populärkultur bis heute.
Natalie Fritz
Der Schmuckanhänger in Kreuzform der «10 vor 10»-Moderatorin Wasiliki Goutziomitros hat unlängst zu einem Schweizer Mini-Skandälchen geführt, bei dem es um Glaubensfreiheit, Ideologie und religiöse Symbole im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ging.
Goutziomitros geschickte Richtigstellung, das Kreuz sei ein Erbstück und mit persönlichen Erinnerungen, nicht mit einer Glaubensbezeugung verbunden, macht deutlich wie vieldeutig religiöse Symbole und insbesondere auch das Kreuz sind.
Das Kreuz existierte als Zeichen bereits lange bevor es zum Symbol des Christentums avancierte. Es scheint eine Art anthropologisches Grundzeichen zu sein, da es sich in den unterschiedlichsten Ausprägungen und mit verschiedensten Zuschreibungen in allen Weltregionen finden lässt.
In den indigenen Kulturen Nord- und Mittelamerikas, in Mesopotamien und im antiken Rom steht das Kreuz für die Welt, die nach den vier Himmelsrichtungen gegliedert ist. Als Sonnensymbol wurde das Kreuz bei den Assyrern, Nordgermanen und den Galliern verehrt. Platon bezeichnete den Kosmos mit dem Buchstaben Chi (X) als eine Art Weltenseele.
Das Radkreuz steht etwa in Indien für den Lauf des Lebens. Im alten Ägypten wiederum symbolisiert das Henkelkreuz Anch das (Weiter-)Leben.
In diesem Kontext scheint die Umdeutung des Folterwerkzeugs Kreuz – Cicero nennt die Kreuzigung «die grausamste Todesart» – in ein Heilszeichen nachvollziehbar. Nach Kaiser Konstantins Sieg an der Milvischen Brücke um 312 christlicher Zeitrechnung begannen die Menschen das Kreuz neu zu deuten, nicht länger nur den Ort von Jesu Leid in ihm zu sehen.
Wie Lactantius schreibt, war Konstantin im Traum angewiesen worden, das Christusmonogramm auf die Schilde seiner Soldaten zu zeichnen, wodurch seine Truppen den Sieg über Maxentius errungen hätten. Eusebios von Caesarea spricht in seinem Bericht davon, dass es eine kreuzförmige Erscheinung gegeben hätte, die von den Worten «In hoc signo vinces» (In diesem Zeichen wirst Du siegen) begleitet worden sei.
Konstantin habe die Anweisung umgesetzt und gesiegt. Damit setzte nicht nur die konstantinische Wende ein, die dem Christentum zum Aufstieg verhalf, sondern wurde das Kreuz zum staatlichen Siegeszeichen und zum Wahrzeichen für das Christentum.
Der demütigende und schmerzvolle Tod Jesu am Kreuz wurde von den Kirchenvätern umgedeutet in eine triumphale Überwindung desselben. Denn der Kreuzestod wurde sowohl aus jüdischer Perspektive als auch aus römischer als Skandal aufgefasst. Wie konnten die Gläubigen einen Gott anbeten, der sich kreuzigen liess?
Im ersten Korintherbrief 1, 23–24 erklärt Paulus entsprechend: «Wir dagegen verkünden Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit.»
Bis ins frühe Mittelalter bleibt das Kreuz ein Siegeszeichen, im Sinne einer Überwindung des Todes und der Auferstehung. Danach gewinnt die subjektive Erfahrung des Betrachtenden mit dem Gekreuzigten immer mehr an Bedeutung.
Jesu Kreuzestod wird zu einem zentralen Akt im Heilsgeschehen. Ohne Jesu Kreuzigung ist die Erlösung nicht möglich. Sein Leiden ist zwingend notwendig, damit sich die Gläubigen durch dieses symbolische Opfer selbst erneuern können, indem sie sich auf Gott ausrichten.
Erst ab dem späten 5. Jahrhundert taucht Jesus als Gekreuzigter in der Kunst auf. Auf der Holztür der Kirche Santa Sabina wird er zwar mit Wundmalen und ausgebreiteten Armen dargestellt, aber das eigentliche Kreuz fehlt. Eine gewisse Scheu und die Ambivalenz des Kreuzestods hielten die Künstlerinnen und Künstler bis ins frühe Mittelalter davon ab, Jesus als Schmerzensmann zu zeigen. Dann jedoch werden Kreuzigungsdarstellungen immer häufiger. Durch sie wird die Kreuzigung sicht- und erfahrbar für die Gläubigen.
Besonders in den Klöstern des Mittelalters ist das individuelle Mitleiden mit dem Gekreuzigten zentral. Mönche und Nonnen versuchten Christi Vorbild nachzueifern, indem sie möglichst asketisch lebten und auch freiwillig Schmerzen erduldeten.
Bernhard von Clairvauxs Kreuzestheologie und Passionsmystik waren insbesondere für Frauen äusserst attraktiv. Das lag wohl daran, dass sie dadurch ihr eigenes Leid mit Sinn besetzen konnten. Das Leiden in und an dieser Welt wurde dann quasi zum Spiegel von Jesu Leiden. Eine Coping-Strategie, die weltweit viele unterprivilegierte Menschen anwenden, um die Ungerechtigkeiten der Gesellschaft zu ertragen.
Franziskus von Assisis erhob dann die wunderbare Kraft des Kreuzes zu einem lebensprägenden Inhalt. Er selbst erhält sogar Stigmata!
Die Passionsdarstellungen aus dem Hochmittelalter heben den Aspekt des Leidens Jesu am Kreuz hervor und binden die Betrachtenden emotional ein. Erste Passionsspiele sind ab dem 13. Jahrhundert verbrieft und entwickelten sich zu einer der wichtigsten Dramengattungen des Mittelalters. Die Oberammergauer Passionsspiele, die seit 1634 aufgeführt werden, sind Teil des bundesweiten Verzeichnisses des immateriellen Kulturerbes.
Die ersten Kreuzweg-Andachten datieren ebenfalls auf das Hochmittelalter und laden die Gläubigen dazu ein, auf meist 14 Stationen den Leidensweg Jesu mitzuerleben. Die Kreuzwegprozessionen unter Papst Franziskus sind zu sozialkritischen Massenevents geworden. Er erinnert auf dem Weg am Kolosseum an alle Menschen, die aufgrund von Krieg, Verfolgung oder Diskriminierung leiden. So trugen 2022 eine Ukrainerin und eine Russin zusammen das Kreuz.
Das Kreuz verlor trotz mittelalterlicher Mystik seinen Machtcharakter nicht. Die verschiedenen Kreuzzüge zwischen dem 11. und dem 14 Jahrhundert belegen dies eindrücklich. Denjenigen, die den Kreuzfahrereid ablegten, befestigte man ein Kreuzzeichen an der Kleidung. So pilgerten und kämpften sie im Namen des Kreuzes und versuchten die zentralen Stätten im «heiligen Land» zu verteidigen und der islamischen Expansion Einhalt zu gebieten.
Im Alltagsleben wurden Kreuze oder Kreuzzeichen auch als Schutz vor dem Bösen, vor Unwetter oder etwa Feuer eingesetzt. Die Schutzidee hatten sich die Gläubigen von den liturgischen Handlungen und Gesten abgeleitet. Es ist nur logisch, dass Kreuze im Horror- oder Fantasy-Filmgenre bis heute als machtvolle Instrumente gegen böse Mächte zum Einsatz kommen.
Eine ganz besondere Macht sprach man Kreuzesreliquien zu. Durch die Kreuzfahrer gelangten zahllose Splitter des wahren Kreuzes Jesu nach Europa. Das wahre Kreuz war je nach Quelle von Helena, Kaiser Konstantins Mutter, um 325 christlicher Zeitrechnung in Jerusalem gefunden worden. Die Kreuzauffindung steht in Zusammenhang mit dem Bau der Grabeskirche, dort wird auch ein Partikel aufbewahrt.
Da diese Kreuzpartikel extrem wertvoll waren, lagerte man sie geschützt in teuer verzierten Reliquiaren, sogenannten Staurotheken, was auf Griechisch so viel wie Kreuzbehälter heisst. In der Karwoche kommt der Kreuzverehrung besondere Bedeutung zu.
Wie viele Kreuzpartikel des wahren Kreuzes als Reliquien weltweit zu finden sind, ist nicht bekannt. Schätzungen zu Folge würden alle potenziell echten Kreuzpartikel weltweit nur circa 10 Prozent von Jesu Kreuz ausmachen. Im Luzerner Stiftsschatz von St. Leodegar im Hof wird seit 850 Jahren ein Kreuzpartikel aufbewahrt. Ein echter, selbstverständlich!
Das animierte Info-Video zum Thema «Kreuz – Mehr als ein Symbol» von kath.ch finden Sie hier.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/das-kreuz-mit-dem-kreuz-vom-folterpfahl-zum-heilszeichen/