Wo früher getauft wurde, kann man nun Konzerte hören und Bier trinken: Neues Leben in alter Kirche

Immer weniger Menschen gehen in die Kirche. Konsequenz: Manche katholischen Kirchen stehen leer. Kirchgemeinden machen sich deshalb Gedanken, wie sie ihre wertvollen, historischen Immobilien verwenden können. Im luzernischen Buchrain wird die alte Dorfkirche St. Agatha als Kulturraum genutzt. Mit Erfolg.

Wolfgang Holz  

Im Vordergrund stehen dort, wo früher die Kirchenbänke platziert waren, ein Gastraum mit Stühlen und Tischen. Darüber spannt sich eine Holzkonstruktion, von deren Balken Glühbirnen hell in den Raum strahlen. Im Hintergrund sowie rechts und links von dem Gastraum hängen noch barocke Heiligenbilder und Gemälde vom Kreuzgang Jesu. Sogar der Altar ganz hinten steht noch.

Seit 50 Jahren neue Kirche

Wir befinden uns in der ehemaligen alten katholischen Dorfkirche St. Agatha in Buchrain. In der denkmalgeschützten Kirche werden keine Gottesdienste mehr gefeiert. Kein Wunder. Es gibt in der katholischen Kirchgemeinde Buchrain-Perlen in der Luzerner «Agglo» seit 50 Jahren ein neues, modernes Gotteshaus.

An der Kirchgemeinde-Versammlung der katholischen Kirchgemeinde Buchrain vom 23. November 2020 wurde beschlossen, die alte katholische Dorfkirche mit einer Zwischennutzung der Bevölkerung zugänglich und erlebbar zu machen. Der dafür gegründete Verein «AltBar Bueri» ist seit Anfang 2021 für das Projekt und den Betrieb der Zwischennutzung für fünf Jahre verantwortlich.

24 Veranstaltungen pro Jahr

Und das Kulturprojekt, in dessen Rahmen jedes Jahr 24 Veranstaltungen jeweils an den Wochenenden stattfinden, ist gemäss Kommunikationsverantwortliche Judith Steinmann gut angenommen worden.

«Wir haben hier bisher vor allem Konzerte und Lesungen veranstaltet», berichtet Steinmann. Wobei es sich um eher ruhigere Musik handle, keine laute Rockmusik. «Der ehemalige Kirchenraum sorgt sicher für eine sehr spezielle Atmosphäre bei den Konzerten», sagt Steinmann.

200 bis 300 Besucherinnen und Besucher seien schon zu einem der Kulturevents erschienen. Insbesondere in den Sommermonaten, wenn draussen vor der Kirche bestuhlt ist. Dort steht auch eine Buvette, die für das gastronomische Angebot sorgt. Grund: Feuerpolizeilich ist es bis jetzt nicht erlaubt, in der Kirche zu kochen. Es gibt auch noch keine WC-Anlagen.

«Die Aufführungen in der Kirche sind schon eine coole Sache, und die Bevölkerung hat Freude an dem Veranstaltungsort.»

Judith Steinmann, Verein AltBar Bueri

Der Attraktivität tut dies offenbar keinen Abbruch. «Die Aufführungen in der Kirche sind schon eine coole Sache, und die Bevölkerung hat Freude an dem Veranstaltungsort», ist Steinmann überzeugt. Gerade in der Coronazeit sei der Treffpunkt sehr beliebt gewesen. Die Mitarbeitenden von «AltBar Bueri» arbeiten ehrenamtlich und werden von der Kirchgemeinde unterstützt. Miete muss der Verein nicht bezahlen.  

Kein Widerstand unter den Gläubigen

Vorbehalte gegen die Umnutzung der alten katholischen Dorfkirche St. Agatha in Buchrain hat es laut Kirchgemeindepräsident Peter Kaufmann nicht gegeben. «Es gab zwar Stimmen unter den Älteren, dass es schon speziell sei, dass man nun am gleichen Ort ein Bier trinken könne, wo man früher getauft worden sei», erzählt Kaufmann.

Aber es sei in der Kirchgemeinde kein grundsätzlicher Widerstand gegen das Zwischennutzungsprojekt des Vereins «AltBar Bueri» aufgekommen. «Wenn eine Disco oder ein Nachtclub für die Kirche geplant gewesen sei, hätte es sicher anders ausgesehen», so Kaufmann.

Kirche war zu klein

Dabei hat die alte Dorfkirche in der heute 7’000 Seelengemeinde im Luzerner Rontal schon viele Besucher beherbergt. «Die Kirche wurde im 13. Jahrhundert erstmals erwähnt und dann später vermutlich im barocken Stil umgebaut», berichtet der Kirchgemeindepräsident Peter Kaufmann. Das letzte Mal sei das Gotteshaus mit rund 150 Plätzen in den 1930-Jahren umgebaut und erweitert worden.

Doch die Bevölkerungszahl und die Zahl der Gläubigen in Buchrain nahm danach sprunghaft zu. Schon in den 1960er Jahren sei die Kirche zu klein geworden.

Das Stimmvolk der Kirchgemeinde habe es damals aber abgelehnt, eine neue Kirche zu bauen. Vor 50 Jahren war es dann so weit. Die Kirchgemeinde Buchrain-Perlen baute die neue moderne St. Agatha-Kirche gleich in der Nachbarschaft. Das Jubiläum wurde 2022 gefeiert.

Zuerst Reformierte, dann Serbisch-Orthodoxe

Will heissen: In der alten Dorfkirche wurden schon lange keine katholischen Gottesdienste mehr gefeiert. Andere dagegen schon. «Die reformierte Kirchgemeinde Buchrain war gut 20 Jahre lang Nutzerin des Gotteshauses», erklärt Kaufmann. Danach sei sie zwei, drei Jahre leer gestanden – bis die serbisch-orthodoxe Gemeinde rund 14 Jahre lang in der Kirche Gast war.

«Die jetzige Nutzung ist von der Bevölkerung gut angenommen worden und es ist ein neuer Treffpunkt im Dorf entstanden», versichert der Kirchgemeindepräsident. Die Kirchgemeinde haben auch schon einen Apéro veranstaltet.

Und da es so gut läuft, soll 2024 ein Wettbewerb ausgeschrieben werden, um dauerhaft einen Kulturraum mit einem Café einzurichten. «Wir wollen dann auch die alte Kirche für drei bis vier Millionen Franken sanieren – und dafür brauchen wir einen Investor», blickt Kaufmann schon freudig in die Zukunft.

Ehemalige Kapelle als Restaurant

Übrigens. Auch im benachbarten Dierikon LU wurde eine ehemalige Kapelle umgenutzt. In dem Gotteshaus, das der Gemeinde gehörte, wirtschaftet seit 2020 ein edles Restaurant mit stilvollen Tagungsräumen und einem Gym-Angebot.

Die Eigentümerin des Omnia-Restaurants konnte, wie aus kirchlichen Kreisen zu erfahren war, die sakrale Immobilie von der Gemeinde für einen Franken erwerben – musste dann allerdings einiges in den Umbau der baufälligen, nicht denkmalgeschützten Kirche investieren.


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.kath.ch/newsd/wo-frueher-getauft-wurde-kann-man-nun-konzerte-hoeren-und-bier-trinken-neues-leben-in-alter-kirche/