«Dieses Gesöff bricht das Fasten nicht», urteilte Papst Pius V. im 16. Jahrhundert. Er hatte eine heisse Schokolade getrunken und für scheusslich befunden. So wurde die Schokolade zeitweise zur beliebtesten Fastenspeise in Klöstern. Ein kirchenhistorischer Gastbeitrag.
Josef Imbach*
Die Sache nahm ihren Anfang an einem Vormittag des Jahrs 1569, als ein gewisser Fra Girolamo di San Vincenzo von Papst Pius V. zur Audienz vorgelassen wurde.
Der Klosterbruder hat ein Problem, er erstattet Bericht, und er bittet um eine wichtige Entscheidung. Sein Problem ist die Fastenordnung für Klöster, die das Konzil von Trient um 1545 erlassen hatte.
Sein Report handelt von einem braunen Getränk und einer braunen Speise, welche die Einheimischen aus den mandelförmigen Bohnen des Kakaobaumes herstellen. Heute werden diese Dinge unter den Bezeichnungen Kakao und Schokolade gehandelt. Begreiflicherweise fand sich darüber auch nichts in den allgemeinen Fastenanweisungen, an die das Konzil im Jahr des Heils 1563 erinnert hatte. Selbstverständlich hat Fra Girolamo dem Papst ein Muster dieser Weltneuheit mitgebracht.
Gern lässt sich der Papst ein Tässchen Schokolade servieren. Er findet das Zeug scheusslich. Und entscheidet: »Potus iste non frangit jeiunium – Dieses Gesöff bricht das Fasten nicht.« Mit dem gebührenden Respekt sei es vermerkt: Weil Pius V. auf sauer stand, wurde die Schokolade zeitweise in vielen Klöstern zu einer beliebten Fastenspeise.
Grossen Anklang fand das braune Gebräu auch bei der feinen Damenwelt Neuspaniens. 1648 berichtet der englische Jesuit Thomas Gage, dass vornehme Señoras darauf hielten, sich eine Tasse Schokolade in die Kirche bringen zu lassen.
Bis der Bischof, der sich von den damit verbundenen Umtrieben in seiner Predigt gestört fühlte, all jenen mit Exkommunikation drohte, die sich erkühnten, während des Gottesdienstes feste oder flüssige Nahrung zu sich zu nehmen. Danach hatte seine Exzellenz Ruhe. Genauer ausgedrückt, danach fand er seine Ruhe. Tatsache ist, dass die Damen fortan die Messe boykottierten – und der Bischof kurz darauf starb, einer nicht unbegründeten Ansicht zufolge an einer Tasse vergifteter Schokolade.
Gerüchtweise drang die Sache bis nach Rom. Dort verfiel Kardinal Francesco Maria Brancaccio im Jahr 1662 in halblautes Nachdenken. Er erwog, ob man den Brauch der neuspanischen Damen nicht doch in etwas modifizierter Form weiterhin pflegen und nach der Morgenmesse ein Tässchen heisse Schokolade zu sich nehmen könne.
Es waren nicht die livrierten Bediensteten, sondern hellhörige Mönche, die den Wink des geistlichen Würdenträgers als Erste verstanden und ihm jeweils nach dem Gottesdienst in der Sakristei mit einer Tasse dampfender Schokolade aufwarteten. Was den Kardinal veranlasste, 1666 in Rom eine gelehrte Abhandlung mit dem Titel Dissertatio de potu chocholatis in Druck zu geben, in welcher er den Nachweis erbringt, dass der Genuss dieses Getränks das Fasten nicht bricht.
Er war übrigens nicht der einzige Gottesgelehrte, der sich mit dieser delikaten Frage auseinandersetzte. Der ebenso demütige wie gelehrte Dominikanermönch Daniele Concina, welcher sich in seinen Schriften vorwiegend mit moralischen Spitzfindigkeiten abplagte und sich gelegentlich auch über weltliche Dinge wie Theateraufführungen ausliess, griff das Thema ebenfalls auf und publizierte 1748 ein Booklet unter dem Titel «Memorie storiche sull’uso della cioccolata nei giorni di digiuno» (Historische Erwägungen über den Genuss von Schokolade während der Fastenzeit).
Darin gelangt er nach langem Hin und Her und einigem Wenn und Aber zu dem umwerfenden Schluss, dass man nicht gegen die kirchlichen Fastenregeln verstösst, wenn man Schokolade in Massen zu sich nimmt. Wohlgemerkt, zu sich nimmt, nicht etwa geniesst – denn wer nicht auf Grund eines körperlichen Bedürfnisses, sondern allein um des gottlosen Genusses willen isst oder trinkt, macht sich nach Ansicht einiger damaliger Moraltheologen der Gaumenlust schuldig. Das will heissen, er begeht eine – zumindest lässliche – Sünde.
Dennoch sollte man sich davor hüten, leichte Verfehlungen auf die leichte Schulter zu nehmen. Denn wie der stete Tropfen den Stein schliesslich höhlt, vermögen die lässlichen Sünden auf Dauer selbst hart gesottene Individuen in verweichlichte Sünderexistenzen zu verwandeln.
So verwundert es nicht, dass gerade eine so geringe Sache wie die Kakaobohne zu unzähligen kontroversen Disputen und kämpferischen Debatten Anlass gab – was wiederum kirchenhistorisch wie auch sittengeschichtlich und, indirekt, sogar in soziologischer und medizinischer Hinsicht, nicht ganz uninteressant ist.
So bildeten sich manche Kirchendiener ein, dass der Genuss von Schokolade die sexuelle Lust stimuliere. Daraus wiederum schlussfolgerten sie, dass der Kakaogenuss dem Fasten zuwiderlaufe, welches ja hauptsächlich gepflegt werde, um dieses Verlangen zu mindern. Dieser Meinung war auch der Italiener Francesco Felini, der die These vertrat, Schokolade sei nun einmal nicht bloss eine Speise, sondern, Gott sei’s geklagt, auch ein effizientes Aphrodisiakum.
Eine gegenteilige Ansicht verfocht Felinis Landsmann Giovanni Battista Gudenfridi in einer 1680 in Florenz erschienenen Replik. Wobei dieser nicht etwa ernährungswissenschaftliche Argumente ins Feld führt, sondern sich um eine streng theologische Beweisführung bemüht. Zu diesem Zweck rekurriert er auf die heilige Rosa von Lima, die 1617 verstarb, ein knappes halbes Jahrhundert bevor der bereits erwähnte Kardinal Brancaccio der Nachdenklichkeit verfiel.
Eines Tages, so lesen wir bei Gudenfridi, habe die heilige Rosa völlig erschöpft, atemlos und körperlich geschwächt nach einem viele Stunden dauernden geistlichen Höhenflug an ihrer Seite einen Engel gewahrt, der ihr eine Tasse Schokolade reichte, dank derer ihre Kräfte zurückgekehrt und die Lebensgeister wieder erwacht seien.
Nun frage ich den Signor Cavaliere Felini, was er von diesem Engel hält. Glaubt er, dass es sich um einen Engel der Finsternis handelte oder um einen Boten des Lichts? War er verdorben oder war er gut? Er kann ihn nicht für schlecht halten, ohne den Historiker zu beleidigen, der unser uneingeschränktes Vertrauen verdient. Falls es aber ein guter Engel war, wie könnte dieser dann die Jungfrau mit Schokolade gestärkt haben, wenn diese Gift für die Keuschheit wäre? Wenn Schokolade in die Adern derer, die davon trinken, den Geist der Lüsternheit weckte, hätte ein guter Engel einer Jungfrau, die doch ein Tempel des Heiligen Geistes ist, auch nicht den kleinsten Schluck davon verabreicht. Falls die Schokolade ein Teufelssaft wäre, wie könnte Gott dann befehlen oder auch nur zulassen, dass ausgerechnet ein Engel einer seiner Bräute einen solchen Trank verabreichte?
Zu dieser Anschauung neigte, vermutlich eher aus persönlichen und geschmacklichen Gründen, seinerzeit schon Kardinal Brancaccio. Schokolade, meint er, sei zweifellos ein Nahrungsmittel, wenn man ihr, wie in Spanien üblich, Brotkrumen hinzufüge, oder wenn man sie in fester Form verzehre.
Mit blossem Wasser aufgegossen hingegen sei sie eindeutig ein Getränk wie Bier oder Wein, deren Genuss in der Fastenzeit erlaubt sei. Ausserdem habe Kakao eine medizinische Wirkung: »Er stellt die natürliche Körperwärme wieder her, erzeugt reines Blut, belebt das Herz und stärkt die natürlichen Fähigkeiten.»
Überdies, so stehe es zumindest in der Bibel, sei der Sabbat für den Menschen da, aber doch nicht der Mensch für den Sabbat! Ergo breche man mit diesem Getränk das Fasten nicht. Und selbst wenn dem so wäre, stünde immer noch ausser Zweifel, dass die Fastenvorschriften nicht auf einem göttlichen Gebot, sondern auf kirchlicher Gesetzgebung beruhten. Und die sei, Gott sei’s gedankt, nicht unwandelbar!
Nachzutragen bleibt, dass Francesco Maria Brancaccio ausgerechnet für seine subtilen Überlegungen in Sachen Fastenvorschriften den Kardinalshut bekam.
*Josef Imbach (77) ist ein Schweizer Theologe und Franziskaner. Von 1975 bis 2002 war er Professor für Fundamentaltheologie an der Päpstlichen theologischen Fakultät San Bonaventura in Rom. 2002 entzog ihm der Vatikan die Lehrerlaubnis mit der Begründung, er glaube weder an die Gottheit Jesu und noch an Wunder. Von 2005 bis 2010 war er Lehrbeauftragter für Katholische Theologie an der Theologischen Fakultät der Universität Basel.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
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