Die Supermärkte sind voll von Osterhasen und Schoggieiern – trotz Fastenzeit. Die Sündentheologie der Kirche habe dazu geführt, dass der Konsum von Schokolade in der Fastenzeit mit Sünde in Verbindung gebracht werde, so Lukas Niederberger (58), Ex-Jesuit und katholischer Publizist. Er plädiert für geistiges Fasten und spirituelles Wachstum.
Wolfgang Holz
Mögen Sie Schoggihasen und Schoggieier?
Lukas Niederberger*: Ich mag Schokolade sehr gerne. Aber ich kaufe mir keinen Schoggihasen.
Wir befinden uns in der Fastenzeit. Gleichzeitig wird man in den Supermärkten geradezu von Osterhasen und Schoggieiern erschlagen. Was sagen Sie dazu?
Niederberger: Offenbar gibt es logistische und Marketing mässige Gründe, warum Produktion und Verkauf einen mehrmonatigen Vorlauf haben.
«Manche haben an Weihnachten keine Lust mehr auf Weihnachtsmusik und an Ostern keine Lust mehr auf Osterhasen.»
Finden Sie es aber nicht stossend, dass in den Supermärkten zum Beispiel Fasnacht schon nach Weihnachten startet, das Osterfest schon im Februar und Weihnachten im Oktober? Wird einem dadurch nicht die Vorfreude auf wichtige religiöse Feiertage geraubt?
Niederberger: Das Risiko dieser langen Vorlaufszeiten ist tatsächlich, dass manche an Weihnachten keine Lust mehr auf Weihnachtsmusik und an Ostern keine Lust mehr auf Osterhasen haben.
Darf man sich als gläubiger Katholik in der Fastenzeit aus Ihrer Sicht solchen süssen Verführungen hingeben – oder sollte man das einfach mit einem souveränen Lächeln quittieren?
Niederberger: Fast alle Religionen haben in den letzten 5’000 Jahren teils rigorose Essens- und Fastenregeln aufgestellt. Manchmal steckten pragmatische Gründe wie Nahrungsmittelknappheit, Epidemien, einseitige und ungesunde Ernährungsweisen oder hygienische Probleme hinter den Geboten und Verboten. Der eigentliche Hintergrund für die religiösen Fastengebote ist jedoch die Erfahrung, dass längerer Verzicht auf äussere Nahrung die Sehnsucht nach innerer Nahrung weckt.
Bedeutet das, dass der Verzehr von Schokolode in der Fastenzeit in Ordnung ist?
Niederberger: Mir ist es persönlich egal, wenn jemand am Aschermittwoch oder Karfreitag Schokolade isst. Nicht egal ist es mir hingegen, wenn Leute übers Wochenende nach Barcelona oder für eine Tauchwoche in die Malediven fliegen.
«Selbst Nicht-Kirchliche sprechen heute von Sündigem, wenn sie Süsses essen.»
Aber warum Schokolade ja, und Barcelona nein? Das müssen Sie mir erklären. Liegt es in Sachen Flugreisen etwa am bedenklichen Umgang mit dem Klima?
Niederberger: Richtig. Sie haben Ihre Frage quasi selbst beantwortet. Die katholische Kirche hat in der Vergangenheit eine Sündentheologie vermittelt, die zu absurdem und neurotischem Denken und Verhalten geführt hat. Selbst Nicht-Kirchliche sprechen heute von Sündigem, wenn sie Süsses essen, aber haben keinerlei schlechtes Gewissen, wenn sie die Umwelt zerstören.
Wie halten Sie es denn persönlich mit dem Fasten?
Niederberger: Ich faste jedes Jahr zehn Tage lang und gehe in dieser Zeit jeweils mit drei, vier Freunden wandern. Ich habe auf diese Weise wunderschöne Gegenden der Schweiz kennengelernt. Die Verbindung von Fasten, Wandern und Schweigen ist wunderbar.
«Die Menschheit braucht ein geistiges und spirituelles Wachstum.»
Welchen Sinn hat das Fasten aus Ihrer Sicht heutzutage überhaupt noch?
Niederberger: Das Fasten als Nahrungsverzicht zu Gunsten einer spirituellen Einkehr hat in den letzten 30 Jahren an Bedeutung gewonnen – auch und gerade ausserhalb der offiziellen Religionen. Ich bin überzeugt, dass die Religionen aber das Fasten inhaltlich neu füllen könnten und sollten.
Wie soll das gehen?
Niederberger: Die Menschheit darf Wachstum in Zukunft nicht mehr einseitig quantitativ verstehen und leben. Denn dies geht auf Kosten der begrenzten natürlichen Ressourcen. Die Menschheit braucht ein geistiges und spirituelles Wachstum. Die Kirchen und Religionen könnten ein Fasten entwickeln, das uns einen vernünftigen Umgang mit natürlichen Ressourcen lehrt und die Lust auf geistige und spirituelle Nahrung weckt.
«Also, ich besitze weder einen Fernseher noch ein Smartphone.»
Als früherer Leiter des Lassalle-Hauses kennen Sie sicher solche geistigen Formen des Fastens. Können Sie welche empfehlen?
Niederberger: Meinen Sie etwa den Verzicht auf Fernsehen oder Social Media?
Ja, unter anderem.
Niederberger: Also, ich besitze weder einen Fernseher noch ein Smartphone. Aber ich habe dies noch nie als Verzicht oder als ein geistiges Fasten empfunden. Ganz im Gegenteil, ich gewinne dadurch jeden Tag Stunden, um mich geistig und spirituell zu nähren.
Wie fasten Sie denn zur Zeit geistig konkret?
Niederberger: Vor einigen Tagen habe ich begonnen, Thomas Manns «Zauberberg» zu lesen. Gute Lektüre ist Nahrung für Geist und Seele. Die Fastenzeit sehe ich als Chance, mir die Frage zu stellen: Welche Nahrung ist sinnvoll für meinen Leib, meinen Geist und meine Seele? Und wie weit ist mein Konsum nachhaltig und verantwortungsvoll.
* Lukas Niederberger ist katholischer Publizist, Kursleiter und Ritualbegleiter. 1985 trat er in den Jesuitenorden ein, studierte Philosophie in München und Theologie in Paris.Er wirkte von 1995 bis 2008 in der Leitung vom Lassalle-Haus in Edlibach mit. Im Sommer 2007 ist er aus dem Jesuitenorden ausgetreten. Von 2013 bis 2022 leitete er die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft (SGG). Seit 1. Februar 2023 ist er Geschäftsführer der Hamasil-Stiftung in Zürich.
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