Mainzer Missbrauchsstudie will Ursachen und Umfeld erhellen

Fast im Monatsrhythmus werden in Deutschland Untersuchungen über sexuellen Missbrauch in Bistümern vorgestellt. Die im Bistum Mainz erwartete Studie hat ein ehrgeiziges Ziel: Sie will an die systemischen Ursachen der Taten heran.

Norbert Demuth

Nach fast vierjährigen Recherchen wird am nächsten Freitag (3. März) die Studie zu sexuellem Missbrauch im Bistum Mainz vorgestellt. Rund 1000 Seiten wird dem Vernehmen nach der Abschlussbericht der Untersuchung umfassen, mit der der Regensburger Rechtsanwalt Ulrich Weber im Juni 2019 vom Bistum Mainz beauftragt wurde.

Als unabhängiger Ermittler sollte er Missbrauchsfälle in der Diözese seit 1945 aufklären. Weber hat als Sonderermittler Erfahrung: Er zeichnete bereits 2017 für die Aufklärungsstudie über körperliche und sexuelle Gewalt bei den Regensburger Domspatzen verantwortlich.

«In welchen Abgrund werden wir blicken müssen?»

Die Mainzer Bistumsleitung betont, dass sie die Ergebnisse von Webers Studie selbst erst am 3. März «zur Kenntnis bekommen» wird. Von einem «mulmigen Gefühl» und grosser Anspannung sprach der Mainzer Weihbischof und Generalvikar Udo Markus Bentz am Aschermittwoch in einer Predigt: «In welchen Abgrund werden wir blicken müssen?»

Als Weber im Oktober 2020 einen Zwischenbericht vorstellte, sprach er bereits von einem «Fehlverhalten» früherer Bistumsleitungen im Umgang mit Fällen sexueller Gewalt. Das betreffe auch die Amtszeiten der bis heute populären Kardinäle und langjährigen Mainzer Bischöfe Karl Lehmann (1983 bis 2016) und Hermann Volk (1962 bis 1982).

Bistumsleitung reagierte häufig mit Versetzung von Tätern

Waren das nur Fehler oder auch bewusste Vertuschungen? Dazu sagte die heute für die Missbrauchsthematik im Bistum Mainz zuständige Bevollmächtigte des Generalvikars, die Theologin Stephanie Rieth, der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) im Oktober: «Da sind sicher Dinge geregelt, geklärt oder vermeintlich gelöst worden, wie ich sie heute nicht mehr lösen würde. Denn wir lernen erst in der jüngeren Vergangenheit, konsequent die Betroffenenperspektive einzunehmen.»

Weber hatte in seiner Zwischenbilanz mit Blick auf frühere Mainzer Bistumsleitungen davon gesprochen, dass eine häufige Reaktion auf Missbrauchsfälle «einzig die Versetzung in eine andere Pfarrei gewesen» sei.

Systemische Ursachen erkennen

Dennoch: Die Missbrauchsstudie dürfte keine «Lehmann-Studie» werden. Jedenfalls ist ihr Ansatz umfassender – sie könnte dazu beitragen, dass man endlich versteht, warum es zu so massivem Missbrauch im Raum der Kirche kommen konnte. Der seit August 2017 amtierende Mainzer Bischof Peter Kohlgraf betonte, Webers Studie sei «bewusst keine juristische». Das Bistum wolle «die systemischen Fragen verstehen, die in der Kirche dazu beitragen, dass sexuelle Gewalt nicht verhindert oder sogar befördert wird».

Rieth erläuterte: «Die Erschütterung wird nicht so sehr wie in Köln oder München in der Fülle der aufgeführten Einzelfälle liegen. Vielmehr erhoffe ich mir von der Mainzer Studie, dass wir in puncto gesamtgesellschaftliche Aufarbeitung in eine neue Phase kommen. Wir müssen an systemische Ursachen des Missbrauchs in der katholischen Kirche dran.»

Warum das «unerschütterliche Vertrauen» in Priester?

Das will offenbar auch Weber. Am Freitag schrieb er in seiner Presseeinladung, die Studie wolle vorrangig Antworten darauf geben, wie es sein konnte, dass eine Bistumsleitung «trotz klarer Indizien für eine Täterschaft Priestern ein unerschütterliches Vertrauen» entgegengebracht habe. Ausserdem wolle sie beantworten, wie es möglich gewesen sei, dass das Umfeld von Missbrauchsbetroffenen Taten von Klerikern mit deren «gutem seelsorgerischen Wirken» aufwiege und relativiere. Die Studie wird wohl auf «Dynamiken» im Umfeld von Missbrauch eingehen, etwa in Pfarreien. Sie trägt den Titel «Erfahren. Verstehen. Vorsorgen» (EVV).

Mehr Beschuldigte als in der MHG-Studie

Weber wies 2020 darauf hin, dass sich die Zahl der Fälle im Bistum Mainz in seiner Studie von den Ergebnissen der 2018 veröffentlichten MHG-Studie unterscheiden. Diese hatte in den Akten aus der Zeit zwischen 1946 und 2017 für das Bistum Mainz 53 beschuldigte Geistliche und 169 Betroffene identifiziert.

«Nach Kontakten mit 50 Betroffenen und 75 Wissensträgern sowie intensiver Prüfung von Dokumenten und Archivdaten gehen wir Stand heute von 273 Beschuldigten zu Lasten 422 Betroffener aus», erklärte Weber in seinem Zwischenbericht. Allerdings nimmt er nicht nur Kleriker in den Blick, sondern auch andere kirchliche Angestellte – und nicht nur Übergriffe an Kindern und Jugendlichen, sondern auch an erwachsenen Schutzbefohlenen.

«Schritt der Aufarbeitung massiven Unrechts»

Kohlgraf sprach von einem «Schritt der Aufarbeitung massiven Unrechts». Und Bentz widersprach vorsorglich jenen, die beklagen, dass Kirche derzeit in der Öffentlichkeit vor allem mit Missbrauch verbunden werde. Er setzte dem entgegen: «Zu viel Leid ist im Verborgenen geschehen. Zu viel hat man versucht, verborgen zu halten.» (kna)


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https://www.kath.ch/newsd/mainzer-missbrauchsstudie-will-ursachen-und-umfeld-erhellen/