Missbrauch, Nonnen, Nervengas: Warum die Netflix-Serie «Kämpferinnen» sehenswert ist

Die Netflix-Serie «Kämpferinnen» («Les Combattantes») lässt kein Klischee aus. Und trotzdem lassen sich die acht Folgen der Serie bestens bingen. Das Drama spielt im I. Weltkrieg und handelt von Prostituierten, Nonnen und einer Soldatengattin mit dunkler Vergangenheit. Es geht aber auch um sexuellen Missbrauch in der Kirche.

Annalena Müller

September 1914 in den Vogesen. Der Krieg ist erst ein paar Wochen alt, die Front und die Grenze sind nah. Suzanne ist auf der Flucht in Richtung Schweiz. Die Krankenschwester hat in Paris eine Abtreibung vorgenommen, bei der ihre Kundin verblutet ist. Der Ehemann der Toten sinnt auf Rache. Als Suzannes Fluchthelferin erschossen wird, nimmt Suzanne deren Identität an und rettet sich in das Städtchen Saint-Paulin. Das Zentrum der Stadt ist die Militärkommandantur und das staatlich anerkannte Bordell, in dem sich die zahlreichen Soldaten vergnügen.

Die Äbtissin und der deutsche Soldat, der Priester und die Novizinnen

Suzanne alias Jeanne findet ausgerechnet im Konvent von Saint-Paulin Zuflucht. Dort kümmert sich die Krankenschwester zusammen mit der Priorin Agnès und den Nonnen um die Verwundeten. Unter ihnen ist auch ein junger Mann, der äusserlich unverletzt scheint. Vom Trauma des Krieges gezeichnet hat er die Sprache verloren. Bald stellt sich der vermeintlich Stumme als deutscher Frontflüchtling heraus, in den sich die Priorin auch noch verliebt. 

Nicht Liebe, sondern Machtmissbrauch kennzeichnet die Beziehung des Abtes Vautrin zu den Novizinnen des Klosters. Als die Novizin Geneviève von ihm schwanger wird und Selbstmord begeht, läuft die kirchliche Vertuschungsmaschinerie an. Neben Vautrin übt auch der Bischof von Nancy Druck auf Agnès aus, über den Missbrauch des Abtes zu schweigen. Die klerikale Kirche schliesst die Reihen – und vertuscht den Missbrauch, der anderenorts weitergehen wird. Agnès bleiben nur die Wut gegen die Männer der Kirche und die Scham ob ihrer eigenen fleischlichen Schwäche.

Unternehmergattin mit lesbischer Vergangenheit, die Hure und der Elitesoldat

Caroline Dewitt ist eine weitere Protagonistin, bei der Vieles anders ist, als es zunächst scheint. Die Unternehmergattin übernimmt die Fabrik ihres Mannes, als dieser zusammen mit der gesamten Belegschaft an die Front muss. Mit den zurückgebliebenen Ehefrauen rettet Caroline die Fabrik vor dem Bankrott. Anstelle von Lieferwagen produzieren sie nun Krankenwagen für die Front. 

Aber Caroline wird von ihrer Vergangenheit eingeholt. Und zwar in Form von Marguerite, einer Pariser Prostituierten. Marguerite heuert im Bordell von Saint-Paulin an, um in der Nähe ihres Sohnes zu sein. Ihr Sohn ist seines Zeichens Elitesoldat und ahnt nichts von seiner sündhaften Abstammung. Und Marguerite ist nicht nur Prostituierte und heimliche Mutter, sondern auch die frühere Geliebte von Caroline.

Eine kitschige Seifenoper mit vielen aktuellen Bezügen

Die Serie ist eine Co-Produktion des französischen Privatsenders TF1 und Netflix. Abgesehen von einer beeindruckenden Besetzung bietet «Kämpferinnen» eindrückliche Bilder und eine emotionale Storyline. Die Geschichte der Serie ist dabei oftmals fast grotesk überzogen. Wer sich alles in wen verliebt, während alle ständig um ihr eigenes Leben und das ihrer Lieben fürchten, ist schon beeindruckend. 

Auch nehmen sich die Macherinnen und Macher der Serie einige Freiheiten bezüglich historischer Ereignisse. So wird in Saint-Paulin bereits im September 1914 mit Giftgas gekämpft. In der Realität geschah dies erstmals im April 1915 im belgischen Ypern. Nichtsdestotrotz fesselt die Miniserie. Gerade weil viele der Themen Kriegstraumata, Glaube, Liebe und klerikaler Machtmissbrauch brandaktuell sind. Und weil es der Serie gelingt, diese Themen mit viel Kitsch leicht verdaulich zu präsentieren. 


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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