Pater Andri Tuor (48) vermisst im Kloster Engelberg das Feuer für ein Leben mit Christus – und macht bald in Hildesheim eine Auszeit. Abt Christian Meyer (56) sagt: «Pater Andris Weggang ist für unser Kloster Engelberg sehr schmerzlich.» Doch einen Kritikpunkt weist er zurück.
Magdalena Thiele
Der Rektor Ihres Internats, Pater Andri Tuor, verlässt das Kloster Engelberg. Er vermisst hier das Feuer für ein Leben mit Christus. Spüren Sie dieses Feuer in Engelberg noch?
Abt Christian Meyer*: Das tue ich, jeden Tag. Ich versuche, mein Amt als Abt jeden Tag mit Herzblut zu erfüllen. Unsere Brüder tun das ebenso – allerdings lodert das sichtbare Feuer bei über 80-Jährigen eventuell ein bisschen anders. Die meisten unserer Brüder befinden sich in einem Alter, in dem sie den Dingen mehr mit Gelassenheit begegnen.
Wie etwa den Fortgang von Pater Andri? Er bedauert, dass kaum ein Mitbruder ihn darauf angesprochen habe.
Meyer: Wer dieses Feuer, von dem wir sprechen, in einer Gemeinschaft spüren will, muss auf die Mitbrüder zugehen und das Gespräch suchen. Er muss das Feuer in der Begegnung und im persönlichen Gespräch etwas herauskitzeln.
«Es braucht eine direkte Ansprache, um das Feuer in seinen Mitbrüdern zu wecken.»
Ich habe beispielsweise einen 83 Jahre alten Mitbruder gebeten, mir bei der Erneuerung unserer Satzung zu helfen. Er war schon einmal in den 1980er-Jahren damit befasst. Er hat sich mit Begeisterung der Sache angenommen und alles niedergeschrieben – da spürt man das Feuer. Es braucht eine direkte Ansprache, um das Feuer in seinen Mitbrüdern zu wecken.
Ist das auch eine Generationenfrage?
Meyer: Das ist eine Charakterfrage. Natürlich sträubt sich eine ältere Gemeinschaft eher gegen Veränderungen – eine jüngere ist generell beweglicher.
Kommt das originäre Mönchsein in der Gemeinschaft in Engelberg zu kurz?
Meyer: Wann ist man denn ein Mönch? Das zu definieren ist meines Erachtens sehr schwierig. Das Mönchsein hat ein sehr breites Spektrum, das zeigt ja auch die Ordenslandschaft in unserer katholischen Kirche auf. Es gibt die Benediktiner, die Franziskaner, die Dominikaner, die Kamillianer, die Kartäuser, die Augustiner-Chorherren. Es gibt also nicht den einen Mönch. Es ist immer ein individuelles Herantasten an diese Lebensweise.
Trotzdem kann Pater Andri in Engelberg das Mönchsein nicht so leben, wie er es gerne würde.
Meyer: Einiges wird durch die Spiritualität und die Aufgaben des Ordens dem Mönch quasi als Korsett mitgegeben und Vieles hängt davon ab, wie er seine Berufung gestaltet und ihr eine Form gibt. Ich denke, das ist eine sehr persönliche Sache. Die einen stürzen sich in die Arbeit hinein und halten nur die Gebetszeiten ein. Andere bevorzugen das Zurückgezogensein. Sie möchten so wenig Kontakt wie möglich haben – und stattdessen mehr Ruhe und Stille. So viele Mönche, wie ich hier im Kloster Engelberg habe, so viele Ansichten gibt es über das Mönchsein.
Wie würden Sie Ihr Mönchsein definieren? Wieviel Anbetung gehört dazu, wie viel Arbeit?
Meyer: Beides sollte sich in einem guten Rhythmus abwechseln oder sich ergänzen. Es gibt natürlich Tage, da muss ich mir die Gebetszeiten richtig erzwingen oder mindestens nachholen, damit ich innerlich zur Ruhe komme. Aber es gibt genauso Wochen und Tage, wo es ruhiger ist. Was dabei als stressig empfunden wird, ist von Mensch zu Mensch oder zu Mönch zu Mönch verschieden.
«Früher haben wir oft Karten gespielt am Sonntag. Das machen wir heute nicht mehr.»
Wie hat sich das Mönchsein mit der Zeit verändert?
Meyer: Es hat sich Vieles im Klosteralltag gewandelt. In den 1960er-Jahren wurde zum Beispiel das erste Gebet von 4.15 Uhr auf 5.15 Uhr verlegt. Heute stehen wir um 5.30 Uhr auf. Aber auch das Gemeinschaftsleben hat sich verändert: Früher haben wir oft Karten gespielt am Sonntag. Das machen wir heute nicht mehr. Und generell gab es mehr gemeinsame Aktivitäten. Leider wurde Vieles aus Spargründen abgeschafft. Dafür besteht die strikte Trennung zwischen Brüdern und Patres so nicht mehr, also zwischen Laien und Priestern. Heute räumen wir gemeinsam den Tisch ab.
Ebenso hat sich die Struktur des gesellschaftlichen Lebens geändert in den letzten 50 Jahren. Das Singleleben steht hoch im Kurs, weil viele eine gewisse Freiheit darin erkennen. Das Fromme oder das Religiöse schwindet nicht an sich, aber das Wissen darum. Die Religion spielt in der Gesellschaft keine grosse Rolle mehr.
Werden Sie Pater Andri vermissen?
Meyer: Sein Weggang ist für unser Kloster Engelberg sehr schmerzlich. Ich denke auch weiterhin: Das hier ist der richtige Platz für ihn. Er ist ein grossartiger Schulrektor und Mitbruder. Aber ich möchte als Abt auch, dass es meinen Brüdern gut geht. Deshalb unterstütze ich Pater Andris Wunsch nach Veränderung. Ich habe ihn für drei Jahre freigestellt von seinen hiesigen Verpflichtungen. Diese Zeit wird er nutzen, um seine Berufung zu prüfen und vertiefen.
Können Sie Pater Andri verstehen?
Meyer: Ich selbst hatte vor etwa 15 Jahre eine Zeit, die ich Berufungskrise nenne. Sie dauerte etwa ein Jahr – ich habe Vieles hinterfragt in diesen Monaten. Ich verstehe Pater Andris Beweggründe sehr gut. Jeder geht damit anders um. Ich bin damals hier in Engelberg geblieben, habe sehr viele Gespräche geführt und mir bewusste Auszeiten genommen. Wenn Pater Andri meint, die kamaldulensische Lebensweise entspreche mehr seiner Vorstellung vom Mönchsein, ist das in Ordnung. Er soll es ehrlich prüfen und ebenso so soll ihn dort die Gemeinschaft prüfen.
Darf er zurückkommen?
Meyer: Jederzeit. Wichtig ist für mich, dass es religiös weitergeht für ihn. Würde er als Modedesigner oder in irgendeinem Beruf weitermachen, wäre das schwierig für mich.
* Abt Christian Meyer (56) steht dem Benediktinerkloster Engelberg vor.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/nach-kritik-von-pater-andri-jetzt-spricht-abt-christian/