Rund 300 Teilnehmende kamen zum Caritas-Forum in Bern. «Das System ist schuld an der Vererbung der Armut, nicht die Menschen», lautete in Statement. Caritas-Präsidentin Monika Maire-Hefti appellierte, Menschen vor Ausbeutung zu schützen. Ebenso bedarf es einer besseren Familienpolitik in der Schweiz. Namhafte kirchliche Vertreter fehlten.
David Meier
In Caritas-rot erstrahlt das Eventforum in Bern an diesem Freitag. Andere würden vielleicht sagen: Schweizer-rot. Oder SP-rot. Alles Bezeichnungen sind für die anstehende Tagung passend. Denn Organisator des Forums 2023 über «Ungleichheit in der Schweiz» ist die Caritas Schweiz. Die Vorträge zum Thema sind in ihrer Stossrichtung in vielem deckungsgleich mit den Ideen der Sozialdemokratischen Partei. Dass die Veranstaltung aber keinem parteipolitischen Programm folgt, wird schnell klar. Viel zu gravierend sind die Probleme, die sich durch die wachsende Ungleichheit ergeben – in der Schweiz und weltweit.
In der Schweiz haben über die Hälfte der Einwohnerinnen und Einwohner kein Vermögen. Der Tieflohnsektor bleibt trotz starker Teuerung stabil, mittlerweile sind selbst mittlere Einkommensklassen von höheren Kosten stark betroffen, besonders auch Familien.
Eindringlich sind deshalb auch die Worte, die Monika Maire-Hefti zu Tagungsbeginn wählt: «Meschen mit Migrationshintergrund werden im Billiglohnsektor ausgebeutet.» Die neue Caritas-Präsidentin appelliert dazu, diese vor Ausbeutung zu schützen.
Die Schweizer Familienpolitik bezeichnet Maire-Hefti als «schlecht». Diese müsse verbessert werden. Solidarität nütze nichts, solange die politischen Rahmenbedingungen nicht stimmen, sagt die Caritas-Präsidentin. Der Hebel dafür ist klar: Die öffentliche Hand muss im Bildungsbereich und bei den Familien mehr Geld ausgeben. Dies kann erreicht werden, wenn der Steuerwettbewerb zwischen den Kantonen und den Kommunen endlich beendet wird. Dass dies schwer umsetzbar ist, ist den Anwesenden ob jüngster Abstimmungsergebnisse klar. Trotzdem sind Erbschafts- und Vermögenssteuern an diesem Tag noch vermehrt Thema.
So auch im Referat von Oliver Hümberlin. Er verweist darauf, dass die Vermögen in der Schweiz immerhin zu einem kleinen Teil versteuert werden, was in den meisten Ländern nicht der Fall ist. Ob er glaube, dass die Einschränkung des Steuerwettbewerbs und eine Erbschaftssteuer an der Urne dereinst durchkommen werden? Er zeigt sich etwas resigniert. Es sei schwierig, solche Anliegen durchzubringen, solange es keine internationalen Regelungen gebe.
Für grosses Erstaunen sorgt folgende Feststellung: Der reichste Schweizer, Guillaume Pousaz, hat ein geschätztes Vermögen von 23 Milliarden Franken. Würde man dafür während 20 Jahren 100 Prozent arbeiten, so hätte man einen Stundenlohn von 575›000 Franken. Es sind unvorstellbare Zahlen, die die Gäste staunen lassen.
Wenn schon gerade die Rede vom Geld ist: Die Teilnahme am Anlass kostet 250 Franken. Für Studierende wird ein Rabatt gewährt, trotzdem bezahlen sie noch 100 Franken. «Zu viel», wie beim Kaffee zu hören ist. Die Tagung könnte noch viel mehr Menschen erreichen, wenn sie mehr beworben würde und auch weniger tief in den Geldbeutel gegriffen werden müssten. Immerhin zeigt ein Rundumblick: Das Publikum ist gut durchmischt, man blickt trotz des Preises in viele junge Gesichter.
Die Jungen sind auch Thema im Referat von Konstantin Kehl. Er präsentiert erste Ergebnisse aus der Evaluation des Patenschaftsprojekts «mit mir» der Caritas. Dabei kümmern sich rund 330 Paten um Kinder aus benachteiligten Familien. Es zeigt sich: Die Zufriedenheit ist gross. Die Paten schätzen die Möglichkeit, sich in den Dienst der Gesellschaft stellen zu können und bei ihrem sozialen Engagement auch etwas zurückzubekommen. Die Eltern wiederum freuen sich für ihre Kinder, denen Dinge ermöglicht werden, die sie sich nicht leisten können. Die Kinder sind ebenfalls glücklich, auch wenn aussagekräftige Resultate wohl nochmals einige Jahre auf sich warten lassen.
Michael Zeier und Markus Christen von der internationalen Bewegung ATD Vierte Welt erzählen in der Folge über ihre Bewegung, in der vor allem Direktbetroffene zu Wort kommen. Sie treffen sich mit Wissenschaftlerinnen und Fachleuten. Sie alle engagieren sich ehrenamtlich.
Während ihrer Präsentation gibt es immer wieder zustimmendes Raunen aus dem Saal. Mit ihren Schilderungen treffen sie den Nerv der Zuhörenden. «Armut wird weggesperrt», «Die Gesetze sind nicht für uns gemacht» und «Das System ist schuld an der Vererbung der Armut, nicht die Menschen» sind Aussagen, die einfahren. Viel zu oft fühlten sich die Armen ausgegrenzt, fremdgesteuert oder isoliert. ATD Vierte Welt will ihnen eine Stimme geben, für sie lobbyieren. Das ist Ziel und nächster Schritt im Prozess, der verfolgt wird. Die Resultate aus den Diskussionen werden nun an die Öffentlichkeit getragen – und somit auch in Kreise, die in der Politik Einfluss nehmen können.
Angela Müller von Algorithm Watch berichtet über die Herausforderungen im Internet, die zu verstärkter Armut führen können. Carlo Knöpfel von der FHNW verbindet in der Folge die Klimakrise mit der Armut. Besonders interessant dabei: Die Schweiz, selber zwar durch ihre Konzerne und Investitionen im Ausland ein sehr grosser Emittent von CO2, ist durch ihre alpine Lage doppelt so stark vom globalen Temperaturanstieg betroffen wie andere Länder. Das wiederum trifft direkt die armen Menschen. Sie arbeiten häufig auf dem Bau oder im Freien, sind also von höheren Temperaturen ungleich stärker betroffen. Ausserdem wohnen sie häufig an Lagen und in Wohnungen, die nicht so gut gebaut sind. Es ist empirisch belegbar, dass diese Faktoren auf die Lebenserwartung drücken.
Die Caritas ist ein eigenständiges katholisches Hilfswerk. Caritas-Präsidentin Maire-Hefti befürwortet die enge historische und noch heute bestehende Verbindung zur katholischen Kirche. Dennoch waren namhafte kirchliche Gesichter weder auf dem Podium noch unter den Teilnehmenden sichtbar. Einzig ein paar Vertreter aus Pfarreien und kantonalen kirchlichen Organisationen nahmen an der Caritas-Tagung teil. Das verwundert. Denn die christliche Moral könnte als Wertebasis und die Kirche selber durch ihre grosse Erfahrung im sozialen Bereich eine wichtige Rolle auf der Tagung spielen.
Zum Ende der Tagung wird es nochmals spannend. Sara Schilliger, Soziologin an der Universität Bern, erklärt, dass sich durch Ausweiskontrollen die Grenzen immer weiter ins Land hineinverschieben. Dies führt dazu, dass Sans-Papiers in Schweizer Städten in ständiger Unsicherheit leben und fürchten müssen, ausgewiesen zu werden. Dies grenzt sie aus der Gesellschaft aus. Ein neuer Ansatz, der bald auch in Bern und Zürich getestet werden soll, hat sich in Nordamerika bereits etabliert.
In sogenannten «sanctuary cities» erhalten die Leute eine sogenannte City ID. Mit dieser können sie sich ausweisen, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Auch erhalten sie damit Zugang zu den Behörden. Dies wäre besonders auch in der Schweiz wichtig, damit Betroffene beispielsweise ohne Angst ihre Kinder zum Schulunterricht anmelden. Ob die City ID sich in der Schweiz auch rechtlich durchsetzen kann und nicht falsche Anreize schafft, wird sich mit den kommenden Versuchen nun zeigen müssen.
Den Abschluss macht Jonas Räber. Er begleitete das Caritas Forum schon den ganzen Tag mit seinen Karikaturen. Pointiert kommt er auf einige Aussagen zurück. Zum Beispiel auf die Aussage, die Umverteilung den Zuhörenden «in verdaubaren Happen» zu präsentieren. Er zeichnet auf, wie sich die Grossen ein immer noch grösseres Stück «vom Kuchen» abschneiden. So sorgt er ob der anstehenden Herausforderungen im Sozialbereich am heutigen Tag doch für einige Lacher. Nach der Tagung fragen sich viele Teilnehmende: Haben in der Schweiz alle genug und ist es gerecht, dass einige wenige viel haben?
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant