Luigi Maffezzoli: «Jetzt ist der beste Moment für den Bischofswahl-Appell»

Alain de Raemy lebt den Tessinerinnen und Tessinern eine neue Art Bischof vor. Deshalb soll eine alte Bischofswahl-Klausel fallen: Jene des Tessiner Bürgerrechts. Mitinitiant Luigi Maffezzoli erklärt die Hintergründe.

Regula Pfeifer

Wie ist es zu dem Appell gekommen?

Luigi Maffezzoli*: Maddalena Ermotti-Lepori und Giancarlo Seitz, die beide im Tessiner Grossen Rat politisieren, und ich haben uns an der Basis umgehört. Die Leute sagten: Wir haben einen päpstlichen Administrator erhalten, der von ausserhalb zu uns kam und der gut ist. Wieso sollten wir in Zukunft nicht einen ebenso guten Bischof haben können, nur weil er nicht das Tessiner Bürgerrecht besitzt?

Was haben Sie daraus abgeleitet?

Maffezzoli: Wir finden, dass die Klausel betreffend des Tessiner Bürgerrechts ein Hindernis ist, das kaum zu überwinden ist. Und sie ist ein Kind ihrer Zeit. Früher schon fanden einige diese Vorgabe veraltet. Das Gespräch mit Gläubigen brachte uns auf die Idee, diesen Appell des Volkes Gottes zu lancieren.

«Die Klausel stammt von 1888, also aus der Zeit des Kulturkampfes.»

Was meinen Sie mit: Die Klausel ist ein Kind seiner Zeit?

Maffezzoli: Die Klausel stammt von 1888, also aus der Zeit des Kulturkampfes. Es ging darum, eine Struktur aufzubauen für ein neu zu gründendes Bistum Lugano. Damals gehörte das Tessin noch teils zum Bistum Mailand, teils zum Bistum Como. Innerhalb der Schweiz war es dem Bistum Basel angegliedert.

«Der Bundesrat befürchtete, dass der Papst einen Mailänder oder Comer Bischof nach Lugano schicken würde.»

Der Bundesrat befürchtete damals, dass der Papst einen Mailänder oder Comer Bischof nach Lugano schicken würde. Oder dass das Bistum Basel einen seiner Geistlichen als Vogt im Tessin einsetzen würde. Deshalb hielt er im Konkordat mit dem Heiligen Stuhl fest, dass der Bischof von Lugano die Tessiner Bürgerschaft haben müsse. Zu jener Zeit waren bei uns rund 400 einheimische Priester tätig, da war die Auswahl gross. Jetzt hingegen sind es viel, viel weniger.

Was ist mit Tessiner Bürgerschaft gemeint?

Maffezzoli: Der Bischof muss bis heute nicht nur im Tessin wohnen, sondern hier auch seinen Heimatort haben. Also Bürger von Bellinzona, Biasca, Lugano oder einer anderen Tessiner Gemeinde sein.

Jetzt sammeln Sie Unterschriften, um diese Vorgabe zu ändern.

Maffezzoli: Richtig. Bis zum 5. März sammeln wir Unterschriften. Wir wollen das nicht zu lange hinauszögern.

«Wir werden den Appell an den Nuntius und den Bundesrat überreichen.»

Richtet sich der Appell an den Vatikan?

Maffezzoli: Wir werden den Appell Nuntius Martin Krebs in Bern überreichen. Er wird ihn an den Vatikan weitergeben. Und der Appell wird auch dem Bundesrat überreicht. Der Heilige Stuhl und der Bundesrat sind ja die beiden Vertragspartner, die damals das Konkordat unterschrieben haben, in dem die Klausel zum Bischof von Lugano festgehalten ist.

Die Klausel besteht seit rund 150 Jahren. Wieso machen Sie den Vorstoss jetzt?

Maffezzoli: Aktuell ist der richtige Moment, diesen Appell zu lancieren. Denn es gibt drei gute Voraussetzungen dafür, die vorher nicht existierten. Erstens: Der Bischofssitz ist vakant, also kann kein Bischof von Lugano durch unseren Appell in Verlegenheit geraten.

«Papst Franziskus hat von sich aus einen Bischof von aussen berufen.»

Zweitens hat Papst Franziskus mit Alain de Raemy von sich aus einen Bischof von ausserhalb – konkret aus der Westschweiz – zum päpstlichen Administrator berufen. Bisher wurde bei einer Bischofsvakanz immer ein Diözesanpriester dafür bestimmt. Und drittens haben wir im Bundesrat einen Tessiner. Ignazio Cassis versteht bestens, was eine solche Anfrage für die Tessinerinnen und Tessiner bedeutet.

Angenommen, die Bürgerrechtsvorschrift wird aufgehoben: Wird es dann einfacher sein, einen guten Bischof für Lugano zu finden?

Maffezzoli: Ja, davon gehen wir aus. Aber das muss nicht heissen, dass der Bischof künftig zwingend von ausserhalb kommen muss. Denn es gibt Priester mit Tessiner Bürgerrecht, die sehr geeignet sind, Bischof zu werden. Und die Voraussetzungen dafür erfüllen, etwa das vorgeschriebene Doktorat in Theologie und das richtige Alter. Der Papst könnte also einen Tessiner ernennen. Nach dem Wegfall der Bürgerrechtsklausel könnte er zudem einen der vielen Priester ernennen, die seit jeher im Tessin leben, aber das Bürgerrecht eines anderen Kantons oder Landes haben, etwa aus Freiburg/CH oder Italien.

«Pater Mauro Jöhri ist Bündner, könnte also nicht Bischof von Lugano werden.»

Wer ist aktuell vom Bischofsamt ausgeschlossen?

Maffezzoli: Zum Beispiel Pater Mauro Jöhri. Er ist gebürtiger Bündner, könnte also nicht Bischof von Lugano werden. Dabei wäre er bestens qualifiziert. Er stand an der Spitze aller Kapuziner weltweit und wohnt in der Gemeinschaft von Madonna del Sasso bei Locarno. Zu bedenken ist umgekehrt: Der Tessiner Pater Mauro Lepori, der den weltweiten Zistenserorden leitet, hätte Bischof von Chur werden können. Denn dort gibt es keine Bürgerrechtsklausel. Eine solche Situation ist heute unverständlich.

Was ist das Ziel?

Maffezzoli: Wir möchten einfach, dass der Papst die Möglichkeit erhält, die geeignetste Person als Bischof von Lugano zu ernennen. Es geht um die Kirche im Tessin. Die Wahl eines guten Bischofs darf nicht durch irgendwelche Abmachungen zwischen zwei Staaten eingeschränkt werden.

«Unser Patron, der Heilige Ambrosius, wurde unter dem Druck des Volkes Bischof.»

Das vatikanische Schreiben «Praedicate Evangelium» sieht vor, dass auch das Kirchenvolk an der Wahl des Bischofs beteiligt ist. Sehen Sie das auch in Ihrem Appell vor?

Maffezzoli: Das ist nicht vorgesehen. Aber als wir die Gläubigen sagen hörten: Gibt uns einen Bischof ohne Bedingungen, kam mir die Geschichte vom Jungen in den Sinn, der auf dem Hauptplatz von Mailand gerufen hatte: «Gebt uns Ambrosius zum Bischof». Das war etwa im 4. Jahrhundert. Unter dem Druck des Volkes wurde Ambrosius Bischof. Und er wurde Patron des ganzen Bistums, auch des Bistums Lugano.

Was wollen Sie damit sagen?

Maffezzoli: Es ist nicht vorgesehen, dass das Volk einen Bischof wählt oder vorschlägt. Aber niemand kann das Volk Gottes im Tessin daran hindern, dem Papst zu sagen: Gib uns einen anderen Bischof. Und vielleicht auch Namen anzugeben. Und dann entscheidet der Papst.

«Nuntius Karl-Josef Rauber hörte 500 Laiinen und Laien im Tessin an.»

Ist schon so etwas Ähnliches geschehen?

Maffezzoli: Ja, aber es waren die päpstlichen Botschafter, die diesbezüglich aktiv wurden. Während einige von ihnen den Dreiervorschlag zuhanden des Papstes an ihrem Schreibtisch entschieden, befragten andere dazu das Volk Gottes. So etwa Nuntius Karl-Josef Rauber. Bevor Giacomo Grampa zum Bischof ernannt wurde, hörte der Nuntius 500 Laiinnen und Laien im Tessin an. Er bezog also die kirchliche Realität vor Ort mit ein, die Vereinigungen, Pastoralgruppen und andere Gruppierungen.

Hoffen Sie, dass auch jetzt der Nuntius im Tessin das Volk befragt?

Maffezzoli: Natürlich, ich hoffe immer, dass die Kleriker auf die Laiinnen und Laien hören. Und oft passiert das auch. Als ehemaliger Präsident der Vereinigung «Azione cattolica ticinese» kann ich sagen: Diese Organisation existiert nur dank einer engen Zusammenarbeit mit den Klerikern. Ich habe diese Zusammenarbeit immer gepflegt. Ich bin mir sicher, dass Nuntius Martin Krebs bei seiner Suche nach einem Bischof von Lugano auf das Volk Gottes hören wird.

«Ich bin gegen ein ‹Toto vescovo›. Wir wollen den Kreis ja ausweiten.»

Welche Namen von möglichen Bischöfen diskutieren die Menschen im Tessin?

Maffezzoli: Ich bin gegen ein «Toto vescovo». Damit meine ich, jetzt Namen zu nennen, wer Bischof werden könnte. Das macht keinen Sinn. Denn erstens gäbe es genug Tessiner Priester, die das könnten. Zweitens wollen wir den Kreis ja ausweiten. Und drittens zeigt sich ein guter Priester erst in der Praxis. Alain de Raemy zeigt eine Art, Bischof zu sein. Dieses Modell eines Bischofs, wenn es von den Menschen, dem Klerus und den kirchlichen Institutionen geschätzt ist, könnte das Vorbild eines künftigen Bischofs sein.

Wollen Sie also Alain de Raemy zum Bischof?

Maffezzoli: Das werfen uns einige vor. Doch unser Appell verlangt nicht, dass Alain de Raemy Bischof von Lugano wird. Das fordern wir nicht. Das würde auch keinen Sinn machen. Denn bis sich die beiden Staaten geeinigt haben, ist Alain de Raemy vielleicht bereits emeritiert, also über 75 Jahre alt.

So etwas dauert also…

Maffezzoli: Ja, jetzt geht das Prozedere erst los. Ein solches Problem kann man nicht in zwei bis drei Jahren lösen.

Also wird der nächste Bischof ohne eine Änderung der Vorgaben gewählt werden…

Maffezzoli: Das kommt darauf an, wie lange Alain de Raemy hier bleibt…

Im Tessin gab es einige Priesterskandale: Ein Priester wurde betrunken am Steuer erwischt, einer belästigte eine Frau, einer entwendete viel Geld. Wäre ein Bischof von ausserhalb besser, weil unabhängiger?

Maffezzoli: Um solche Probleme zu lösen, bringt weder das Tessiner noch irgendein anderes Bürgerrecht etwas. Dafür braucht es einen guten Hirten. Früher hiess es, um die Probleme der Weltkirche zu lösen, brauche es einen italienischen Papst. Aber wir haben gesehen: Das ist nicht so.  

*Luigi Maffezzoli war von 1998 bis 2008 Präsident der «Azione cattolica ticinese». Vor drei Jahren hatte der nun pensionierte TV-Journalist dieses Amt – nach längerer Vakanz – nochmals ad interim inne. Per Anfang 2023 konnte er es abgeben an Lara Allegri di Claro. Damit leitet erstmals eine Frau die Organisation.


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