Er sollte einer Abdankung vorstehen – doch dann schlief der Jesuit Eugen Frei (95) unterwegs zum Friedhof auf dem Beifahrersitz ein und wachte nicht mehr auf. Sein Mitbruder Martin Föhn eilte zum Friedhof und sprang ein. Am Dienstag wird er auch Eugen Frei bestatten.
Wolfgang Holz
«Pater Eugen war immer ein sehr freundlicher und offener Mensch», sagt der Jesuit Martin Föhn zu kath.ch. Eugen Frei sei bis zuletzt mit Leib und Seele Seelsorger und für die Menschen in seinem Umfeld zugänglich gewesen.
«Zuletzt hat er ja im Altersheim Hasenbrunnen gelebt und sich seinen Mitmenschen in verschiedenen Altersheimen gewidmet. Sein Einsatz für die Menschen war vorbildlich, hat er doch viele Gottesdienste und Abdankungen gefeiert und ebenso Beichtgespräche abgenommen», sagt Martin Föhn.
Theologisch habe sich Eugen Frei sehr für die Ökumene interessiert, sagt Martin Föhn. Er habe stets einen guten Kontakt zu den Reformierten in Basel gepflegt. In Fragen der kirchlichen Sexualmoral habe der Basler Jesuitenpater eine offene und liberale Haltung vertreten.
«Er war überzeugt, dass die Kirche sich in dieser Frage bewegen muss und durchaus etwas wagen darf», sagt Martin Föhn. Eugen Frei habe sich beispielsweise vorstellen können, dass der Zölibat aufgehoben werde.
Der verstorbene 95-Jährige verdankte sein hohes Alter aus der Sicht von Pater Martin Föhn auch der Tatsache, dass er bis zuletzt geistig sehr rege gewesen sei. Viel studiert habe.
«Er war geistig sehr aktiv, hat viel gelesen: Bibelkommentare, aber auch Regionalzeitungen. Erst nach dem Sturz vor einem Jahr war er gehbehindert und auf den Rollstuhl angewiesen. Dies hinderte ihn aber nicht daran, weiterhin für andere Menschen da zu sein.»
Nun sei er am 10. Januar auf dem Weg zu einer Bestattung friedlich auf dem Beifahrersitz im Auto eingeschlafen und bei der Ankunft am Friedhof nicht mehr aufgewacht. Laut Martin Föhn sollte Eugen Frei eine Frau beerdigen; der Sohn der Verstorbenen fuhr den 95 Jahre alten Jesuiten zum Friedhof.
Als Eugen Frei nicht mehr aufwachte, kamen Notarzt und Polizei. Martin Föhn wurde gerufen, um den Toten zu identifizieren. Anschliessend trat der Organist an Martin Föhn heran und sagte, er habe notfallmässig die Abdankungsfeier übernommen. Und ob Martin Föhn nun als Priester fortfahren könne – mit der Abdankung am Grab. Gesagt, getan.
Eugen Frei SJ wurde am 9. Juni 1927 in Basel geboren. 1946 trat er in das Noviziat in Rue FR ein und studierte später unter anderem in Deutschland und Belgien. Später arbeitete er als Lehrer und Rektor in Vorarlberg.
Von 1978 bis 1989 setzte er seine Lehrertätigkeit an Basler Schulen fort und arbeitete in der Schülerseelsorge im Borromäum und in der katholischen und evangelischen Erwachsenenbildung mit.
Gerade an die gemeinsame Zeit mit Eugen Frei im Borromäum in Basel, der dortigen Jesuitengemeinschaft, kann sich auch Jesuitenpater Hansruedi Kleiber bestens erinnern. Der heutige Präfekt der Luzerner Jesuitenkirche wirkte von 1983 bis 1999 als Hochschulseelsorger an der Universität Basel.
«Eugen Frei war eine Seele von Mensch», schwärmt Hansruedi Kleiber. Er sei stets ein liebenswürdiger und gütiger Zeitgenosse gewesen. «Er war auch meist gut gelaunt und ist auf die Leute zugegangen.» Er sei nicht zuletzt eine sehr vielseitig interessierte Person gewesen. «Man hat mit ihm immer gut diskutieren können, und er war als Ratgeber stets sehr zugänglich und verständnisvoll.»
Das kann auch die Theologin Sibylle Hardegger bestätigen. Sie hatte Eugen Frei als Religionslehrer: «Wir waren damals eine ganz kleine Gruppe mit nur vier Personen, und wir hatten ausgerechnet am Freitagabend Reli», erzählt die Radio- und Fernsehbeauftragte des Katholischen Medienzentrums in Zürich.
Doch Eugen Frei habe es durch spannende Themen nicht nur geschafft, dass die vier Teenager bei der Stange blieben. «Ich habe seinen Unterricht wirklich gern gehabt», sagt Hardegger.
«Seit dieser Zeit ist mir vor allem Pater Maximilian Kolbe, der in Auschwitz umgebracht wurde, zum Begriff geworden.»
Sibylle Hardegger, Radio- und Fernsehen
Der Jesuitenpater erzählte ihnen viel Interessantes über zeitgenössische Zeugen des Glaubens. «Seit dieser Zeit ist mir vor allem Maximilian Kolbe, der polnische Pater, der in Auschwitz in den Hungerbunker kam und dort umgebracht wurde, zum Begriff geworden.»
Aus der vierköpfigen Schülergruppe um Sibylle Hardegger hätten dann drei einen religiösen Beruf ergriffen. «Eugen Frei hatte fast eine 100-prozentige Ausbeute bei uns», sagt sie und lacht.
Aber nicht nur für die Religion und für Gott konnte der Jesuitenpfarrer die jungen Menschen begeistern. Er lebte mit ihnen mit. «Am Borromäum gab es eine Kegelbahn, und am Ende vom Semester fand immer ein Kegelabend statt», erinnert sich Sibylle Hardegger. Eugen Frei habe mit den Studenten mitgefeiert und ihnen ein Mineralwasser spendiert. «Er war wirklich ein gütiger Mensch.»
1989 wechselte Eugen Frei von Basel nach Zürich: Dort war er Sozius der Provinziäle Emonet und Baiker in Zürich. Ab 1995 kehrte er dann für immer in seinen Heimatkanton zurück, wirkte dort bis 2003 in der Krankenhausseelsorge im Felix-Platter-Spital und danach in verschiedenen Pfarreien und Altenheimen des Kantons.
Nun findet morgen, Dienstag, die Trauerfeier von Eugen Frei um 10.30 Uhr in der Kirche St. Marien in Basel statt. Der Jesuit Martin Föhn steht der Abdankung vor, sein Mitbruder Hans Schaller wird die Predigt halten.
«Eugen Frei ist gestorben. Ich persönlich erinnere mich noch genau, wie er mich gebeten hat, eine Agenda für dieses neue Jahr 2023 zu besorgen. Wir alle hören irgendwie noch seine Stimme, erinnern uns an sein freundliches Lachen, an gemeinsame und schöne Stunden. Sie gehören irgendwie auch zu uns, sind uns kostbar, wollen sie behalten», wird Hans Schaller morgen zu Beginn seiner Predigt betonen.
«In dem Glauben, mit dem Eugen seelsorglich ernst gemacht hat, bleiben wir auch mit ihm verbunden. Wir verlieren uns nicht aus den Augen. Mehr schaut er auf uns, als dass wir auf ihn schauen.»
Und dann wird Hans Schaller nochmals auf das Sterben Freis am Ende seiner Predigt zu sprechen kommen. «Wir schauen ihm nach, wie er zum Friedhof geht, um eine Beerdigung zu halten und wie er dabei selber stirbt. Erschreckend für uns, die Hinterbliebenen, ohne Möglichkeit Abschied zu nehmen. Aber eine Gnade und ein Geschenk für ihn.»
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/martin-foehn-sass-am-steuer-als-eugen-frei-auf-dem-beifahrersitz-starb/