Pater Andri Tuor verlässt das Kloster Engelberg: «Ich möchte mein Mönchsein noch intensivieren»

Die Klosterschule Engelberg steht für Tradition. Ihr Rektor Pater Andri Tuor (48) bricht mit dieser und verlässt das Benediktinerkloster. Er vermisst dort das Feuer für ein Leben mit Christus. Ob er künftig als Seelsorger arbeitet oder lieber Burger brät, weiss er noch nicht.

Magdalena Thiele

Nach einem Vierteljahrhundert verlassen Sie das Kloster Engelberg und hören als Rektor der Stiftsschule auf. Dabei sind Benediktiner doch eigentlich sehr ortsfest. Was sind Ihre Beweggründe?

Pater Andri Tuor*: Derzeit arbeite ich als Rektor wahrscheinlich weit über 100 Prozent, wenn man das nach weltlichen Massstäben beurteilen würde. Diese schöne Aufgabe braucht viel Zeit und das ist auch gut so. Aber ich habe eine Sehnsucht nach mehr: Zeit fürs Gebet, für die Meditation, die geistliche Auseinandersetzung mit Texten, die Stille.

«Ich bleibe meiner Berufung treu.»

Dazu verlasse ich die benediktinische Familie nicht. Im Gegenteil: Ich möchte mein Mönchsein noch intensivieren. Ich bleibe meiner Berufung treu. Ich gehe auf dem Weg der Christusnachfolge weiter. Und ich bleibe Priester.

Was bedeutet das nun für Sie?

Tuor: Ich sehne mich nach einem monastisch-kontemplativen Leben: back to the roots. Als ich vor 25 Jahren ins Kloster eintrat, hat man mir gesagt: «Wenn du Mönch sein willst, dann musst du nach Frankreich in ein Kloster gehen. Dort leben Mönche. Wir hier in Engelberg verstehen uns als Benediktiner. Wir arbeiten in der Schule, in der Seelsorge oder in einem Handwerk.» Die Suche nach einer zeitgemässen monastischen Spiritualität kam für mich persönlich zu kurz. Die Vorgängergeneration war fokussiert auf ihre aktiven Aufgaben. Das war auch legitim. Doch die Zeiten haben sich geändert. Immerhin sagen wir heute: Wir sind Benediktinermönche.

Und warum wollten Sie Mönch werden?

Tuor: Ich wollte ein verbindliches Christsein leben. In der Pfarrei war ich schon immer engagiert, beispielsweise als Gruppen- und Chorleiter. Diese Zeit hat mich geprägt. Aber noch mehr zog mich die verbindliche Hingabe an Christus in einer Klostergemeinschaft an. Das Ordensleben hat mich schon als Kind fasziniert.

Warum entschieden Sie sich für ein Benediktinerkloster?

Tuor: Die Benediktiner waren für mich attraktiv, weil ich musikalisch und kulturell interessiert bin. Ein Benediktinerkloster ist auch ein Ort der Wissenschaft, der Kunst und der Bildung. Wir leben hier in Engelberg in einer 900-jährigen Tradition das ora et labora et lege, wie es der heilige Benedikt in seiner Mönchsregel lehrt.

Dass ich dann Theologie und Religionspädagogik studiert habe, war eine Entscheidung der Oberen. Eigenartigerweise bin ich als Schüler nicht so gerne in den Religionsunterricht gegangen. Mittlerweile unterrichte ich das Fach Religion mit Leidenschaft und grosser Freude, und eine theologisch sensible Bildungsarbeit ist mir ein Herzensanliegen geworden.

«Mein Weggang ist keine Flucht.»

Das geben Sie auf, wenn Sie Engelberg verlassen…

Tuor: Mein Weggang ist keine Flucht. Ich wage einen Aufbruch und muss viel Liebgewonnenes hinter mir lassen. Doch wer leben will, muss aufbrechen, wenn er des Himmels Murmeln in sich hört. Das hat wohl auch mit meinem Nachdenken über die zweite Lebenshälfte zu tun, was im Alter von 48 Jahren dazugehört.

In den nächsten Jahren muss ich prüfen, ob die kamaldulensische Lebensform (Die Kamaldulenser sind ein eremitisch geprägter Orden, Anm.d.R.) für mich die richtige ist. Ich gehe in eine Gemeinschaft in Hildesheim in Deutschland. Sie sucht nach alternativen Wegen, das Mönchsleben in einer zeitgemässen Form zu leben. Wie das funktionieren kann in der heutigen Zeit, beschäftigt mich seit vielen Jahren.

«Warum nicht als Mönch Hamburger und Pommes ausgeben und so ganz nah bei den Menschen sein?»

Welcher Tätigkeit werden Sie in Hildesheim nachgehen?

Tuor: Das ist noch offen, aber ich werde weniger arbeiten als jetzt. Ich kann mir vorstellen, an einer Schule zu unterrichten, mich wissenschaftlich zu betätigen, als Seelsorger in einem Sterbehospiz zu wirken oder aber bei McDonalds zu arbeiten. Warum nicht als Mönch Hamburger und Pommes ausgeben und so ganz nah bei den Menschen sein?

Sie suchen also den krassen Kontrast zu dem, was Sie jetzt machen?

Tuor: Ich verstehe dies nicht als so krass. Neben der grossen Arbeit pflegen wir hier in Engelberg ein schönes Klosterleben. Es ist nicht so, dass mir das nicht gefällt. Aber ich suche noch vermehrt die gemeinschaftliche und intellektuelle Auseinandersetzung: Was heisst monastisches Leben in der heutigen Zeit? Was heisst es heute, als Mönch kontemplativ zu leben? Welcher Dienst für die Menschen ist damit verbunden?

«Das Klosterleben muss sich wieder auf seine Wurzeln besinnen.»

Sie wünschen sich also mehr spirituellen Freiraum?

Tuor: Heute tritt in der Regel kein junger Mann bei uns ins Kloster ein, weil er an der Stiftsschule Lehrer sein will. Das war früher anders. Einer, der heute ins Kloster eintreten will, möchte in erster Linie geistlich und menschlich wachsen und reifen und dann einer sinnvollen Arbeit nachgehen. Für mich steht oder fällt die Zukunft der Klöster mit der Frage, ob wir Mönche und Nonnen suchenden Menschen authentische Resonanzen auf ihre Sehnsucht nach Gott geben können.

Deshalb gehe ich nach Hildesheim auch für eine Erneuerung des Klosterlebens. Dieses muss sich wieder auf seine Wurzeln besinnen, so wie es das Zweite Vatikanische Konzil den Orden aufgetragen hat. Wie das konkret gehen kann, darauf bin ich gespannt.

«Bis jetzt gibt es unter den Mitbrüdern kaum eine offene Auseinandersetzung mit meinem Weg.»

Bald wird nur noch ein Benediktiner an der Stiftsschule unterrichten, aus der Leitung ziehen sich die Mönche ganz zurück. Wie katholisch bleibt die Stiftsschule Engelberg, wenn die Mönche nicht mehr so präsent sind?

Tuor: In den vergangenen Jahren haben wir intensiv darauf hingearbeitet, dass die Stiftsschule wirkliche Klosterschule bleiben kann, auch mit wenigen Mönchen. In Bezug auf das katholische Profil der Internatsschule: Was früher selbstverständlich war, ist heute reflektierter und deshalb klarer. Zudem gibt es Menschen, die christlich sensible Bildungsarbeit leisten wollen. Diese sind nun in die Verantwortung genommen. Die Trägerschaft bleibt beim Kloster.

Wie haben Ihre Mitbrüder auf Ihre Entscheidung reagiert, Engelberg zu verlassen?

Tuor: Ich gehe mit der Einwilligung meines Abtes. Allerdings wird in vielen Klostergemeinschaften Veränderung oft als bedrohlich empfunden. So gibt es bis jetzt unter den Mitbrüdern kaum eine offene Auseinandersetzung mit meinem Weg. Man spricht nicht mit mir darüber. Das bedauere ich. Auch Klostergemeinschaften müssen stets an ihrer Gesprächskultur arbeiten. Ich vermisse das Knistern des inneren Feuers für ein Leben mit Christus und die Reflexion darüber im gemeinsamen Austausch. 

* Andri Tuor (48) trat 1998 ins Kloster Engelberg ein. Er hat in Luzern, Mount Angel (USA) und Innsbruck Theologie und Religionspädagogik sowie Kommunikative Theologie studiert und das Höhere Lehramt erworben. 2019 wurde er zum Rektor der Stiftsschule Engelberg ernannt. Bereits zuvor hatte er dort in verschiedenen Funktionen gearbeitet. Unter anderem unterrichtete er das Fach Religionslehre.


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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