Frauen haben in der Geschichte der Kirche und des Glaubens seit jeher mitgemischt. Sie waren Apostelinnen, Klostergründerinnen, Befreierinnen und Philosophinnen. Sie haben Grenzen ausgetestet und diese (bewusst) übertreten. kath.ch stellt zwölf Beispiele vor. Heute: die Katharerinnen, die den Männern gleichgestellt waren.
Annalena Müller*
Im 12. und 13. Jahrhundert waren die Katharer, auch Albigenser genannt, die zentrale religiöse Macht in Südwestfrankreich. Seinen Ursprung hatte der katharische Glaube in den gnostischen und manichäischen Bewegungen der Spätantike. Das dualistische Weltverständnis der Katharer wurde von zwei widerstreitenden Prinzipien beherrscht: teuflisch-materiell versus göttlich-spirituell.
In der Konsequenz lehnten die Katharer alles als vom Teufel stammend ab, welches eine materielle beziehungsweise physische Komponente hatte. Dies betraf nicht nur die Trinität – sie lehnten die Vorstellung eines physischen Körpers Christi ab –, sondern auch die weltliche Kirche, welche als Teil der materiellen Welt dem Teufel und nicht Gott zugehörig war.
Der katharische Glaube war jenseitsgerichtet. Um ins Jenseits zu gelangen, also den spirituellen Status zu erreichen, war es notwendig, die Seele von der materiellen, physischen Hülle, welche die Seele um- und einschloss, zu befreien. Die Ablehnung alles Physischen umfasste nicht nur den menschlichen Körper, sondern auch die Ehe, Fortpflanzung, aber auch den Genuss von Eiern, Milch und Fleisch.
In ihrer strikten Askese und Weltabgewandtheit ähnelte die katharische Lebensweise mitunter der klösterlichen. Vielleicht begründet durch ihre Ablehnung alles Physischen kannten die Katharer keine Geschlechterhierarchie – Männer und Frauen wirkten gleichermassen als Priester und Priesterinnen, die bei den Katharern parfaits genannt wurden.
* Die Historikerin Annalena Müller forscht an der Uni Freiburg zur wirtschaftlichen und politischen Macht von Äbtissinnen und Frauenklöstern im mittelalterlichen Europa.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant