Mit Jahrgang 1949 erlebte Stephan Schmid-Keiser die Wirkungen des theologischen Schaffens von Joseph Ratzinger auf die Seelsorge seit Beginn der 1970er Jahre. Seine Bilanz: Eine christliche Ökumene wäre dann allumfassend (katholisch), wenn sie dem vielfältigen Zugang zu Christus keine lehrmässig abstrakten Hindernisse mehr in den Weg stellte. Stephan Schmid-Keiser
Ein in Gerede «umgemünzter» Glauben?
Die «Einführung in das Christentum» (1968) aus der Feder von Joseph Ratzinger beeinflusste uns als Einsteiger*innen des Theologiestudiums. Konnten wir der Absicht des Autors, die er im Vorwort festhielt, folgen? Er wollte dazu verhelfen, «den Glauben als Ermöglichung wahren Menschseins in unserer heutigen Welt neu zu verstehen, ihn auslegen, ohne ihn umzumünzen in ein Gerede, das nur mühsam eine völlige geistige Leere verdeckt». Wie dann Walter Kasper die Gedanken Ratzingers 1969 unter die Lupe nahm, war er von dessen spiritueller Tiefe überzeugt, konnte aber dem «latenten Idealismus», der zwar immer wieder die Liebe betonte, nicht viel abgewinnen. Es fehlte ihm an konkreten Impulsen für eine Kirche in der Geschichte und es müsse mit Jo 3,21 vielmehr die christliche Wahrheit getan werden: «Die bleibende Spannung zwischen Glaube und Liebe, Christologie, Anthropologie und Eschatologie bedeutet konkret eine wesentlich differenziertere Zuordnung von Kirche und Welt. Nicht selten begegnet uns in der Kirche zwar korrekter Glaube, aber wenig menschliche und christliche Liebe, während der Unglaube in der Welt sehr wohl mit einer Praxis der Liebe verbunden sein kann.» Kasper, späterer Ökumene-Minister im Vatikan, erkannte im Kern, wie die idealistische und einseitig vom griechischen Denken her geprägte Sicht Ratzingers den Glauben auf die einzig durch seine Kirche vertretene Wahrheit einengte.
«Dominus Jesus» als Kälteschock
Darum auch beinhaltete das permanente Fragen nach der wahren Religion für Joseph Ratzinger gleichzeitig die Frage nach der wahren Kirche. Eine seither nie gekannte Zuspitzung erhielt diese Einstellung mit der Erklärung «Dominus Jesus» im August 2000, die der unterdessen zum römisch-katholischen Hüter des Glaubens avancierte Kardinal verantwortete. Sie handelte über die «Einzigkeit und die Heilsuniversalität Jesu Christi und der Kirche» und brüskierte viele, die sich seit dem Konzil in der Seelsorge ökumenisch und interreligiös engagierten und dadurch in ihrem christlichen Glauben bereichert wurden. Aus heutiger Warte wirkt dieses Dokument als nachhaltiger Kälteschock, aus welchem die innerchristliche Ökumene mitsamt einer Ökumene göttlicher Weite unter den Religionen kaum mehr herausfinden konnte. Unmittelbar nach Erscheinen meldeten sich zahlreiche kritische Stimmen.
Der evangelische Theologe Eberhard Jüngel etwa konnte der für die Erklärung zentralen Rolle von Jesus Christus als dem einen Wort Gottes zwar zustimmen, musste aber «herbe Kritik» daran äussern, dass aus der «Heilsuniversalität Jesu Christi … die universale Heilsmittlerschaft der Kirche» abgeleitet werde. Unangemessen sei die Aufwertung der Autorität des kirchlichen Lehramtes, unangemessen darum auch die Abwertung der Autorität der Heiligen Schrift. Das war starker Tobak für die Ökumene, die sich «auf eine neue Probe gestellt» sah. Jüngel legte den Finger auf den wunden Punkt einer «ökumenischen Schieflage», bei welcher die protestantischen Kirchen «nicht einmal als Stiefschwestern in Betracht» kamen. Jüngel blieb es vorbehalten, nüchtern zu konstatieren, «dass diese verheissungsvoll beginnende Erklärung der Glaubenskongregation, wenn man sie von hinten nach vorne liest, wie ein aus viel Bibel-, Konzils- und Papstzitaten zusammengewobenes Kettenpanzerhemd wirkt, unter dem sich die empfindliche Verletzbarkeit einer allzu selbstsicher und selbstbewusst auftretenden Kirche verbirgt».
Nikolaus Klein von der Zeitschrift Orientierung ortete in der Erklärung folgerichtig die Umdeutung konziliarer Schlüsselstellen. Und auch Stimmen aus dem asiatischen Raum hatten ihre grosse Mühe mit dem Tonfall der Erklärung, der die Heilsbedeutung anderer Religionen minderte, das Wirken des Geistes in ihnen wenig respektierte. Solche Verletzungen hätten das Potential zu harschen politischen Unruhen. Einmal mehr offenbarte sich das innerkirchliche Problem zentralistisch gesteuerter Kommunikation.
Als völlig verunglückt erachtete der katholische Theologe Theodor Schneider den Abschnitt über die christliche Ökumene, der dem römisch-katholischen den Vorrang vor allen anderen gab. Der Alt-Katholik Sigisbert Kraft betonte, dass aufgrund des gemeinsamen Bekenntnisses die Weitergabe des Glaubens und die Sorge um die «Unterscheidung des Christlichen» (Romano Guardini) allen Kirchen aufgetragen sei. Das Konzept einer «Rückkehrökumene» abweisend, zitierte der ehemalige Bischof Kraft aus dem Grusswort des damaligen Ökumene-Referenten eines deutschen Bistums: «Keine Kirche kann einfach so bleiben wie sie ist, alle werden sich bekehren und ändern müssen. Erst die dazu erforderliche menschliche Demut und ekklesiologische Bescheidenheit machen uns ökumenefähig».
Der katholische Fundamentaltheologe Peter Neuner machte wenige Wochen später in einer Predigt zur enggeführten Schau auf die katholische Kirche und deren Vorgaben zur Ökumene klar, dass sich die Kirche nicht einseitig vom Amt her verstehen lasse: «Das Volk Gottes lebt vom Wort Gottes, der Antwort des Glaubens und der Feier des Gottesdienstes, es verwirklicht sich in den Sakramenten und in Werken der Nächstenliebe. Dies alles auf das Amt zu reduzieren, bedeutet einen Rückfall in ein hierarchologisches Kirchenbild, dem das Konzil den Abschied erklärt hat.»
Eine eingehende Darstellung hatte zudem Hermann Häring zu den Grundlagen von Joseph Ratzingers Theologie beigesteuert, die erst 2005 im ökumenischen Forum Offene Kirche wenige Monate nach der Papstwahl in Deutsch erschien. Als Cover diente der schweizerischen Zeitschrift ein Cartoon von Thomas Markus Meier, «inspiriert vom platonischen Höhlengleichnis». Die Zeichnung liess, bezeichnend für die Theologie Ratzingers, den «semitischen Jesus einen hellenistischen Schatten» werfen und unterlegte sie mit dem Hinweis auf das Buch von Häring zur Theologie und Ideologie bei Joseph Ratzinger, das dieser 2001 verfasst hatte. Häring fasste zusammen: Wir hätten mit «Dominus Jesus» «erfahren, dass die römisch-katholische Kirche Quelle aller Wahrheit» sei. Gegeisselt worden sei darin der «Subjektivismus jener, die den Verstand als einzige Quelle der Erkenntnis annehmen und so unfähig werden, den Blick nach oben zu erheben, um das Wagnis einzugehen, zur Wahrheit des Seins zu gelangen» (Zitat aus der Enzyklika Fides et ratio von Johannes Paul II. 1998). Solche Aussagen qualifizierte Häring als kaum zu überbietenden Druck «denunziatorischer Sprache». In der Zuspitzung seiner Kritik am Relativismus hatte Joseph Ratzinger die Überlegenheit von Religion, Glaube, Kirche und spekulativer Metaphysik herausgestellt. Stets ausgewichen sei er «dem Problem einer geschichtlich verantworteten Theologie des Beginns (…eine Christologie von unten), eine Ekklesiologie der frühen Gemeinde oder einem kontextuellen Heilsverständnis».
Leisere Töne, die Benedikt XVI. etwa im Gespräch mit Jürgen Habermas anschlug und auf eine «Bereitschaft zum Hören und auf ein Suchen beim Gegenüber» warten liessen, wie Thomas Philipp in der Zeitschrift Orientierung zum Profil Ratzingers meinte, konnten den Bremsspuren wenig entgegensetzen, die dieser als Glaubenshüter in der ökumenischen Alltagspraxis hinterlassen hatte. In der Seelsorge begann das Interesse am Zusammengehen der Kirchen zu bröckeln.
Eine zwiespältige Hinterlassenschaft
Welche Wirkung eine die eigene Kirche absolut betonende und andere Kirchen verletzende Sicht in der Seelsorge hatte, war Jahre danach spürbar. Noch am Tag der Wahl zum Papst, dem 19. April 2005, schrieb mir der evangelisch-reformierte Liturgiewissenschaftler Alfred Ehrensperger: «Ich bin mit vielen meiner Freunde tief traurig über die Wahl des Herrn Ratzinger zum Oberhaupt Deiner Kirche; ich kondoliere der wirklichen, katholischen Kirche, die im Geiste Christi in der Welt für Frieden, Gerechtigkeit und Erhaltung der Schöpfung eintritt, nicht nur für die Erhaltung einer stumpfen Amtshierarchie. Ich bete für all die katholischen und nichtkatholischen Menschen, die sich nun verlassener fühlen, denn je. Wir Evangelischen werden uns von diesem Schlag ins Gesicht sorgsam aufgebauter Ökumene nicht leicht erholen.» Dem Fachkollegen konnte ich nicht widersprechen und musste feststellen, wie die eigenwillige, alles zurechtstutzende Haltung des nun zum Papst Gewählten viele Menschen nachhaltig verletzt hatte, und nicht nur auf höchster Ebene eine ökumenische Zukunft blockierte. War hier das letzte Wort gesprochen? Auch nachdem Gotthold Hasenhüttl 2003 als emeritierter Theologieprofessor im römisch-katholischen Ritus am Ökumenischen Kirchentag in Berlin die Eucharistie feierte, die Anwesenden zur Kommunion einlud und deswegen vom Priesteramt suspendiert worden war? Ebenso ein anderer Priester, der an einem evangelischen Abendmahl teilnahm und beim Austeilen von Brot und Wein mithalf? Der Ausschluss von Gotthold Hasenhüttl war 2006 definitiv, approbiert durch Benedikt XVI und (nach seinem erneuten Brief an diesen) die Antwort des Staatssekretariats: «Seine Heiligkeit hat von Ihren Zeilen Kenntnis erhalten. Ich muss Ihnen jedoch mitteilen, dass kein Grund zu einer neuerlichen Prüfung Ihres Falles besteht.»
Erneut eingeschränkt wurde 2007 der Ausblick auf eine neue Zukunft in Sachen Ökumene mit der Verlautbarung «Zu einigen Aspekten bezüglich der Lehre über die Kirche», die eine «Mehrheit von Indifferenten» staunen liess, «dass ein halbes Jahrtausend nach der Reformation Diskussionen vom Zaun gebrochen werden, die für den religiösen Normalverbraucher unverständlich sind», wie der Berner Bund am 8. 8. 2007 kommentierte.
Licht und Schatten in seiner eigenen Kirche waren diesem Papst mehr als bewusst. Seinem idealistischen Denken entgegen, zeigte sie ihre menschlichen Grenzen. Wohl durch das Auftauchen der zahllosen Missbräuche sah er sich zum Rücktritt gezwungen. Liess ihn das bescheidener werden? Der Ökumene als nach vorne schreitender Gemeinschaft von Gemeinschaften stand Benedikt XVI leider im Weg.
Franziskus I setzt auf gemeinsames Pilgern
Unermüdlich die ökumenische Zusammenarbeit suchend ist seit 2013 Franziskus I unterwegs. Im liegt an einer praktischen Konzeption, die den ökumenischen Dialog als gemeinsames Pilgern sieht. Man solle «das Herz ohne Ängstlichkeit dem Weggefährten anvertrauen, ohne Misstrauen, und vor allem auf das schauen, was wir suchen: Den Frieden im Angesicht des einen Gottes. Sich dem anderen anvertrauen ist etwas ›Selbstgemachtes’. Der Friede ist selbstgemacht.» Im Anschluss an die hier in Evangelii Gaudium 244 zitierte Seligpreisung der Friedensstifter (Mt 5,9) sollte kein Rückschritt mehr hinter die vom Zweiten Vatikanum vorgegebene Richtung möglich sein. Franziskus I an derselben Stelle Unitatis redintegratio 4 zitierend: «Die Glaubwürdigkeit christlicher Verkündigung wäre sehr viel grösser, wenn die Christen ihre Spaltungen überwinden würden und die Kirche erreichen könnte, ›dass sie die ihr eigene Fülle der Katholizität in jenen Söhnen (SSK/ und Töchtern) wirksam werden lässt, die ihr zwar durch die Taufe zugehören, aber von ihrer völligen Gemeinschaft getrennt sind’».
Ist der jahrhundertealte Skandal der Trennung nicht Anlass genug, endlich vom hohen Sockel abstrakter Lehren zu steigen? Anlass auch für die römisch-katholische Kirche, sich in naher Zukunft dem Ökumenischen Rat der Kirchen anzuschliessen? Es liegt besonders an unserer Kirche, Brücken in eine ökumenischere Zukunft zu bauen. Sie hat es am meisten nötig, zu lernen und Gutes zu tun, wie das Motto der diesjährigen Gebetswoche für die Einheit der Christen lautet: «Lernt, Gutes zu tun! Sucht das Recht! Schreitet ein gegen den Unterdrücker! Verschafft den Waisen Recht, streitet für die Witwen!» (Jesaja 1,17).
Stephan Schmid-Keiser
Quellen
Walter Kasper: Das Wesen des Christlichen, in: Theologische Revue 65 (1969) 182-188, 185 u. 186 f.
Eberhard Jüngel: Nur Wahrheit befreit, in: Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt, 15. September 2000, 20-22
Nikolaus Klein: Wenn ein Konzil umgedeutet wird…, in: Or 64 (2000) 199f.
«Dominus Jesus» und die Religionen – Dokumentation, in: Or 64 (2000) 213-215
Georg Evers: Zu kurz gesprungen. «Dominus Jesus» und die Theologie in Asien, in: HK 54 (2000) 618-624
Theodor Schneider: Dominus Jesus . Ökumenischer Amoklauf Kardinal Ratzingers, in: Ruhrwort, Kirchenzeitung im Bistum Essen, abgedruckt in Pressemitteilung des Klosterkirchberg, 2001
Sigisbert Kraft: Miteinander Kirche sein? Zu «Dominus Jesus», in: Quatember 2001, 113-121. Zugänglich unter http://www.quatember.de/J2001/q01113.htm
Peter Neuner: Die Ökumene nach der Erklärung Dominus Jesus, in: Informationen für den Religionsunterricht an Grund- Haupt- und Förderschulen, IfR 48/2000, 25ff.
Hermann Häring: Der Glaube der Kirchenväter? Zu den Grundlagen von Joseph Ratzingers Theologie, In: Offene Kirche. Ein ökumenisches Forum 36 (2/3 August 2005) 13-28
Thomas Philipp: Wahrheit und Heiliger Geist. Zum theologischen Profil Joseph Ratzingers, in: Or 70 (2006) 91-95
Vgl. auch Hermann Häring am 3. Januar 2023https://www.hjhaering.de/joseph-ratzinger-die-tragik-einer-ueberforderten-karriere/?fbclid=IwAR0q7g4hq6V82hpB7hGlEsaYCQNJ5UePXV0g31PVuYlYi4ftuT5Ihtp_P3g#more-2414
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