SRF-Radioprediger Matthias Wenk: Vom Bösen lernen, was gut ist

«Mord auf Ex» ein Podcast für Nervenkitzel, Geschichten um Teufel, Satan, Luzifer und boomende Thrillerserien zeigen: Die Anziehungskraft des Bösen ist ungebrochen. Der Kampf zwischen Gut und Böse gehört ins Drehbuch für eine erfolgreiche Geschichte, sagt Radioprediger Matthias Wenk und stellt fest «Vielleicht ist gerade deshalb die Bibel bis heute die Bestsellerin unter den Büchern».

Matthias Wenk*

«Mord auf Ex»: das ist der Lieblingspodcast unserer inzwischen 18jährigen Tochter, liebe Hörerin, lieber Hörer! Bei diesem Podcast unterhalten sich die beiden gesprächigen Gastgeberinnen Linn und Leo über die grossen Verbrechen dieser Welt: über Serienmörder oder über ungeklärte Kriminalfälle, die die beiden dann direkt am Mikrofon gekonnt zu lösen versuchen. Fasziniert erzählen sie von Killer-Sekten und eiskalten Mafiosi. Dabei wird die ganze Welt der sogenannten «True Crime», der echten Kriminalfälle, abgegrast. Ich muss schon sagen: ein spannendes Podcast-Format. Nichts für den Sonntag-Morgen. Auch weil die beiden gerne einen Cocktail trinken, während sie die Fälle besprechen. Überaus lustvoll widmen sich Linn und Leo dem Bösesten, was Menschen so alles hervorbringen können.

Die Anziehungskraft des Bösen

Und ich muss gestehen: Auch ich lasse nur zu gerne meine Nerven kitzeln. Wie Pilze schiessen momentan bei diversen Streaming-Diensten die verschiedensten Krimi- und Thriller-Serien aus dem Boden: Die Serie «Mindhunter» kann ich Ihnen persönlich sehr empfehlen. Sie entführt in die 1970er Jahre, die Anfangszeit der Kriminalpsychologie, und erzählt von den ersten beiden Fallanalytikern des FBI, die damit beginnen, Serienmörder ausführlich zu befragen und deren Verhalten zu analysieren. Ihr Ziel ist es, dadurch zu neuen Erkenntnissen zu kommen, um die Aufklärung ungelöster Mordfälle voranzubringen. Ja, das Böse übt ganz offensichtlich eine grosse Anziehungskraft auf uns Menschen aus. In jedem Fall lässt sich Geld mit dem Bösen machen – schon immer: «Nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten!».

Böses zur Unterhaltung?

Nicht jede, nicht jeder kann so lustvoll wie Linn und Leo in ihrer Podcast-Serie «Mord auf Ex» mit der Tatsache umgehen, dass Menschen sich böseste Methoden ausdenken, um anderen Schaden zuzufügen. Böses ist nun mal böse – und das ist eben nicht gut. Finde ich jedenfalls. Aber dennoch gibt es Böses in der Welt. Und ich frage mich, warum. Damit wir uns davon unterhalten lassen können? Sicher nicht!

Teufel, Satan, Luzifer

Weil das Böse ein Teil unserer Menschenwelt ist. Deshalb beschäftigt sich natürlich auch die Bibel damit. Dort trägt es einen Namen: Teufel, Satan oder Luzifer heisst es. Das Böse begegnet in den biblischen Schriften als Person, als Gegenspielerin und Gegenspieler des Guten, der Guten. Es ist etwas, das Menschen von aussen zum Bösen verführt oder von aussen in Menschen oder Tiere eindringt und von ihnen unheilvollen Besitz ergreift. Diese Vorstellung ist über die Bibel hinaus sehr beliebt bei uns Menschen. Der Dualismus, das widerstreitende Spiel von Gut und Böse, ist eines der einfachsten Erklärungsmuster und auf den ersten Blick einleuchtend. Er ist auch ein Spannungsmotor für jede Geschichte.

Hiob, Herr der Ringe, Harry Potter

Im biblischen Buch Hiob zum Beispiel gerät die Hauptfigur, der gottesfürchtige und gute Mensch Hiob, wegen einer Wette zwischen Gott und Teufel in allergrösste Not. Bis zuletzt bange ich als Leser, ob Hiob nun völlig aufgerieben wird und sich enttäuscht vom Glauben an Gott verabschiedet oder durchhält. Wie die Geschichte ausgeht verrate ich Ihnen nicht, liebe Hörerin, lieber Hörer. Lesen Sie selbst nach! Der Kampf zwischen Gut und Böse gehört also zum Drehbuch einer erfolgreichen Geschichte – «Der Herr der Ringe» oder «Harry Potter» sind aktuelle Beispiele dafür. Vielleicht ist ja auch gerade deshalb die Bibel bis heute die Bestsellerin unter den Büchern!

Das Böse ereignet sich

Bei den Kriminalfällen, die im anfangs erwähnten True-Crime-Podcast obduziert werden, handelt es sich nicht um erfundene Geschichten, sondern um Böses, das sich wirklich ereignet hat. Das Böse ist Teil unserer menschlichen Wirklichkeit. Wir erleben es. Wir erfahren tagtäglich davon aus den Medien. Krieg ist böse. Menschen, die andere Menschen zur Gewalt anstacheln, sind böse. Dass Menschen zulassen, dass andere Menschen auf ihrer Flucht in ein besseres Leben im Mittelmeer ertrinken oder in einem Lieferwagen ersticken, ist böse. Auch ich ertappe mich selbst immer wieder dabei, Böses zu tun: Ganz besonders oft im Strassenverkehr beim Velo-Fahren. Dann zum Beispiel, wenn vor mir ein stinkendes, qualmendes Töffli fährt, nur knapp schneller als ich mit dem Velo, und ich seiner Abgaswolke die ganze Rorschacher Strasse entlang bis ins Stadtzentrum von St. Gallen ausgesetzt bin, dann schleicht sich bei mir ein ganz, ganz böser Gedanke ein und ich wünsche seinem Lenker… Nein, auch das gehört sich nicht an einem Sonntag-Morgen im öffentlich-rechtlichen Radio.

Moralisch handeln ist ein Lebensinstinkt

An mir selbst zeigt mir das Leben, dass es in jeder und jedem böse und gute Anteile gibt. Das heisst: Böses und Gutes gehört einfach zum Leben dazu. Gutes ist natürlich und Böses ist natürlich. Was aber nicht bedeutet, dass es egal ist, ob ich Gutes oder Böses tue. Gutes zu tun ist selbstverständlich wesentlich besser, als Böses zu tun. Bei meiner Fallanalyse zum Kriminalfall «Gut-Böse» bin ich in der Neurophilosophie auf eine spannende Erkenntnis gestossen: wir Menschen und mit uns alle Säugetiere haben ein natürliches Bewusstsein dafür, was moralisch gut ist. Nur deshalb können wir überleben, weil wir ein natürliches Bedürfnis in uns tragen, uns um unsere Nachkommen zu kümmern. Das wiederum setzt in uns Glückhormone frei – die Belohnung dafür, dass wir gut waren. Und das funktioniert bis heute bei uns Säugetieren, wenn wir sozial handeln und so Gutes tun. Wir handeln gut, weil uns unser Gehirn dabei gut fühlen lässt. Gutes zu tun, moralisch zu handeln, ist also keine Erfindung der Religion, sondern unser natürlicher Überlebensinstinkt.

Gott braucht keinen Gegenspieler

Was die Neurophilosophie daraus schlussfolgert, ist ein interessanter Schlüssel für diesen Fall: Böses, das sich in uns breit macht, wie zum Beispiel böse Gedanken, dient dazu, unsere Moral zu schulen. Wenn ich Böses denke, Böses wahrnehme, dann trainiere ich damit also mein Ideal vom Guten. Es hilft mir, mich bewusst auf das Gute auszurichten. Ich weiss, es klingt reichlich theoretisch, liebe Hörerin, liebe Hörer. Diese Überlegungen zeigen mir aber: Es braucht keinen Teufel, kein personifiziertes Böses wie in der Bibel beschrieben, um an Gott glauben zu können. Es gibt also keinen Teufel, weil Gott keinen Gegenspieler braucht!

Gutes und Böses ist versöhnt und geheilt

Die menschliche Erfahrung sagt mir: in allem, was ist, ist Gutes und Böses. Gott ist der Ursprung von allem, was ist, sagt mir unser Glaube. Dann aber ist Gott auch Ursprung von allem, was daraus entsteht. Das heisst, Gott lässt auch Böses zu. Leider, muss ich ganz ehrlich sagen… Ja, mit dem Bösen in uns und in der Welt müssen wir uns als Menschen also auseinandersetzen. Das gehört zum Leben dazu. Gleichzeitig hilft es uns aber dabei, das Gute nicht aus den Augen zu verlieren. Und weil in Gott aber alles seinen Ursprung hat, ist alles, Gutes und Böses, versöhnt, geheilt und heil – Gutes, sowieso, und Böses.

In Gott sein

So, jetzt fragen Sie sich vielleicht: Und, was kann ich nun davon Brauchbares für meinen Alltag mitnehmen?! Haben Sie keine Angst vor dem Bösen – aber tun Sie es nicht. Nehmen Sie das Böse als Erfahrungshorizont, um sich bewusst zu machen, was wirklich gut ist und tun Sie Gutes. Und seien Sie sich bewusst: in allem, was sie tun, was gelingt oder misslingt: Sie sind in Gott!

Ja, es ist doch gar nicht so schlecht, dass es solche True-Crime-Podcasts gibt und dass unsere Tochter diesen so gerne hört: sie trainiert dabei Ihre Vorstellung davon, was wirklich gut ist und was nicht. In guter Tradition von «Mord auf Ex» stosse ich nun zum Abschluss dieser Radiopredigt mit Ihnen an

– mit einer Tasse Kaffee natürlich zu dieser Sendezeit und nicht mit einem Cocktail – und wünschen Ihnen alles GUTE!

*Matthias Wenk arbeitet als römisch-katholischer Seelsorger in St. Gallen

Bibelstelle: Hiob 1

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