Weihnachten verspricht den «Frieden auf Erden». Trotz Putins Kriegstreiben glaubt die Ukrainerin Lyudmyla Zuber (41) an die Botschaft von Weihnachten. Früher arbeitete sie in einer Auto-Garage für Ferrari, Maserati und Audi. Heute engagiert sie sich rund um die Uhr für ukrainische Flüchtlinge. Ihr Sohn fragt manchmal: «Mama, kannst du dein Telefon nicht mal wegwerfen?»
Wolfgang Holz
Man muss genau hinschauen, um sie zu entdecken. Die blau-gelbe Friedenstaube, die auf ihrem schwarzen Pullover angesteckt ist. Die langen, blonden Haare von Lyudmyla Zuber (41) verdecken den kleinen Vogel diskret. Dabei ist dieser eigentlich seit Wochen und Monaten zu ihrer Mission geworden.
Denn die Mutter von zwei kleinen Kindern, die mit einem Golflehrer verheiratet ist, hat es sich zur Aufgabe gemacht, ihren Landsleuten zu helfen. Am 24. Februar hat Putins Armee die Grenzen ihres Heimatlands überschritten und Tausende von Menschen mit Panzern, Bomben und Raketen getötet und vertrieben.
Seit diesem Datum organisiert sie Hilfstransporte. Nicht alleine, sondern zusammen mit den anderen Mitgliedern des Vereins «Ukrainer in Bern».
«Wir haben bereits rund 150 Tonnen Hilfsgüter dieses Jahr in die Ukraine gebracht.»
Lyudmyla Zuber, Hilfsorganisatorin
«Wir haben bereits rund 150 Tonnen Hilfsgüter dieses Jahr in die Ukraine gebracht», sagt Zuber, die den Verein leitet. Hygieneartikel, Medikamente, Lebensmittel und vieles mehr sei in die Ukraine transportiert worden. «Die Solidarität mit der Ukraine ist in der Schweiz gleichgeblieben, aber der Umfang der Hilfe ist ein wenig zurückgegangen – weil der Krieg nun schon zehn Monate dauert.»
Während in der Ukraine der bitterkalte Winter übers Land zieht, scheint hier draussen vor der Tür an diesem Nachmittag hell und friedlich die Dezembersonne in den Hof hinter der Dreifaltigkeits-Basilika in der Stadtmitte von Bern. Die Sonne hat die Eisflächen auf dem Rasen zum Schmelzen gebracht.
Lyudmyla Zuber sitzt in einem der Unterrichtsräume der Dreifaltigkeitskirche. Hier werden samstags rund 85 ukrainische Kinder und Jugendliche in der ukrainischen Schule «Ridne Slovo» unterrichtet. Insgesamt zwölf Lehrpersonen kümmern sich ehrenamtlich um die Schülerinnen und Schüler.
«Die Kinder erhalten Unterricht in ukrainischer Sprache, sie lernen viel über die Kultur und die Traditionen ihrer Heimat», berichtet Lyudmyla Zuber begeistert. Auch Psychologinnen und Logopäden kümmern sich um die Heranwachsenden. Die Kinder können auch im Kinderensemble singen und bildnerisches Gestalten lernen. Die Mütter erhalten Deutschunterricht.
Lyudmyla Zuber lebt schon fast 20 Jahre in der Bundesstadt. 2003 war die Pädagogik-Studentin nach ihrem Uni-Abschluss ihren Eltern hierher gefolgt. Ihr Vater arbeitete in Bern von 2001 bis 2006 als ukrainischer Diplomat.
Die Diplomatentochter wollte eigentlich als Primarschullehrerin in der Schweiz arbeiten. Doch wurde ihr ukrainischer Abschluss nicht anerkannt. Aber die junge Frau hat sich nicht unterkriegen lassen und belegte an der Wirtschafts- und Kaderschule das Fach Personalwesen.
Von 2008 an arbeitete sie in einer Autogarage, die Nobelmarken wie Ferrari und Maserati im Sortiment hat. Hier war Sachbearbeiterin für Garantiefälle der Marke Audi. Einen Audi fährt sie auch heute noch. Ihre Stelle hat sie indes vorübergehend verlassen.
«Meine 60-jährige Mutter ist Ärztin und meint, ihr Platz sei jetzt in der Ukraine.»
Lyudmyla Zuber
Ihre Eltern leben längst wieder in der Heimat. Sie wollten auch nicht als Flüchtlinge wegen des Kriegs in die Schweiz zurückkehren. «Meine 60-jährige Mutter ist Ärztin und meint, ihr Platz sei jetzt in der Ukraine.» Ihr Vater, ebenfalls 60, sei inzwischen früh pensioniert. Erzählt’s, und ihr Blick wirkt plötzlich sehr traurig.
Die Flüchtlingshilfe ist ihr inzwischen zum Beruf geworden. Eine Tätigkeit, die sie quasi rund um die Uhr ausfüllt. Allein während des Interviews schaut sie mehrmals auf ihr Smartphone, weil sich wieder jemand bei ihr gemeldet hat. Ihr Organisationstalent und ihre Dienste sind offensichtlich gefragt. Da bleibt wenig Zeit für die Familie.
«Meine neunjährige Tochter Silvia ist manchmal traurig, weil sie verstehen kann, was in der Ukraine passiert. Dort leben ihre Grosseltern und dort war sie jeden Sommer», sagt Lyudmyla Zuber. Ihre Tochter schreibe «herzaufreissende» Briefe und malt dementsprechende Bilder. «Sie will, dass endlich wieder Frieden einkehrt in der Ukraine. Dass Russland aufhört, unsere Städte zu bombardieren. Und dass die Väter und Söhne wieder zu ihren Familien zurückkehren können.»
«Mein Mann hilft mir im Augenblick sehr mit den Kindern und unterstützt mich in allem.»
Lyudmyla Zuber, 41
Ihr dreijähriger Sohn Steven könne dagegen noch nicht nachvollziehen, warum seine Mama so wenig Zeit hat. «Mama, kannst du dein Telefon nicht mal wegwerfen», frage er sie deshalb ab und zu. Bei dem Gedanken an ihren Sohn hellt sich ihr Gesicht sofort auf. Ihr warmherziges Lächeln leuchtet wieder auf. «Mein Mann hilft mir im Augenblick sehr mit den Kindern und unterstützt mich in allem.»
Auch um das spirituelle Wohl ukrainischer Flüchtlinge kümmert sich Lyudmyla Zuber in Zeiten des Krieges. Sie, die sich auf persönlichen Wunsch im Alter von zwölf Jahren taufen liess, lädt viele Flüchtlinge zu den ukrainischen Liturgien in der Dreifaltigkeitskirche ein.
«Unser Pfarrer Volodymyr Horoschko ist jahrelang zu uns einmal pro Woche aus Lugano angereist. Wir hatten Glück. Jetzt wohnt er näher und feiert in der Krypta der Dreifaltigkeitskirche jeden Sonntagnachmittag einen Gottesdienst für die ukrainische Gemeinde der griechisch-katholischen Christen.»
In der Dreifaltigkeitskirche finden auch immer wieder Wohltätigkeitsveranstaltungen und Konzerte statt, um Spenden zu sammeln. Vor kurzem hat sich ein ukrainischer Kammerchor «Misericordia» zusammengesetzt.
«Früher kamen so um die 30 Menschen in die Messe, jetzt können es schon mal um die hundert sein.» Ein spirituelles Angebot, das die Ukrainerinnen und Ukrainer in Bern zu schätzen wissen. Die Messen würden die Kraft und den Glauben stärken. Denn der Krieg in ihrer Heimat kann sich noch lange hinziehen.
«Es gibt momentan keine Antwort darauf, wie lange der Krieg noch dauern könnte», sagt Lyudmyla Zuber. «Wir sind hier alle stolz, dass das ukrainische Volk so stark ist. Dass nicht alle unser Land verlassen und jeder auf seine eigene Art die Städte verteidigt.» Es sei wichtig, dass man von Europa weiterhin Hilfe erhalte, «und dass die Ukrainerinnen und Ukrainer, die hier sind, aktiv bleiben und mit eigenen Initiativen die Heimat unterstützen».
«Die russische Bevölkerung sollte erwachen und endlich verstehen, was für einen schrecklichen Krieg sie mit einem freien, unschuldigen Volk führt.»
Lyudmyla Zuber
Von russischer Seite erwartet sie in Sachen Frieden nicht viel. «Die russische Bevölkerung wird seit Jahren von der Putin-Regierung manipuliert, und rund 80 Prozent sind daher für den Krieg», sagt Lyudmyla Zuber. «Sie sollten erwachen und endlich verstehen, was für einen schrecklichen Krieg sie mit einem freien, unschuldigen Volk führen». Sie wünscht sich deshalb auch in Zukunft, dass die Ukraine weiter unterstützt wird.
«Weihnachten werden wir dieses Jahr wohl sehr bedrückt feiern», ist sie überzeugt. Doch die Botschaft des Fests, die Geburt Christi als Geschenk für die Menschen, macht ihr Mut.
«Trotz allem werden die Ukrainerinnen und Ukrainer immer noch das Leben und alle Werte dieses Feiertags feiern, beten und alles Mögliche und Unmögliche tun, um unseren grössten Traum wahr werden zu lassen – den Frieden in die Ukraine zurückzubringen.»
Die Hoffnung und die Liebe unter den Menschen bestehen trotz Krieg fort, ist die Ukrainerin überzeugt. «Das Licht überwindet die Dunkelheit, und am Schluss werden die Wahrheit und das Gute einfach gewinnen», sagt sie. Ihre Augen strahlen dabei eine innere Kraft aus.
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