Österreich streitet über «Grüss Gott»-Grussformel

Eine kurze Grussszene unter Politikern in Österreich soll die Debatte ausgelöst haben: Ist ein Gruss mit Verweis auf Gott heute noch akzeptiert? Da tun sich offenbar Gräben auf – zwischen ÖVP und SPÖ.

«Guten Tag» oder doch «Grüss Gott»: Eine flüchtige Bemerkung beim Untersuchungsausschuss zwischen ÖVP- und SPÖ-Mandataren reichte, dass sich in Österreich eine längst begraben geglaubte Debatte wieder entzündet hat.

Das Strohfeuer dauerte zwar nicht lange und wurde von einer prominenten Stimme, nämlich Wiens Bürgermeister Michael Ludwig, gleichsam wie mit einem Kübel Wasser gelöscht – oder auch nicht? Zu denken gibt jedenfalls, wie viele – durch zahlreiche Pressekommentare ersichtliche – Emotionen das schon fast ein Jahrhundert währende, parteipolitisch aufgeladene Hickhack rund um eine religiös hergeleitete Anredeformel jedoch heute noch auszulösen imstande ist.

ÖVP versus SPÖ

Schon der Anlass und eigentliche Hergang ist strittig, da nicht in den mitstenografierten Protokollen ersichtlich und von den Beteiligten in verschiedener Version erzählt. ÖVP-Landesgeschäftsführer Bernhard Ebner soll beim Betreten des Untersuchungsausschusses die Sitzreihen entlang gegangen sein und mehrere Male mit «Grüss Gott» gegrüsst haben, bis ihn der SPÖ-Fraktionsführer des Ausschusses, Kai Jan Krainer, mit «In Wien sagt man Guten Tag» zurechtgewiesen haben soll. Ebner soll «Wir in Niederösterreich sagen Grüss Gott» erwidert, Krainer dann mit «Wir sind aber nicht in Niederösterreich» gekontert haben, skizzierte «Österreich» (6. Dezember) den Hergang nach.

Hin und Her

Nach mehreren Anläufen zunächst auf Twitter gelang es der ÖVP erst mit einer Mitteilung vom 3. Dezember, den Schneeball ins Rollen zu bringen. «Wer Grüss Gott’ sagt, der wird von der SPÖ verbal angegriffen», echauffierte sich dabei die ÖVP-Abgeordnete Corinna Schwarzenberger. Krainer habe, befand Schwarzenberger, «kein Gespür für die Menschen im Land», ausserdem zeige die Szene generell, wie abgehoben die SPÖ agiere.

Auch weitere Parteigänger beider Seiten nahmen zum Vorfall Stellung. Tags darauf zog allerdings SP-Grande Michael Ludwig in der ORF-Pressestunde die Notbremse, indem er mit einem «Grüss Gott und guten Morgen» begann – und mit dieser offenkundigen Spitze gegen seinen Parteifreund das Ende der Debatte besiegelte.

Relikt eines Kulturkampfes

Analysten waren dennoch zur Stelle und erinnerten, dass im «Guten Tag» die Zwischenkriegszeit nachhalle, als man sich in der antiklerikalen SPÖ zunächst mit «Freundschaft» begrüsste und dann auf das «Guten Tag» einschwenkte. Bis in die 1990er-Jahre habe in der zwischen Rot und Schwarz aufgeteilten Republik im öffentlichen Dienst eine «hermetische Grussgrenze» bestanden, schrieb in den «Salzburger Nachrichten» (6. Dezember) Alexander Purger, und weiter: «Die rote Beamtenschaft grüsste mit ‘Guten Tag’ (sprich: ‘Taaag’), die schwarze mit ‘Grüss Gott’ (sprich: ‘s’God’).Und nie – wirklich nie – wurde diese Grenze überschritten.

Gemeinsam: «Mahlzeit»

Nur zwischen 11 und 14 Uhr herrschte Gruss-Waffenstillstand. Da grüssten die Roten und Schwarzen gleich, nämlich mit ‘Mahlzeit’.» Dennoch habe auch «Mahlzeit» religiösen Hintergrund, sei es doch die Kurzform von «Gesegnete Mahlzeit», setzte der Sprachforscher Robert Sedlaczek auf Puls4 (6. Dezember) entgegen. In den 1920ern seien Sozialdemokraten daher auf «Gspeist z’ham» – Kurz für «Wünsche, gut gespeist zu haben» – ausgewichen.

«Grüss Gott» auch in Wien

Den Sprach-Gepflogenheiten speziell in der Bundeshauptstadt ging die «Wiener Zeitung» (6. Dezember) noch weiter auf den Grund. Die Behauptung, in Wien grüsse man nicht mit «Grüss Gott», sei unrichtig, schrieb Christina Böck. Nicht von der Hand zu weisen sei jedoch, dass Wien erst kürzlich wieder zur «unfreundlichsten Stadt der Welt» gewählt worden sei.

«Hearst» sei dort als Gruss noch die höfliche Variante zum genauso gebräuchlichen «Hearst, Gschissena!» In der U-Bahn geläufig sei «ein knackiges ‘Foisch!’, wenn wieder jemand links auf der Rolltreppe steht, ein gezischtes ‘Weiter!’, wenn wieder niemand ins Zuginnere weitergeht, und ein empathisches ‘Aufpassen!’, wenn einer auf die Gleise stolpert».

Minigruss «No?»

Auch der «wahrscheinlich ökonomischsten Gruss überhaupt» stamme aus Wien, nämlich ein «nuanciert gefragtes: ‘No?’ Die Antwort darauf ist im Idealfall ein sanft balanciertes: ‘Eh.’ Und das Gespräch ist damit auch schon eingehend geführt und abgeschlossen.»

Begrüssung zunehmend legerer

Anlass zur Rückbesinnung auf die Bedeutung von «Grüss Gott» lieferte die Episode jedenfalls auch. Der in Österreich, Bayern und Baden-Württemberg sowie Südtirol gebräuchliche Gruss sei keine Aufforderung, sondern genau genommen umgekehrt der Segenswunsch: «Es grüsse dich Gott», war im «Standard» (5. Dezember) zu lesen.

Ähnlich verhalte es sich mit «Pfiat di Gott», das von «Behüt dich Gott» abstamme, oder mit dem schweizerischen «Grüezi». Wegen dieses Hintergrundes werde «Grüss Gott» allen voran «von religiös geprägteren, konservativeren Menschen verwendet», während «säkularere, links orientierte Personen» eher vermehrt zu anderen Formulierungen wie zum «Begrüsse Sie» oder eben «Guten Tag» griffen.

Von wegen Religion

Allerdings gebe heute die Art der Begrüssung weniger eindeutig Aufschluss über die politische Zugehörigkeit, heisst es in dem Zeitungsbericht weiter, habe doch «Grüss Gott» mit Religion ebenso wenig zu tun wie «Gott sei Dank». Dies sei unter anderem eine Folge des Einzugs anderer, weniger förmlicher Anreden in den Sprachgebrauch, wie etwa das freundschaftlichere «Hallo» oder sein englisches Pendant «Hi».

Umfragen zufolge blieben amikale Grussidiome wie «Griass di/eich» oder «Servus» beliebt – mit je bundesländerspezifischen Abwandlungen. Jüngere verwendeten bei der Verabschiedung häufig das norddeutsche «Tschüss» oder das italienische «Ciao».

Christliche Kultur

Der Sprachforscher Robert Sedlaczek schrieb in der «Wiener Zeitung» (7. Dezember), der religiöse Hintergrund von «Grüss Gott» sei in der Alltagskommunikation weitgehend nicht mehr bewusst. «Wer stattdessen ‘Ich grüsse Sie’ oder ‘Grüssi’ sagt, ändert im Kern nicht viel. Selbst in ‘Pfiat di» ist das Wort ‘Gott’ mitzudenken.» Wer auf den Gruss mit der Zurechtweisung: «Grüssen Sie nicht Gott, sondern lieber mich!» reagiere, sei «unhistorisch», habe doch «grüssen» im Mittelhochdeutschen auch so viel wie «zuwenden» und «segnen» bedeutet. «Gemeint ist also: Gott möge dich segnen! Gott möge mit dir sein!», schrieb Sedlaczek, der festhielt: «Unsere Kultur ist eine christliche, dagegen kann und will ich mich auch als Agnostiker nicht wehren.»

Dass Begrüssungsformeln im Verlauf der Jahre legerer wurden, wusste Knigge-Expertin Christine Unger im «Kurier» (7. Dezember). «Heute sagen auch Erwachsene zum Teil ‘Servus’, ‘Hallo’ oder ‘Bussi’, obwohl man sich gar nicht kennt.» Die Umgangsformen passten sich an «an die allgemeine Unverbindlichkeit, die immer mehr Einzug hält».

Jugendliche sagen «Hey»

Unter Jugendlichen spiele die Frage «Grüss Gott» oder «Guten Tag» heute ohnehin keine Rolle mehr, hätten sie doch eine eigene Sprache. «Wenn sie einander grüssen, sagen sie ‘Hey’ oder ‘Was geht, Oida’.

Wichtig wäre aber, dass sie im Umgang mit Erwachsenen immer noch ‘Grüss Gott’ oder ‘Guten Tag’ sagen, weil das einfach respektvoller ist.» In Richtung Parteien empfahl die Benimm-Expertin, «Grussformeln in Zeiten zunehmender Polarisierung nicht auch noch zu politisieren».

Ausdruck gegenseitiger Verletzungen

Eine solche Re-Politisierung dürfte dennoch stattgefunden haben. Politikberater Thomas Hofer nannte das «wenig intelligente Wortgefecht» in der «Kronen Zeitung» (5. Dezember) einen Hinweis darauf, «wie gross die Differenzen sind» – nämlich zwischen ÖVP und SPÖ.

Gegenseitige Verletzungen der letzten Jahre kämen hier zum Vorschein, und es sei bezeichnend, dass sich die Parteien durch so eine Petitesse auf die Palme bringen liessen. «Für die Leute entsteht der Eindruck: Habt ihr keine anderen Sorgen?». Andere wie Erwin Pröll und Michael Häupl «hätten die Debatte mit ein paar flapsigen Sprüchen mit Humor beendet», so der offenbar mit der Lösung von Michael Ludwig nicht zufriedene Berater.

Klarstellung

Auch SPÖ-intern dürfte die Begebenheit Wogen hochgehen lassen haben. Bernhard Heinzelmaier schrieb im Portal «eXXpress» (7. Dezember), das «Doppelspiel» innerhalb der Partei habe nun endlich ein Ende gefunden dank Krainer, der klargestellt habe, «dass die SPÖ nicht die Partei der österreichischen Christen, weder der katholischen noch der reformierten, sein will».

Das sei «zwar machttaktisch nicht vernünftig, aber es sind damit klare Verhältnisse geschaffen. Ist man ein konservativer Christ, dann wählt man von nun an die ÖVP, steht man auf der Seite der Linkskatholiken, dann die radikal-moralistischen Grünen.»

SPÖ: für Atheisten und Agnostiker

Die SPÖ sei damit «aus dem politischen Wettbewerb um die christliche Wählerschaft ausgestiegen und kann sich ab sofort auf die mächtige Massenbewegung der Atheisten und Agnostiker konzentrieren und, wie schon bisher, ihrer Vorliebe für die massenhaft zuwandernden Muslime frönen».

Die Emotionsgeladenheit des Themas auf Gesellschaftsebene brachte niemand eindringlicher zum Ausdruck als Michael Jeannée in der «Kronenzeitung» (6. Dezember) – und zwar mit Kraftausdrücken. Die Debatte sei «zum Gotterbarmen bescheuert» und man müsste Kai Jan Krainer «idiotisch, vertrottelt oder kaputt in der Marille» nennen, dürfte man denn einen Nationalratsabgeordneten so bezeichnen, so der fragwürdige Kunstgriff des Kolumnisten.

Schliesslich habe sich der Sozialdemokrat «den schönsten Gruss auf dieser Welt, das zutiefst österreichische ‘Grüss Gott’, verbittet», weshalb er wohl «ganz und gar von Gott verlassen» sein müsse. Krainer sei deshalb «ein armes Schwein, wenn er auch ausdrücklich kein Schwein ist». Einer «Krone»-Umfrage zufolge würden 80 Prozent der Bevölkerung weiterhin «Grüss Gott» befürworten, so Jeannée. Anderen Zeitungsberichten zufolge würden jedoch nur noch ein Fünftel der Bevölkerung damit grüssen.

Atheistischer Kopftuch-Vergleich

«‘Grüss Gott’ eignet sich bestenfalls noch für den Pfarrgemeinderat», schrieb hingegen Gerhard Engelmayer, Sprecher des Humanistischen Verbandes Österreich, im «Kurier» (7. Dezember). Der Gruss sei «mittelalterlich» und deute auf eine «religiöse Hegemonie», um die es heute nicht mehr gehen dürfe, sei doch Gott «für die Mehrheit der Bürger irrelevant geworden», so der bekennende Atheist, der fragte: «Warum muss ein Gruss ewig halten, in einer Welt, in der sogar weite Teile der Sprache demontiert werden, um auf eine Gruppe von Menschen aufmerksam zu machen?»

Ähnlich wie beim muslimischen Kopftuch für Frauen werde beim «Grüss Gott» religiöser Glaube für politische Statements missbraucht, was abzulehnen sei. Grussformeln sollten eher gegenseitige Achtung als Achtung vor einem «Wesen, das wir verehren» ausdrücken. Engelmayer: «Was wenn morgen die islamische Bevölkerung in der Früh in die Bäckerei kommt und alle mit ‘Allah ist gross’ begrüsst?»

Gendern als «Grüss Göttin»

Andere nahmen es mit Humor. Bernhard Ebner «konnte es nur falsch machen», witzelte Karl Gaulhofer in der «Presse» (6. Dezember). «Grüss Gott» sei «natürlich heikel. Es wirkt auf Fremde wie ein forscher Befehl, vor dem Kirchturm auf dem Dorfplatz den Trachtenhut zu lüften.» Auch ähnliche «Floskeln» wie «Helf Gott» oder «Vergelt’s Gott» würden daran «laborieren, dass man sich damit den vielen gottfernen Mitbürgern entfremdet», zudem seien sie nicht gegendert, «es sei denn, wir weichen jedes zweite Mal auf ‘Grüss Göttin’ aus.»

«Guten Tag» hingegen schaffe «eine fast feindselige Distanz», «ich grüsse Sie» sei eine «sterile Notlösung», «Grüssi» ein «infantiler Sekretärinnensprech aus Wien». Heute sei mehr Diversität als in Proporzzeiten vonnöten. «‘Freiheit!’ böte sich in Neos-Kreisen an. Unter Grünen mag ‘Grüss Gaia’ oder ‘Gutes Klima’ für Stimmung sorgen. Nicht wissen wollen wir, bei welchem Gruss manche FPÖ-Veteranen ihr Heil suchen. Und auch für unsere Nichtwähler soll etwas dabei sein? Aber hallo!»

Ein «Sensibelchen»?

Belustigt über den «Grüss-Gott-Gate» war auch der «Falter» (7. Dezember). Dass die Volkspartei so empört aus allen Rohren schiesse, lasse vermuten, dass «mit Gerald Fleischmann ein identitätspolitisches Sensibelchen die Presseabteilung der ÖVP übernommen» habe.

Andere bekundeten Unmut über das Sprachspiel. Es gebe «keine richtige oder falsche Formel, nur Konventionen», sagte der Grazer Germanist Rudolf Muhr in der «Kleinen Zeitung» (6. Dezember). Die nunmehrige Debatte sei «unnötig wie ein Kropf» und «zu Unrecht politisch aufgeladen».

Nonsens-Diskussionen

Katja Wagner in der «Krone» (7. Dezember) bezeichnete es schliesslich als «österreichisches Phänomen, dass in angespannten Zeiten die Politik durch solche Nonsens-Diskussionen verblödelt wird». Wenn der Durchschnittsösterreicher nicht wisse, wie er durch den Winter kommen solle und der politische Diskurs «von Grüss-Gott-Pöbeleien, teuren Klavier-Einkäufen oder internen Machtspielen» durchsetzt sei, mangle es offensichtlich an Sensibilität.

Innenpolitik ist «Oh Gott»

Als einzige kirchliche Stimme schaltete sich bislang der «Hirtenhund» der Wiener Kirchenzeitung «Der Sonntag» (8. Dezember) in die Debatte ein. Er könnte der österreichischen Innenpolitik dafür «eine pracken», meinte der anonyme Verfasser der wöchentlichen Kolumne mit Verweisen auf den soeben verstorbenen «Mundl»-Mimen Karl Merkatz.

Angesichts des Zustandes der Innenpolitik komme ihm «eher ein ‘Oh Gott’ oder gar ein ‘Gute Nacht’ über die Lefzen». Wohl kein Produkt des Zufalls war weiters auch das Titelblatt der NÖN (7. Dezember), auf dem zum Bild eines taufenden Bischofs Alois Schwarz in grossen Lettern zu lesen war: «Die Diözese St. Pölten sagt ‘Grüss Gott'».

«Faithsensible Sprache»

Und schliesslich war da noch der «Furche»-Kommentar von Otto Friedrich (7. Dezember), der als «Angehöriger der diversen Bevölkerungsgruppe CMBHAAAF*+ (Christian-Muslim-Buddhist-Hinduist-Animist-Atheist-Agnostic-Faithless, das *steht für übrige Glaubensrichtungen, + für alle zusätzlichen Denkungsarten)» einen satirischen offenen Brief schrieb.

Seine Forderung: «Eine umgehende und vollständige faithsensible Durchforstung des Alltagsidioms.» Insbesondere sei jede Verwendung des historisch belasteten und für Nichtglaubende inakzeptablen Wortes «Gott» hintanzuhalten und stattdessen durch «» zu ersetzen: «Also künftighin «» sei Dank’, ‘um «»es willen’, ‘Grüss «», «»fried, bi»«». All das zumindest im Schriftverkehr, während im gesprochenen Deutsch ein «dreifacher Klicklaut» eingefügt werden solle. So werde, spöttelte Friedrich, «faithsensible Sprache für alle von Anfang an auch im Hören präsent», wobei dann fruchtlose Glaubensdiskussionen als erledigt abgehakt werden könnten – «in «»es Namen». (kap)


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.kath.ch/newsd/oesterreich-streitet-ueber-gruess-gott-grussformel/