Pfarrer Anthony Chukwu: «Die Menschen aus möglichst vielen Perspektiven kennenlernen, um zu helfen»

Der Nigerianer Anthony Chukwu (59) hat neben einem Studium der Philosophie und Theologie auch einen Doktortitel in Klinischer Psychologie. Als er das erste Mal Schnee sah, wollte er ihn in einem Paket in seine Heimat schicken. Was er aus Nigeria vermisst: Spontaneität. Heute begeht der Pfarrer der St. Martinsgemeinde in Baar auf den Tag genau sein 30-jähriges Priesterjubiläum.

Wolfgang Holz

Antony Chukwu hat echt Humor. Als die Pfarreisekretärin es nicht schafft, mit dem Zündholz an der Streichholzschachtel eine Flamme zu entfachen, um die Kerze auf dem Tisch im Besprechungszimmer anzuzünden, sagt Pfarrer Anthony Chukwu zu ihr: «Gib mir das doch mal – in Gottes Hände!»

Aber als auch bei ihm will der Funke nicht überspringen will. Kurzerhand entflammt die Pfarreisekretärin das Streichholz im Flur an einer brennenden Kerze. Der 59-jährige Seelsorger lacht spontan.

Herzliches Lachen

Es ist ein herzliches Lachen, das aus der Tiefe seiner Seele leidenschaftlich hervorklingt. Wenn dann noch die Zahnlücke zwischen seinen blitzenden Zähnen aufscheint, hat Anthony Chukwu das Herz seines Gegenüber schon gewonnen.

Der Seelsorger der Pfarrei St. Martin in Baar wirkt vital und lebensfreudig. Sein perfekt gebügeltes weisses Hemd scheint seine Aufgeräumtheit und seine gute Laune geradezu zu unterstreichen.

Einstimmig wiedergewählt

Kein Wunder. Wurde der bisherige Pfarradministrator doch jüngst einstimmig bei der Bestätigungswahl der katholischen Kirchgemeindeversammlung zum Pfarrer gewählt. Seit neun Jahren ist er nun Seelsorger in Baar, der grössten Pfarrei des Bistums Basel. Bereits im August bestimmte ihn Diözesanbischof Felix Gmür zum leitenden Priester des neuen Pastoralraums Zug Lorze.

«Ich finde es gut, wenn die Gläubigen den Pfarrer wählen können.»

Anthony Chukwu, Pfarrer von St. Martin in Baar

«Ich finde es gut, wenn die Gläubigen den Pfarrer wählen können», ist Chukwu überzeugt. «Denn das ist für mich wie eine Legitimation, dass man sich von den Gläubigen getragen fühlt.» In seiner Heimat Nigeria «fühlen sich Priester noch wie Häuptlinge».

Er selbst wolle kein «Häuptling» sein. «Ich möchte die Menschen durch meine seelsorgerliche Leistung überzeugen», sagt er. Will heissen: Menschlich und fürsorglich zu sein. Damit die Gläubigen ihren Pfarrer auch gernhaben können.

Von afrikanischen Bräuchen entfernt

Schon lange hat sich Anthony Chukwu von afrikanischen Bräuchen entfernt. Von der Welt des Voodoo, von Wunderheilern und Medizinmännern, die in seiner Heimat auch eine Art Konkurrenz darstellen zum christlichen Glauben. «Denn in Afrika kann es bei Meinungsverschiedenheiten schon passieren, dass man plötzlich als von bösen Geistern Heimgesuchter betrachtet wird.»

Der Geistliche stammt aus der dörflichen Gemeinde Arondizuogu in Südnigeria. Er wollte schon früh mehr über den rationalen Geist des Menschen erfahren. In seiner Heimat beschäftigte er sich zunächst vier Jahre lang mit Philosophie.

«In Innsbruck habe ich das erste Mal Schnee gesehen, den ich sogar in einem Paket nach Hause schicken wollte.»

Anthony Chukwu

«Das müssen in Nigeria alle machen, die Priester werden wollen», erklärt Chukwu. Danach studierte er mittels eines Stipendiums der Jesuiten auf Wunsch seines Bischofs in Innsbruck Theologie. «Hier habe ich das erste Mal Schnee gesehen, den ich sogar in einem Paket nach Hause schicken wollte.» Die Tiroler Postbeamtin habe ihm dann aber davon abgeraten.

Wissensdurst längst nicht gestillt

Als er am 8. Dezember 1992 im Alter von 29 Jahren in seiner Heimat zum Priester geweiht wurde, war sein Wissendurst aber noch längst nicht gestillt.

Denn als er danach im Fricktal zuerst in Sulz und dann in Laufenburg 20 Jahre lang als Seelsorger wirkte, begann er gleichzeitig an der Universität Basel seine Ausbildung in Klinischer Psychologie, die er mit dem Doktortitel abschloss. «Ich studierte in diesem Zusammenhang auch vier Jahre Medizin», sagt Chukwu und lächelt. Fertig war er mit seinen akademischen Weihen erst im Alter von 43 Jahren.

Seine Mutter war zunächst traurig

Aber warum hat er diese geistige «Tour de Force» neben seinem Dienst als Priester auf sich genommen? «Ich möchte den Menschen aus möglichst vielen Perspektiven kennenlernen, um ihm wirklich helfen zu können.»

Indes habe es ihm seine Mutter nicht leicht gemacht, als Seelsorger nach Europa zu gehen. «Als Zweitjüngster unter neun Geschwistern fragte sie mich damals, warum denn gerade ich vom Bischof aus Afrika weggeschickt werde», erinnert sich Chukwu mit einem spürbaren Hauch von Wehmut.

«Unsere Kirchgemeinde ist lebendig. Lebendiger als andere Kirchgemeinden.»

Anthony Chukwu

Denn damals war gerade sein Vater gestorben, und seine Mutter habe sich in der Trauerphase befunden. Sie wollte in diesem Moment nicht auch noch ihren «Vorzeigesohn» verlieren. Doch nun lebt Chukwu fest etabliert in der Schweiz. Mit allen Vorzügen und Problemen.

«Unsere Kirchgemeinde Baar steht finanziell sehr gut da», sagt er. Er arbeitet in einem 16-köpfigen Team, das über zig ehrenamtliche Helferinnen und Helfer verfügt. Die grosse, barocke St. Martinskirche ist zwar sonntags bei Gottesdiensten auch weit davon entfernt, bis auf den letzten Platz gefüllt zu sein. «Doch unsere Gemeinde ist lebendig. Lebendiger als andere Kirchgemeinden», ist Chukwu überzeugt.

Kirchenschwund ein gesellschaftliches Problem

Er zeigt sich realistisch, was die Möglichkeiten angehen, neue Kirchgänger zu gewinnen. «Der Kirchenschwund ist ein gesellschaftliches Problem. Wenn ich jeden Sonntag Gospelgottesdienste mit Trommeln veranstalte, besteht die Gefahr, dass ich die treuen und traditionellen Kirchgängerinnen und Kirchgänger, die gerne unsere Gottesdienste besuchen, unzufrieden mache.» In der Kirche hierzulande gehe es eben nicht so spontan und bunt zu wie in seiner Heimat.

Allerdings sei er immer bereit, neue Formen der Liturgiegestaltung auszuprobieren. «Ich habe mir schon mal überlegt, es in Zukunft mit Dialogpredigten zu versuchen, um vielseitige Stimmen in den Gottesdienst zu holen», lässt Chukwu wissen.

«Ich bin alleine glücklich und komme gut zurecht.»

Anthony Chukwu

Und wie denkt der Baarer Pfarrer über die Grossbaustellen in der katholischen Kirche? «Was das Zölibat betrifft, schliesse ich mich der Meinung vieler Schweizer Geistlichen an: Jeder, der sich dazu berufen fühlt, sollte Priester werden können – egal, ob mit oder ohne Frau.» Im selben Atemzug stellt er klar: «Ich bin alleine glücklich und komme gut zurecht.»

«Sexueller Missbrauch eine grosse Schande»

Aber ist das Zölibat nicht auch eine Ursache für den grassierenden Missbrauch in der katholischen Kirche? «Sexueller Missbrauch ist eine grosse Schande für die Kirche. Und die Kirche tut gut daran, durch Sensibilisierung der Öffentlichkeit und durch Aufklärung in den eigenen Reihen diesem Übel entgegenzuwirken», fordert Chukwu. Es greife aber zu kurz, Missbrauch nur auf das Zölibat zu reduzieren: Pädophilie sei ein gesellschaftliches Problem, das es eben auch in der Kirche gebe.

Auch zum Frauenpriestertum hat er eine klare Meinung: Anthony Chukwu sieht keinen einzigen fundierten theologischen Grund, warum Frauen nicht auch ordiniert werden könnten. «Doch in der katholischen Kirche wollen die Männer die Frauen nicht in ihre Domäne eindringen lassen.»

Frauen am Altar – nur noch eine Frage der Zeit

Er ist aber überzeugt, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis Frauen am Altar stehen dürfen. Eine Monika Schmid, die durch ihre Konzelebration international für einen Skandal sorgte, kann sich der 59-Jährige in Baar jedoch ehrlicherweise nicht vorstellen. «Weil der Bischof dann keine Freude mit mir hätte.»

«Der Papst regiert im Vatikan eben nicht allein. Reformen zeitigen Gewinner und Verlierer.»

Anthony Chukwu

Bleibt noch der Papst. «Wir haben einen sehr guten und sehr offenen Papst. Allerdings sind viele Theologinnen und Theologen enttäuscht, dass seinen liberalen Worten zu wenige Taten folgen.» Chukwu zeigt aber Verständnis für die Position des Heiligen Vaters. «Er regiert im Vatikan eben nicht allein. Reformen zeitigen Gewinner und Verlierer.»

Inzwischen haben die Glocken der St. Martinskirche das Mittagsgeläut erschallen lassen. Anthony Chukwu steht draussen vor der Open-Air-Krippe, die ursprünglich ein Italiener in Heimarbeit vor Jahren liebevoll bastelte. Jedes Jahr wird sie während der Adventszeit neben der Kirche aufgebaut, wo viele Eltern und Kinder das beleuchtete Krippendorf bestaunen.

Synodaler Prozess vielleicht die Lösung?

«Ich kann mir vorstellen, dass am Ende des synodalen Prozesses der Papst den einzelnen Regionen der Kirche in der Welt die Freiheit schenken wird, ihre spezifischen Probleme selbst zu lösen – so wie es schon im Zweiten Vatikanischen Konzil angedacht war», sagt Chukwu.

Dann könne in Europa möglicherweise der gewünschte klerikale Reformprozess wirklich umgesetzt werden. «Europa muss sich aber bewusst werden, dass es längst nicht mehr das Zentrum der katholischen Welt ist.»


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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