Joseph Ratzinger brachte Franz Böckle zur Weissglut

Andreas Büsch hat als Bonner Student den Glarner Theologen Franz Böckle erlebt. Dieser schoss hart gegen Joseph Ratzinger. Büsch ist überzeugt, auch heute noch würde sich Böckle über so manchen Bischof und Kardinal aufregen: «Wie kann man nur gewisse Dinge so rückwärtsgewandt beurteilen?»

Jacqueline Straub

Wie würden Sie einem jungen Menschen erklären, wer Franz Böckle war, der von 1921 bis 1991 gelebt hat?

Andreas Büsch*: Er war einer der bedeutendsten Schweizer Moraltheologen, der bis 1988 an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn gelehrt hat und mit seiner Fundamentalmoral einen Klassiker herausgegeben hat.

Wie war er als Professor?

Büsch: Spannend, pointiert. Auch politisch und fordernd.

Was haben Sie bei ihm gelernt – abgesehen vom inhaltlichen Lehrstoff?

Büsch: Dass man Kant auf zweieinhalb Seiten zusammenfassen kann. Wir Studierenden haben dann zweieinhalb Wochen gebraucht, um das nachzuvollziehen und zu verstehen.

«Böckle und Ratzinger hatten gemeinsam bei Karl Rahner studiert.»

Welche Sätze sind Ihnen von Böckle noch in Erinnerung?

Büsch: Wir hatten ein Blockseminar an einem Wochenende. 1985 erschien ein Text über einige Aspekte der Theologie der Befreiung von Joseph Ratzinger. Böckle kam in das Seminar herein und tobte. Er sprach in diesem Moment Schweizerdeutsch und sagte, dass er nicht verstehe, wie man sich als Mensch und Theologe so verändern könne. Böckle und Ratzinger hatten damals gemeinsam bei Karl Rahner studiert.

Was machte das mit Ihnen?

Büsch: Das hat mich nachhaltig beeindruckt. Weil sich ein Priester, Wissenschaftler, Theologe so klar positionierte. Er zeigte mir, dass wir uns in der Kirche nicht immer in dieser Harmoniesauce aufhalten dürfen. Wir sind alle die katholische Kirche – auch wenn wir unterschiedliche Positionen haben. Wir müssen streiten.

Hat es Sie auch beeindruckt, dass er die deutschen Bundeskanzler beraten hat?

Büsch: Ich muss gestehen, nicht so sehr. Das ist aber eine grosse Auszeichnung.

«Wir müssen unseren Glauben rational verantworten.»

Welche Reformanliegen waren Franz Böckle wichtig?

Büsch: Ich habe bei ihm verstanden, dass wir unseren Glauben rational verantworten müssen, dass wir das ethische Urteil philosophisch und theologisch abwägen und begründen müssen und dass es dazu die Kraft des Gedankens und des Wortes braucht, das wirklich auch anzuwenden.

Was würde Franz Böckle zum synodalen Prozess in der Kirche sagen?

Büsch: Ich vermute, er würde sich über einige Akteure, Bischöfe wie Kardinäle, sehr aufregen: Wie kann man sich nur den Zeichen der Zeit so verweigern? Wie kann man nur gewisse Dinge so rückwärtsgewandt beurteilen?

«Möglicherweise ist das ein Schweizer Merkmal.»

Haben Sie gemerkt, dass Franz Böckle von der Schweiz geprägt war?

Büsch: Es mag nun klischeehaft klingen, aber vielleicht tatsächlich diese Freiheit im Geist, im Denken und im Sprechen. Möglicherweise ist das ein Schweizer Merkmal.

Was bleibt von ihm in Erinnerung?

Büsch: Dass die ethischen Massstäbe für unser Handeln, sei es als Kirche, sei es als Christinnen und Christen im Alltag, eine bleibende Anforderung sind.

* Andreas Büsch (59) ist Professor für Medienpädagogik und Kommunikationswissenschaften an der Katholischen Hochschule Mainz und Leiter der Clearingstelle Medienkompetenz der Deutschen Bischofskonferenz an der KH Mainz.


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