Der Liechtensteiner Theologe Günther Boss hat das jüngste Hirtenwort von Erzbischof Wolfgang Haas gelesen. Und gemerkt: Haas «ist fest davon überzeugt, dass er nicht zufällig zum Bischof gewählt worden war, sondern sozusagen von Ewigkeit her von Gott dazu bestimmt ist.» Ein Gastkommentar über eine bischöfliche Selbstüberschätzung*.
Günther Boss
«Erwählt. Er fühlt sich erwählt!» – Endlich hatte ich das Wort gefunden. Ein polnischer Journalist hatte mich diesen Oktober in Liechtenstein aufgesucht, weil er ein Buch über Papst Johannes Paul II. schreibt, darin ein Kapitel über Bischof Wolfgang Haas.
Wir besuchten die Pfarrkirche Vaduz mit dem goldigen Bischofsthron und dem unsichtbaren Bischofsgrab, sahen auf Dux die Bronzestatue von Papst Johannes Paul II. und das Gnadenbild, fuhren runter zu (ehemals) Keramik Haas in Schaan und schliesslich zum Wohnsitz des Bischofs beim Frauenkloster Schellenberg. Wolfgang Haas selbst konnten wir nicht erreichen – nicht auf schriftlichem Weg, nicht übers Telefon und nicht an der Pforte.
«Was ist denn so besonders an diesem Wolfgang Haas?», fragte mich der Autor bei der Rückfahrt ins Oberland. Ich versuchte eine Antwort: «Du musst etwas von Augustinus verstehen, etwas über Vorsehung und Prädestination, etwas über den Plan Gottes für jeden Einzelnen von uns und für die ganze Weltgeschichte.»
Dann kam das erlösende Wort über meine Lippen: «Erwählt! Wolfgang Haas fühlt sich erwählt! Er ruht sehr stark in sich selber, das fasziniert auch manche Menschen an ihm. Die Weltläufe können ihm nichts anhaben. Er ist fest davon überzeugt, dass er nicht zufällig zum Bischof gewählt worden war, sondern sozusagen von Ewigkeit her von Gott dazu bestimmt ist.»
Gestern wurde überraschend ein «Transparentes Hirtenwort von Erzbischof Wolfgang Haas zum 25-jährigen Bestehen des Erzbistums Vaduz» veröffentlicht. Dieses Hirtenwort endet mit dem Hinweis auf die «göttliche Vorsehung» und bestätigt meine Einschätzung. Wolfgang Haas sieht sich in klassischer Diktion als Nachfolger der Apostel und deutet seine Zeit auf Erden in heilsgeschichtlichem Massstab. Wir würden ohnehin in der Endzeit leben und das Weltende erwarten, den ewigen Richter, schreibt er.
Angesichts dieses weltgeschichtlichen Panoramas waren die Proteste bei der Einsetzung von Wolfgang Haas zum Erzbischof von Vaduz am 21. Dezember 1997 bloss «etwas widrige und durchaus auch beschämende äussere Umstände». Und die «Beleidigungen und Ungerechtigkeiten» sieht er als Hilfe, «die Tugend der Demut zu üben». In diesem apokalyptischen Tableau erscheint seine wahrscheinliche Emeritierung im nächsten Jahr wie eine Bagatelle. «Nun wird in jüngster Zeit mit einer fast schon peinlichen Penetranz und Insistenz gefordert, dass vonseiten des Erzbistums Transparenz bezüglich der Zukunft unserer Erzdiözese sowohl in institutioneller als auch in personeller Hinsicht gezeigt wird.»
Leider aber kann man diesem Hirtenwort zu diesen konkreten Fragen keine neuen Informationen entnehmen. Die grosse Heilsgeschichte weiss zu den kleinen Alltagssorgen nichts zu sagen. Es ist jedenfalls davon auszugehen, dass das Erzbistum Vaduz erhalten bleibt. Wolfgang Haas meint, «dass unser Erzbistum als stabile, personenunabhängige Teilkirche errichtet wurde». 1997 nannte man dies noch eine Notlösung für ein Personalproblem; nun also soll es stabil und personenunabhängig sein. Zu personellen Fragen will sich der Erzbischof ansonsten nicht äussern. Ohnehin ist alles unwägbar und unvorhersehbar, alles der Vorsehung überlassen.
Es ist ein sonderbares Hirtenwort, das Transparenz im Titel trägt, aber keine Transparenz schafft. Über konkrete Fragen zu den Grenzen, Verbindungen und Plänen für das Erzbistum Vaduz erfährt man nichts. Wohl aber über den Platz des Erzbischofs im ewigen Heilsplan Gottes. Mit Demut hat das allerdings nicht mehr viel zu tun; eher nennt man diese Haltung in der theologischen Tradition «Hybris» – auf Deutsch: Selbstüberschätzung.
*Der Gastkommentar von Günther Boss ist zuerst im Liechtensteiner Volksblatt erschienen. Die Zweitpublikation auf kath.ch erfolgt mit Einverständnis von Zeitung und Autor.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/guenther-boss-erzbischof-wolfgang-haas-fuehlt-sich-erwaehlt/