Im Trauermonat November sind uns die Verstorbenen wohl näher als sonst im Jahr. Wir gedenken derjenigen, die nicht mehr physisch unter uns weilen. Im ausgehenden 19. Jahrhundert florierte die Geisterfotografie. Sie gab vor, Porträts mit Toten zu ermöglichen.
Natalie Fritz
Gibt es ein Leben nach dem Tod? Umgeben uns die Seelen der verstorbenen Lieben? Sind sie bei uns und lässt sich das eventuell sogar mit technischen Mitteln beweisen? Diese Fragen sind keineswegs neu, sie beschäftigten die Menschen schon lange vor dem digitalen Zeitalter. Die Beweise für ein mögliches «Nachleben» sollten hieb- und stichfest sein, sie sollten die Realität abbilden und nicht die Fantasie. Kein Wunder also, dass im späten 19. Jahrhundert die Geisterfotografie auf grosses Interesse stiess.
Insbesondere in den angelsächsischen Gebieten verbreitete sich ab der Mitte des 19. Jahrhunderts der Spiritismus als sinngebendes Weltbild rasant. Die Vorstellung, dass der Geist den Körper überlebt, war für viele Menschen eine zutiefst tröstliche Aussicht. Séancen, während denen Medien Kontakt mit verstorbenen Verwandten und Freunden aufnahmen, boomten regelrecht. Im Vereinigten Königreich hatten die unzähligen Kriege in den Kolonien viele Witwen, Waisen und trauernde Eltern hinterlassen, in den USA waren viele Tote dem Sezessionskrieg geschuldet.
All diese Menschen suchten nach einer Verbindung zu den ihren im Jenseits. Durch menschliche Medien konnten die Lebenden zwar mit den Toten sprechen, sie an Séancen vielleicht gar spüren, aber die aufkommende Geisterfotografie eröffnete einen ganz neuen Zugang!
Das technische Wunderwerk Fotoapparat stieg zum neuen «Medium» zwischen dem Hier und dem Dort auf. Plötzlich gab es Fotografen, die das Unsichtbare sichtbar machen konnten! Der Glaube an den wissenschaftlich-technischen Fortschritt war im ausgehenden 19. Jahrhundert gross!
Davon profitierten selbsternannte Geisterfotografen wie der Amerikaner William H. Mumler in den 1860ern oder, etwas später, der Engländer William Hope. Beide verdienten ihr Geld damit, trauernde Menschen hinters Licht zu führen.
1862 belichtete der Amateurfotograf Mumler ein Selbstporträt zu lange. Bei der Entwicklung der Platte erkannte er, dass sie zuvor nicht richtig gereinigt worden war und man nun auf dem Selbstbildnis auch eine durchscheinende Frauensilhouette erkennen konnte. Je nach Quelle wollte sich Mumler einen Scherz auf Kosten seiner Spiritistenfreunde und -freundinnen erlauben oder er ahnte bereits, wie lukrativ das Geschäft mit Geisterfotos sein könnte.
Mumler stand nämlich seit längerem mit Hannah Green Stuart in Kontakt, einer Strohwitwe, die sich hauptsächlich als Medium verdingte und gut davon lebte. Mumler erklärte nun, dass auf besagtem Foto er mit einer Verstorbenen – manche Quellen vermuten seine tote Cousine – zu sehen sei. Das Bild schlug ein wie eine Bombe! Eine Geistererscheinung, gebannt auf einer Fotografie?! Das wollten alle sehen – und haben!
Mumler heiratete Green Stuart und eröffnete ein Atelier, vor dem die Menschen Schlange standen, um sich mit ihren lieben Verstorbenen abbilden zu lassen.
Das Ehepaar Mumler manipulierte nicht nur die Fotos geschickt, sondern auch die Besucherinnen und Besucher des Fotostudios: Mumler erklärte stets, dass er nicht wisse, ob sich ein Geist zeigen werde und wenn ja, wer genau. Wenn die Auftraggebenden die Erscheinung auf dem Bild keiner verstorbenen Person zuordnen konnten, dann half Mumler durch geschicktes Fragen nach, das Geistwesen trotzdem sinnvoll in den Reihen der Bekannt- oder Verwandtschaft zu lokalisieren.
Obwohl das Geschäft mit Trostsuchenden und Verzweifelten durchaus ambivalent ist, so darf man den Nutzen für die Betroffenen nicht vergessen. Für viele Menschen bedeutete der Besitz ein solchen Geisterfotos der Beginn der Verarbeitung und des Abschiednehmens.
Mumlers wohl berühmtestes Geisterfoto ist das Porträt von Mary Todd Lincoln, Abraham Lincolns Witwe. Die Fotografie, die um das Jahr 1870 datiert, zeigt Todd Lincoln mit ihrem fünf Jahre zuvor verstorbenen Ehemann. Mary Todd Lincoln war Spiritistin – sie hatte zuvor bereits zwei Söhne im Kindesalter und mehrere (Halb-)Brüder verloren – und glaubte daran, dass es eine Verbindung zwischen den Lebenden und den Toten gab.
So lässt sich erklären, weshalb sie den populärsten Geisterfotograf der USA aufsuchte für ein Porträt mit ihrem Mann – dies, obwohl Mumler zuvor bereits mehrfach des Betrugs bezichtigt worden war.
Auch für den britischen Schriftsteller und Arzt, Sir Arthur Conan Doyle, stellte die Geisterfotografie eine Möglichkeit dar, um in Zeiten des Verlusts Trost zu finden. Dies, obwohl Doyle der Erfinder des rationalen Deduktionsgenies Sherlock Holmes war.
Doyle selbst war schon früh an paranormalen Phänomenen interessiert gewesen und glaubte daran, dass das, was Fotoapparate abbildeten, die Wirklichkeit war. Er verteidigte den prominenten britischen Geisterfotografen William Hope gegen die Anschuldigungen mehrerer skeptischer Forscher. Harry Price, eine Instanz auf dem Gebiet der parapsychologischen Forschung, überführt 1922 Hope des Betrugs. Er konnte nachweisen, dass Hope für seine Geisterfotografien Platten benutzte, auf die die Erscheinungen bereits aufbelichtet worden waren.
Nichtsdestotrotz trat Doyle auch weiterhin für den Geisterfotografen ein und tat die Anschuldigungen als verleumderisch ab. Er sah – wie viele vor und nach ihm – auf den Fotos das, woran er glaubte und was er zu sehen erhoffte!
Auch heute noch – in der Zeit von Digital Natives und Fake News – lassen wir uns von der angeblichen Authentizität der Fotografie verführen und vergessen dabei, wie leicht sich die festgehaltene «Wirklichkeit» manipulieren lässt: Mit Blitz fotografierte Staubkörner oder Insekten reflektieren das Licht und können auf einer Fotografie geisterhafte Spuren hinterlassen. Und Bearbeitungstools wie Filter oder Verzerrer lassen sich kinderleicht zum Verfremden und Verändern von digitalen Fotografien nutzen.
Die Technik hat sich wohl geändert, die Sehnsucht nach Beweisen für eine – wie auch immer geartete – Präsenz der verstorbenen Lieben bleibt bestehen.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/wenn-bilder-luegen-kleine-geschichte-der-geisterfotografie/