Der Luzerner Ehrendoktor Mussie Zerai setzt sich seit Jahren für Menschenrechte ein. Manche nennen den katholischen Priester «Father Moses», weil er Flüchtlinge vor dem Ertrinken im Mittelmeer rettet. Mussie Zerai verurteilt die Verhaftung eines Bischofs in seinem Heimatland Eritrea.
Beate Laurenti
Letzte Woche haben die Behörden in Eritrea den katholischen Bischof Abune Fikremariam Hagos und zwei weitere Priester festgenommen. Kennen Sie den Bischof?
Mussie Zerai*: Ich kenne ihn schon sehr lange, noch aus meiner Zeit in Afrika. Als ich in der Schweiz gelebt habe und er Bischof wurde, hat er mich mehrmals besucht. Das letzte Mal haben wir uns vor wenigen Wochen während seiner Europa-Reise telefonisch ausgetauscht.
Was ist er für ein Mensch?
Zerai: Eine wundervolle Person: bescheiden und sehr verwurzelt im Glauben. Er gibt den Schwachen eine Stimme und setzt sich unermüdlich für Gerechtigkeit und Frieden ein.
«Warum der Bischof ausgerechnet nach seiner Rückkehr aus Europa verhaftet wurde, ist mir ein Rätsel.»
Vergangene Woche ist er am Flughafen in Asmara verhaftet worden. Können Sie sich das erklären?
Zerai: Nein. Ich frage mich ständig: «Warum?» und «Warum jetzt?» Nichts von dem, was er hier in Europa gesagt hat, ist neu. Dass er sich gegen die Regierung, gegen das Regime stellt, ist längst bekannt. Das hat er auch bei öffentlichen Auftritten in Eritrea immer deutlich gemacht. Warum er ausgerechnet nach seiner Rückkehr aus Europa verhaftet wurde, ist mir ein Rätsel. Ich verlange eine Erklärung von den Behörden – aber es kommt einfach nichts.
Also ist das reine Willkür?
Zerai: Er hat nur seinen Job gemacht. Wenn die Regierung unsere Schulen und Kliniken verstaatlicht, hat die Kirche das Recht, ihre Stimme dagegen zu erheben. Und das macht der Bischof seit Jahren.
Einige Tage zuvor wurden zwei weitere Priester festgenommen. Kennen Sie die?
Zerai: Nein, ich kenne nur ihre Namen – dafür bin ich schon zu lange in Europa.
Warum haben die Behörden keinen Respekt vor Geistlichen?
Zerai: Weil das autokratische Regime von Präsident Isaias Afewerki atheistisch und fundamentalistisch ist. Für diese Menschen gibt’s keine Religion. Das ist wie im Marxismus: Für sie ist Religion Opium für das Volk. Das einzige Ziel ist es, den Einfluss der Religion zu schwächen.
«In Eritrea macht die Kirche auf Menschenrechtsverletzungen aufmerksam, ist unbequem.»
Welche Rolle spielt die Kirche in Eritrea?
Zerai: Sie ist die Stimme des Volkes. Eine Stimme gegen Gewalt und Ungerechtigkeit. Sie macht auf Menschenrechtsverletzungen aufmerksam, ist unbequem. Das will das Regime unbedingt vermeiden.
Was halten Sie von der Reaktion seitens des Vatikans?
Zerai: Ich denke, dass der Vatikan versucht, mit den Verantwortlichen ins Gespräch zu kommen, um eine Lösung zu finden. Aber auch Papst Franziskus kann nichts machen – trotz der diplomatischen Beziehungen zwischen Eritrea und dem Vatikan. Wichtig wäre es, erst einmal den Grund für die Verhaftung zu kennen. Erst dann können weitere Schritte unternommen werden.
Seit Jahren tobt der Krieg im Norden Afrikas. Dieses Jahr ging es hauptsächlich um die Ukraine…
Zerai: Deshalb hat Papst Franziskus erst vor Kurzem an den Krieg in anderen Teilen der Welt erinnert. Auch im Jemen, im Kongo oder in Nordäthiopien sterben Menschen, und das jeden Tag. Dass wir darüber nicht sprechen, ist ein Unding. Auch sie gehören zu dieser Welt.
«Die Folgen des Krieges in der Ukraine spüren die Menschen in Europa viel stärker.»
Wie erklären Sie sich das?
Zerai: Die Ukraine liegt in Europa, das ist einfach näher. Russland ist ein mächtiges Land und hat viel Einfluss. Die Folgen des Krieges in der Ukraine spüren die Menschen in Europa viel stärker als die Folgen eines Krieges in Afrika. Sie sind unmittelbar betroffen.
Was würden Sie sich wünschen?
Zerai: Wir sollten die gesamte Welt in den Blick nehmen. Das gilt vor allem für Organisationen wie die NATO, die Afrikanische Union, die Europäische Union und die Vereinten Nationen. Sie müssen endlich eine Lösung für die Menschen in Eritrea und Äthiopien finden. Afrikas Osten brennt. Dass wir dort 2022 immer noch keine Gerechtigkeit und keinen Frieden gewährleisten können, ist unglaublich. Die internationale Gemeinschaft darf diesen Zustand nicht akzeptieren.
«Gott findet immer einen Weg zu den Herzen der Menschen.»
Können Sie noch hoffen?
Zerai: Ja, weil ich an Gott glaube. Er findet immer einen Weg zu den Herzen der Menschen. Ich für meinen Teil bete zumindest jeden Tag dafür.
Sie glauben an Gott, glauben Sie denn noch an die Menschen?
Zerai: Ja, weil Gott an uns glaubt. Er glaubt an die Menschen und deshalb tue ich es auch.
* Der katholische Priester Mussie Zerai stammt aus Eritrea. Sechs Jahre lang war er schweizweit für die Seelsorge der Menschen aus Eritrea und Äthiopien zuständig. Von 2014 bis 2022 war er in Rom europäischer Koordinator der eritreischen Seelsorger. Seit August 2022 lebt er in Kanada, wo er in einer italienischsprachigen Mission arbeitet.
Grosse Bekanntheit erlangte er durch seinen Einsatz für in Seenot geratene Geflüchtete im Mittelmeer: Er gibt die GPS-Koordinaten an die italienische Küstenwache weiter und konnte so wohl Tausenden von Flüchtlingen das Leben retten.
2020 erhielt er die Ehrendoktorwürde der Uni Luzern. In Milo Raus Film «Die Passion» spielt Mussie Zerai die biblische Figur Joseph von Arimathia.
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